Wahlkampf-Irritationen in Sachsen-Anhalt: „Wir sind der Deich“: Warum die SPD mit einem Zitat aus einem NS-Lied wirbt

Deiche sind was Feines: Schafe auf dem Elbdeich bei Brokdorf in Schleswig-Holstein.
Imago/Chris Emil Janßen- SPD in Sachsen-Anhalt wirbt mit „Wir sind der Deich“ gegen eine AfD-geführte Regierung.
- Kritik entzündet sich am Bezug zu einem NS-Lied von 1936 mit ähnlicher Zeile.
- SPD verweist auf Nutzung als Metapher für Zusammenhalt, etwa während der Oderflut 1997.
- Juristisch ist der Slogan nicht relevant – politisch nennen Kritiker ihn ungeschickt.
- Kontext: AfD liegt in Umfragen vorn, mehrere Parteien kämpfen um die Fünf-Prozent-Hürde.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Am 13. August 2026 traten hochrangige Vertreter der SPD in Sachsen-Anhalt vor die Presse und verkündeten Berührendes, das zu Herzen gehen sollte. Mit einer „emotionalen Wahlkampagne“ wollten die in Wahlumfragen gebeutelten Sozialdemokraten für eine stabile Regierung der „demokratischen Mitte“ in der Landeshauptstadt Magdeburg werben.

Der Hochschullehrer und Wissenschaftsmanager Armin Willingmann ist Spitzenkandidat der SPD in Sachsen-Anhalt. Unter seiner Ägide wirbt die Landes-SPD mit dem Slogan "Wir sind der Deich" ausgerechnet für den Kampf gegen eine AfD-Regierung .
Imago/dts Nachrichtenagentur„Wir wollen nicht, dass dieses Land blau überflutet wird“, sagte SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann bei der Vorstellung der Kampagne „Wenn der Deich bricht, trifft es alle“ in Magdeburg. „Blau“ ist ein in der Parteipolitik mit Vorliebe gerbrauchtes Synonym für die AfD, deren politische Erkennungsfarben hellblau und rot sind.
Mehr Erfahrung mit „Deichen“ als mit „Brandmauern“
Die SPD nutze dieses Bild vom Deich „ganz bewusst als Metapher und politischen Gegenentwurf“, schreibt die Ostdeutsche Allgemeine.
SPD-Chef Willingmann mahnte bei der Präsentation, dass viele Menschen Angst hätten vor den Folgen rechtsextremer Politik, etwa für Menschen mit Behinderungen, in der Wirtschaft, der Kultur und der Wissenschaft. Mit Deichen hätten die Menschen in Sachsen-Anhalt mehr Erfahrungen als mit theoretischen Brandmauern, so der Landeschef weiter.

Mit Deichen hätten die Menschen in Sachsen-Anhalt mehr Erfahrungen als mit theoretischen Brandmauern, sagt SPD-Landes-Chef Willingmann (Fotomontage)
Imago/BihlmayerfotografieDie Sozialdemokraten setzten darauf, mit einer möglichst breiten demokratischen Mehrheit, eine AfD-geführte Regierung zu verhindern. Das Wahlprogramm der AfD sei der „radikalste Umbau“, den man sich in einem deutschen Bundesland vorstellen könne, ergänzte Willingmann. Drei Wochen vor der Wahl gehe es auch darum, nicht nur die Vernunft der Menschen, sondern auch das Gemüt anzusprechen. Der Wahlkampf sei in diesem Jahr stärker emotionalisiert.
Passend zum Wahlkampfplakat hat die SPD einen schnittigen 1-Minute-Film auf YouTub erstellt, in dem sich die Partei zum „Deichbaron“ erklärt.
Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. In Umfragen lag die AfD zuletzt mit großem Abstand vor der CDU. Grüne, FDP, BSW und auch die SPD drohen, an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern und den Einzug in den Landtag zu verpassen.
Eingängige Slogans sind Gold wert
Die Landes-SPD ist stolz auf ihre neue Wahlkampagne. Ihre PR-Abteilung dürfte viele Stunden Arbeit und viel Geld in den Entwurf des Slogans, der Plakate und der Kampagnentexte samt Flyer und Social-Media-Links gesteckt haben. Gute Slogans sind bei Wahlen Gold wert, zahlen sie sich doch im günstigsten Fall in Wählerstimmen aus.
Und doch: Gut gemeint, ist mitunter schlecht gemacht. Dies gilt auch für die „Deich“-Kampagne der „Sozis“. Bevor man mit einer Wahlwerbung an die Öffentlichkeit geht, sollte man vorab genauestens prüfen, ob der Inhalt nicht irgendwelche peinliche Patzer enthalten könnte. Denn bei diesem Slogan ist dies der Fall.
NS-Parole „Wir sind das Reich, und wir sind der Deich“
Die Zeile „Wir sind das Reich, und wir sind der Deich“ stammt unstrittig aus dem NS-Lied „Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen“, das 1936 als Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes verfasst wurde. Die erste von drei Strophen lautet wörtlich:
„Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen.
Denn wir sind das Reich,
und wir sind der Deich
um Volk und Arbeit und Freiheit zugleich.
Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen.“

Mitglieder des Reichsarbeitsdiensts beim Kartoffelschälen (um 1933/34).
Imago/ArkiviGeschrieben hat dieses Kampflied Wilhelm Decker (1899–1945), ein hoher NS-Funktionär des Reichsarbeitsdienstes., der am 1. Mai 1945 in den Kämpfen um Berlin ums Leben kam. Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine offizielle Organisation im nationalsozialistischen Deutschland. Ab 1935 mussten junge deutsche Männer ab 18 Jahren dort für sechs Monate einen Arbeitsdienst ableisten. Er diente der nationalsozialistischen Erziehung, der Arbeitsbeschaffung und der militärischen Vorbereitung auf den Krieg.
Wie kann PR-Profis ein solcher Fehler unterlaufen?
„Errare humanum est“ - „Irren ist menschlich“, wie schon der berühmte römische Rhetor Cicero in der Antike wusste. Schließlich sind auch Sozialdemokraten nur Menschen. Also Schwamm drüber? Nein! Um die Bibel zu zitieren: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Die Bibel, Matthäusevangelium, Kapitel 7, Vers 3).
Die Frage ist also berechtigt: Wie konnte PR-Profis so ein brachialer Fehler unterlaufen? Liegt es an mangelndem handwerklichem Können? Ohne an historischer Unwissenheit? Oder zeugt es von politischer Instinktlosigkeit?
Die SPD weist dererlei Vorwürfe selbstverständlich zurück. René Wölfer, Sprecher von SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann, sagte der „BILD“-Zeitung, die Redewendung „Wir sind der Deich“ seit Jahrzehnten unabhängig von seinem ursprünglichen Zusammenhang genutzt werde. Etwa „während der Oderflut 1997 als Symbol für Zusammenhalt“.
Auch die Initiative „Omas gegen Rechts“ habe die Formulierung verwendet, so Wölfer weiter. „Es geht um Zusammenhalt, Verantwortung und den gemeinsamen Schutz unserer Demokratie. Einen Bezug zu dem NS-Lied weist die Partei entschieden zurück.

„Omas gegen Rechts" demonstrieren gegen die AfD am 12. April 2026 in Weimar.
Imago/ZUMA Press WireIst „Deich“ geeigneter als „Brandmauer“?
Die entscheidende Frage ist Darf man geflügelte Worte der deutschen politischen Sprache unbedacht und ohne jede historisch-kritische Prüfung einfach übernehmen? Der Verweis auf die Verwendung des Slogans durch „Omas gegen rechts“ ist jedenfalls kein hinreichendes Argument.
Vielleicht ist die SPD in Sachsen-Anhalt aber auch besonders heimat- und naturverbunden. „Deich“ ist schließlich eine naturnahe Metapher, die sich viel besser zur Abgrenzung von unliebsamen politischen Konkurrenten eignet als das überstrapazierte Wort „Brandmauer“.
In einem wissenschaftlichen Fachbuch aus dem Jahr 2005 heißt es: „Metaphern haben für das Verständnis von Umweltthemen eine konstituierende und sinnstiftende Funktion. Gerade in der hier durchgeführten ökokritischen Diskursanalyse der Presseberichterstattung über Flussüberschwemmungen in Deutschland und Frankreich zeigt sich, wie Metaphern und Metaphernsysteme kulturell kon- und divergierende ‚Natur-Kulturen‘ und Verbindungen von Natur und Nation konstruieren.“
Ein weiterer historisch belasteter Slogan
Dennoch bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Die etymologische Provenienz des Slogans „Wir sind der Deich“ ist unzweifelhaft historisch belastet. Das hätte man in der Magdeburger SPD-Zentrale wissen müssen. Mit einem von Nazis verwendeten Liedzitat für den eigenen Kampf gegen eine rechtspopulistische Partei zu werben, ist jedenfalls keine besonders schlaue Idee.
Schon ein kurzer Blick in die Geschichte der PR-Patzer hätte die Verantwortlichen sensibilisieren müssen:
- 1998 hatte der finnische Handy-Hersteller Nokia mit „Jedem das Seine“ für austauschbare Handy-Gehäuse geworben. Nachdem das American Jewish Commitee scharf gegen die Verwendung des Zitats protestiert hatte, wurden die Plakate zügig mit dem Titel einer Shakespeare-Komödie überklebt: „Was ihr wollt“.
- 2009 kam es erneut zum Eklat. Mit dem Spruch „Jedem den Seinen“ warben die Konzerne Tchibo und Esso für Kaffee an rund 700 Tankstellen. Dass die Redewendung an einen von den Nazis missbrauchten Spruch über dem Tor zum Konzentrationslager Buchenwald erinnert, habe man nicht gewusst, rechtfertigte die verantwortliche Werbeagentur die Aktion. Tschibo und Esso zogen den Slogan daraufhin zurück.

Die Inschrift "Jedem das Seine" am Eingangstor der KZ Gedenkstätte Buchenwald in Thüringen
Imago/imagebroker
„Ignorantia legis non excusat“ lautet ein Rechtsgrundsatz aus dem antiken römischen Recht. Im Deutschen hat sich dieser juristische Satz als Volksweisheit verewigt: „Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht vor Strafe“ oder geläufiger „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“.
Björn Höcke gab sich ahnungslos
Nun hat die SPD keine strafrechtliche Konsequenzen wie etwa Björn Höcke zu befürchten. Dem AfD-Vorsitzenden von Thüringen wurde in einem Prozess im Mai 2024 vorgeworfen, wissentlich in einer Rede im Mai 2021 in Merseburg (Sachsen-Anhalt) einen verbotenen Nazi-Spruch verwendet zu haben. Am Ende einer etwa 20-minütigen Rede sagte er: „Alles für unsere Heimat, alles für Sachsen-Anhalt, alles für Deutschland.“
Beim dritten Teil des Dreiklangs handelt es sich um eine verbotene Losung der Sturmabteilung (SA), der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP. Die Staatsanwaltschaft Halle warf Höcke vor, von der Herkunft und der Bedeutung der Losung gewusst zu haben. Ihm wurde das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen zur Last gelegt.

Der AfD-Politiker Björn Höcke musste sich im Juli 2024 in Halle Saale (Sachsen-Anhalt) in einem zweiten Prozess vor Gericht verantworten.
Imago/dts NachrichtenagenturEinen Bezug zu der verfemten der SA-Losung „Alles für Deutschland“ wies Höcke bei der Gerichtsverhandlung 2024 vehement zurück. Und machte auf ahnungslos: „Ich bin tatsächlich völlig unschuldig“, erklärte er damals. Hätte er gewusst, worum es sich bei handele, hätte er sie „mit Sicherheit nicht verwendet.“
Die Richter nahmen Höcke seine Ahnungslosigkeit nicht ab. Das Landgericht Halle verurteilte den AfD-Politiker daraufhin in zwei Verfahren zu Geldstrafen von insgesamt 13.000 Euro sowie 16.900 Euro.
Zur Info: Diese Nazi-Parolen und -Gesten sind verboten?
Der Gesetzgeber hat nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 beschlossen, die Zeichen und Symbole des untergegangenen Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Die entsprechenden Bestimmungen im Strafgesetzbuch (StGB) beziehen sich auf die „Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen“ (§ 86 StGB) und auf das „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ (§ 86a StGB)
- Kühnengruß/Widerstandsgruß: Der Kühnen- oder Widerstandsgruß ist eine Abwandlung des Hitlergrußes. Statt der ganzen Hand werden dazu der Ringfinger und der kleine Finger angewinkelt und die anderen drei Finger voneinander abgespreizt. So entsteht ein „W“, das für Widerstand stehen soll. Namensgeber war der deutsche Neonazi Michael Kühnen (1955-1991). Die Verwendung ist strafbar.
- „Heil Hitler“: Gesprochene Grußformel. Die Verwendung ist strafbar.
- „Mit Deutschem Gruß“: Briefliche Grußformel. Die Verwendung ist strafbar.
- „Sieg Heil: Parteitags- und Massenparole. Die Verwendung ist strafbar.
- „Ein Volk, ein Reich, ein Führer: Losung der NSDAP. Die Verwendung ist strafbar.
- „Deutschland erwache“: Losung der NSDAP. Die Verwendung ist strafbar.
- „Alles für Deutschland“: Losung der SA. Die Verwendung ist strafbar.
- „Meine/Unsere Ehre heißt Treue“: Losung der SS. Die Verwendung ist strafbar.
- „Blut und Ehre“: Losung der Hitler-Jugend. Die Verwendung ist strafbar.
- „Rotfront verrecke“: Gegen den kommunistischen Roten Frontkämpferbund in der Weimarer Republik gerichtete Hassparole. Die Verwendung ist strafbar. (Quelle: Bayerische Informationsstelle gegen Rechtsextremismus)
„Wir sind der Deich“: nicht gerichtsrelevant, aber ungeschickt
Der Bundesgerichtshof (BGH) stufte die Verwendung der Parole „Alles für Deutschland“ als strafbares Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nach Paragraf 86a des Strafgesetzbuches (StGB) ein. Das Gericht stellte fest, dass Höcke der historische Bezug der Parole bewusst war und die Einschränkung der Meinungsfreiheit in diesem Fall zum Schutz der Demokratie rechtmäßig ist.

Parteien der politischen Mitte: Armin Willingmann (SPD, li.), Susan Sziborra-Seidlitz (Grüne) und Sven Schulze (CDU, re.) nehmen am 18. August 2026 an einer Veranstaltung des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien in Halle teil.
Imago/dts NachrichtenagenturNun dürfte der SPD-Slogan „Wir sind der Deich“ nicht gerichtsrelevant sein. Politisch ungeschickt ist er allemal. Eine Partei, die bei der Wahl am 6. September um den Einzug in den Magdeburger Landtag bangt, sollte beim Endspurt nicht ein solcher PR-Fehler unterlaufen. Das ist nicht nur peinlich, sondern unterminiert auch das Vertrauen in die Seriosität einer Partei, die sich zur selbst erklärten „demokratischen Mitte“ zählt.
