Die CDU will die Vormachtstellung der Grünen beenden und Muhterem Aras das Direktmandat abnehmen. Für die FDP ist es eine Schicksalswahl.

Die Landtagswahl vor fünf Jahren glich einem Triumphzug der Grünen im Land mit einem Vorsprung von 8,5 Prozentpunkten vor der CDU. Vor allem in Stuttgart war der Jubel groß, wo man mit 39 Prozent den stärksten Konkurrenten um 17,8 Prozentpunkte distanzierte. Die Grünen holten alle vier Direktmandate. Mit der Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Wissenschaftsministerin Petra Olschowski und Verkehrsminister Winfried Hermann haben seitdem gleich drei Stuttgart-Bewerber bedeutende Ämter inne. Hermann wird dieses Mal durch den Spitzenkandidaten Cem Özdemir ersetzt, der im südlichen Wahlkreis II antritt.

 

Mittlerweile haben sich die Vorzeichen im Land geändert. Die Grünen haben laut aktuellen Umfragen rund sieben Prozentpunkte verloren, die CDU fünf hinzugewonnen. Die AfD hat sich mit 20 Prozent mehr als verdoppelt, die FDP hat sich mit derzeit fünf Prozent dagegen halbiert und muss fürchten, aus dem Landtag zu fliegen. Ihren Platz könnte Die Linke einnehmen, die stabil bei sieben Prozent liegt (2021: 3,6 Prozent). In Stuttgart waren die Linken schon vor fünf Jahren bei sechs Prozent gelandet.

Der Trend ist auch in der Landeshauptstadt nicht der Freund der Grünen. Bei der Bundestagswahl und der Kommunalwahl hat sie gegenüber der CDU an Boden verloren. Im Innenstadt-Wahlkreis, der die Bezirke Nord, Süd, West und Mitte sowie die Ost-Stadtteile Gänsheide und Uhlandshöhe repräsentiert, dürfte für die erstarkte CDU das Ziel, wieder Direktmandate für sich zu gewinnen, eine besondere Herausforderung darstellen. Er ist durch seine sozialkulturellen Gegebenheiten – hier liegt die City ebenso wie vier Hochschulstandorte, es gibt urbane Quartiere und staugeplagte Straßenzüge – mit „Grünen-Hochburg“ nur unzureichend beschrieben. Mit 44,8 Prozent lagen die Grünen vor fünf Jahren 26,9 Prozentpunkte vor der CDU, für die dies das schlechteste Ergebnis seit dem Krieg gewesen ist. Muhterem Aras holte zum dritten Mal das Direktmandat, erneut mit dem besten Ergebnis ihrer Partei im Land. Sie konnte es auch als Erfolg werten, die AfD kleingehalten zu haben, die nur auf 3,3 Prozent kam. Diese Zeiten dürften vorbei sein.

FDP auf Tal- und Die Linke auf Bergfahrt

Die FDP war 2021 zweistellig (10,1) Prozent, ihr Wählerpotenzial ist seit dem Ampel-Aus in Berlin aber sichtlich geschrumpft. 9,4 Prozent für die SPD markierten für die Genossen 2021 einen neuen Tiefpunkt. Die Linke kam auf 7,5 Prozent, es war das drittbeste Resultat im Land und bedeutete mehr als eine Verdopplung gegenüber 2016. Und der Höhenflug scheint anzuhalten. Mit 69,4 Prozent war der Wahlkreis 2021 hinsichtlich der Beteiligung übrigens der viertbeste. Das sind die Direktkandidatinnen und Direktkandidaten:

Die bisherige Landtagspräsidentin Muhterem Aras stellt sich wieder zur Wahl. Foto: Grüne

Muhterem Aras (Grüne)

Die 60-jährige Landtagspräsidentin sagt, Stuttgart sei für sie „Heimat und Herzensangelegenheit“. Seit 2011 kämpfe sie als Abgeordnete „für eine starke Demokratie, gleiche Chancen und eine gerechte, solidarische und vielfältige Gesellschaft“. In ihrem Amt mache sie „Politik sichtbar, nahbar – und wehrhaft gegen Hass und Hetze“. Sie sei überzeugt, „dass Teilhabe, Vielfalt und Frauenpower uns als Gesellschaft“ bereicherten. Die Grünen bewerben sie als Demokratin, Kämpferin, Zukunftsdenkerin, Stuttgart-Liebhaberin. Die Partei will, dass Baden-Württemberg „eine lebenswerte Heimat bleibt, die mit Tatkraft und Innovation Zukunft schafft“. Polarisierung trete man „mit einem klaren Kompass und radikaler Sachlichkeit entgegen. Muhterem Aras wurde 1966 in der Türkei als Tochter alevitischer Kurden geboren. Sie zog 1978 mit Mutter und vier Geschwistern zum 1968 nach Deutschland eingewanderten Vater. Sie ist seit 1986 verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Aras hat Wirtschaftswissenschaften studiert und ist Inhaberin einer Steuerberaterkanzlei. 1993 ist sie den Grünen beigetreten. Von 1999 bis 2011 saß sie im Stuttgarter Gemeinderat, seit 2007 war sie eine von zwei Fraktionsvorsitzenden. Aras Einzug in den Landtag gilt als sicher – sie steht auf Listenplatz 3 ihrer Partei.

Teresa Schreiber stellt sich für die CDU zur Wahl. Foto: CDU

Teresa Schreiber (CDU)

Die CDU Stuttgart zeigt sich „bereit für die Landtagswahl im Frühjahr 2026“. Sie gehe mit einem starken Team gestärkt aus der Kommunal- und Bundestagswahl in diesen entscheidenden Wahlkampf, um ihren Spitzenkandidaten Manuel Hagel zum Ministerpräsidenten zu machen und Direktmandate zurückzuholen. Die 26-jährige Juristin Teresa Schreiber, seit 2025 als Staatsanwältin tätig und seit 2020 in der CDU, beschäftigt vor allem das Thema Sicherheit. Das subjektive Sicherheitsgefühl und die objektive Sicherheitslage hätten sich trotz der guten Arbeit des Innenministers verschlechtert, meint sie. Daher müsse man die Polizei besser ausstatten. „Für eine konsequente Strafverfolgung bräuchte es allerdings auch mehr Staatsanwälte und Richter“, betonte die Juristin. Es müsse selbstverständlich sein, dass sich alle, aber besonders junge Frauen, jederzeit sicher fühlten. Baden-Württemberg müsse wieder ein Land werden, in dem niemand Angst um die Zukunft seines Arbeitsplatzes hat, in dem neue, innovative Unternehmen entstehen, in dem die Bildung wieder exzellent ist, in dem vernünftige Verkehrspolitik gemacht wird und die Bezirke vor Ort lebendig sind. Teresa Schreiber ist Beisitzerin im CDU-Kreisvorstand und stellvertretende Vorsitzende im Stuttgarter Norden.

Claudia Schober will für die FDP in den Landtag einziehen. Foto: FDP

Claudia Schober (FDP)

Für die Stuttgarter Liberalen steht nach eigenen Worten „eine Schicksalswahl“ im Hinblick auf den Fortbestand der Partei an. Bestimmende Themen seien Wirtschaft und Bildung, sagt auch die FDP-Kandidatin für den Wahlkreis I, die Diplom-Kauffrau und stellvertretende Bezirksbeirätin im Westen, Claudia Schober. Als langjährige Unternehmensberaterin und heutige Unternehmerin im Bereich Immobilienprojektentwicklung habe sie täglich die Wohnraum- und Baukrise vor Augen, die nicht nur Familien und junge Menschen, sondern auch die Wirtschaft treffe. „Denn Unternehmen brauchen Fachkräfte – und Fachkräfte brauchen Wohnraum. Die Bauwirtschaft ist eine Schlüsselbranche, und sie wieder in Gang zu bringen, ist eine Grundvoraussetzung für die Zukunft unseres Wirtschaftsstandorts“, so Schober. Sie möchte mit liberalen Lösungsansätzen – weniger Staat, Wachstum durch Innovationen – dafür sorgen, dass der Freiraum für unternehmerisches Handeln geschaffen werde.

Ihr Herzensthema sei die Bildung. Die jungen Menschen müssten dazu befähigt werden, auf eigenen Beinen zu stehen und die Herausforderungen des Lebens selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu meistern. Allerdings würden die Kinder heute in Schulen von gestern „mit linken Methoden von vorgestern auf die Probleme von übermorgen vorbereitet“. Es brauche einen neuen Masterplan für die Bildung der Zukunft, vom frühkindlichen Bereich bis zum höchsten Abschluss.

Gewerkschafterin, Juristin, Mutter: Hanna Binder. Foto: SPD

Hanna Binder (SPD)

Das Privileg eines sicheren Listenplatzes hat die 50-jährige Hanna Binder nicht. Platz 32 gilt als wenig aussichtssreich – derzeit gibt es 19 SPD-Mandatsträger. Binder kandidiert, weil sie überzeugt ist, dass Politik den Alltag der Menschen verbessere – konkret, gerecht und zukunftsgerichtet. Als Gewerkschafterin, Juristin und Mutter wisse sie, was Familien, Beschäftigte und Seniorinnen bewegte. Deshalb setzt sie sich für bezahlbares Wohnen, gute Arbeit und eine starke öffentliche Daseinsvorsorge ein. Ihr sei es wichtig, dass der öffentliche Dienst modern und attraktiv gestaltet werde, mit fairen Arbeitsbedingungen und echter Mitbestimmung. Sie stehe für eine SPD, die wieder die Partei der Arbeitnehmer sei. Die arbeitenden Menschen dürften nicht den Rechten überlassen werden. Gemeinsam mit den Gewerkschaften will sie für ein solidarisches Stuttgart und ein gerechtes Baden-Württemberg streiten. Die Juristin, verheiratet, zwei Kinder, arbeitet seit 2009 bei der Gewerkschaft Verdi. Die ehemalige Konstanzer Gemeinderätin ist dort zuständig für den öffentlichen Dienst, sie führt Tarifverhandlungen, organisiert Arbeitskämpfe und begleitet Personal- und Betriebsräte.

Die Lehrerin Mersedeh Ghazaei tritt für die Linke an. Foto: Linke

Mersedeh Ghazaei (Die Linke)

Die Linke geht im Innenstadtwahlkreis mit Mersedeh Ghazaei ins Rennen. Sie ist auf der Landesliste weit oben – auf Rang drei – positioniert und kann sich im Falle eines Wahlerfolgs ihrer Partei auf den Einzug ins Parlament vorbereiten. Mersedeh sieht sich „als Tochter iranischer Arbeitereltern, Masterstudentin und Aktivistin aus Stuttgart“. Sie wisse, wie sich Bildungsungleichheit anfühle aus ihrer Arbeit als Lehrerin und Pädagogin. „Und wie weh es tut, wenn Politik wegsieht, während rechte Hetze lauter wird“. Sie wolle, dass Menschen wie sie – migrantisch, jung, laut – nicht nur mitreden, sondern mitentscheiden dürften. Sie bringe nicht nur Konzepte mit, sondern Geschichten, nicht nur Programme, sondern Haltung. Sie wolle Politik mit den Menschen machen, nicht über ihre Köpfe hinweg.

Die AfD geht mit Arthur Hammerschmidt ins Rennen. Foto: AfD

Arthur Hammerschmidt (AfD)

Für die AfD tritt der 20-jährige Jurastudent Arthur Hammerschmidt an. „Es ist Zeit für einen Generationenwechsel in Stuttgart und ich werde alles daransetzen, die Speerspitze der kommenden Generationen in Stuttgart zu werden“, erklärte der als Beisitzer im Kreisverband fungierende Hammerschmidt seine Wahl. Vor ihrer Auflösung war er stellvertretender Landessprecher der vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuften Jungen Alternative im Land.

Arthur Hammerschmidt steht laut AfD „für einen bewussten Generationenwechsel in der Stuttgarter Politik“. Als Jurastudent bringe er „eine ausgeprägte Sensibilität für rechtsstaatliche Fragen, institutionelle Verantwortung und demokratische Verfahren“ mit. Sein Ziel sei es, die AfD „als ernsthafte Gestaltungsalternative auch für kommende Generationen zu etablieren“.