Bad Säckinger Stadtwerke Putin, die Säckinger und das Millionenloch
Putins Krieg soll schuld daran sein, dass die Stadtwerke Bad Säckingen ums Überleben kämpfen. Doch die Krise hat auch hausgemachte Ursachen – etwa die riskante Gas-Einkaufspolitik.
Putins Krieg soll schuld daran sein, dass die Stadtwerke Bad Säckingen ums Überleben kämpfen. Doch die Krise hat auch hausgemachte Ursachen – etwa die riskante Gas-Einkaufspolitik.
Zumindest auf der Homepage der Stadtwerke Bad Säckingen ist die Welt noch in Ordnung. Unter einem Foto der Holzbrücke über den Rhein – einem Wahrzeichen der 17 000-Einwohner-Gemeinde an der Schweizer Grenze – lässt sich der erst vor anderthalb Jahren angetretene Geschäftsführer feiern. Mit seinem beruflichen Werdegang sei Udo Engel (53) „ideal auf seine neue Aufgabe vorbereitet“. Engel selbst wird mit hehren Worten über die besondere Verantwortung der Stadtwerke für Bürger, Umwelt und Wirtschaft in der Region zitiert. Man wolle dazu beitragen, Bad Säckingen „zu einem leuchtenden Beispiel“ zu machen.
Die Wirklichkeit ist deutlich trister als die bunte Webseite. Zum Jahresende gibt der Geschäftsführer seinen Job schon wieder auf. Nicht näher beschriebene „persönliche Gründe“ nannte er für den überraschenden Rückzug und bat um Verständnis. Das hält sich in Grenzen, denn Engel verlässt die Stadtwerke mitten in einer existenzbedrohenden Krise. Zu einem Exempel wurde das von der Stadt (74 Prozent) und der EnBW-Tochter Energiedienst (26 Prozent) getragene Unternehmen in der Tat – aber ganz anders als gedacht. Während Stadtwerke bundesweit vor den Folgen des Ukraine-Krieges für den Gasmarkt zittern und vorsorglich nach staatlichen Schutzschirmen rufen, sind die Säckinger schon einen Schritt weiter: Sie müssen mit einem Kraftakt ihrer Gesellschafter vor dem Zusammenbruch gerettet werden.
Schweren Herzens entschloss sich der Gemeinderat Ende Juli zu einer Kapitalspritze, die sich die verschuldete Kurstadt eigentlich kaum leisten kann. Mit gut elf Millionen Euro, aufgebracht über Darlehen, polstert sie das bedrohlich geschrumpfte Eigenkapital auf, knapp vier Millionen Euro kommen vom Partner Energiedienst. Das sei notwendig, „um die Kreditlinie der Stadtwerke weiterhin abzusichern“, hieß es – die Banken waren offenbar nervös geworden. Vor allem „Umbrüche am Beschaffungsmarkt“ seien an der finanziellen Schieflage schuld, hieß es. Damit sei Bad Säckingen „kein Einzelfall“. Niemand habe den Ukraine-Krieg vorhersehen können, Putins Aggression und deren Folgen seien „höhere Gewalt“ – so argumentiert der Bürgermeister und Aufsichtsratschef Alexander Guhl. Hauptgrund der Krise sei der extreme Anstieg der Gaspreise, mit bis zu 15-fach höheren Kosten. Sein Amt gleiche „manchmal einer Achterbahnfahrt“, meinte der 49-jährige Sozialdemokrat, der Säckingen seit 2012 regiert, in der „Badischen Zeitung“: Gerade wähne man sich noch auf gutem Kurs, und dann würden alle Pläne durchkreuzt.
Doch auch hausgemachte Probleme haben einen Anteil daran, dass die Stadtwerke nun vor der Pleite gerettet werden müssen. „Misswirtschaft, Gier und Unvermögen“ sieht die „Wirtschaftswoche“, deren Reporter sich in Zahlenwerke und Protokolle gewühlt hat. Geschäftsführung und Aufsichtsrat müssten sich kritische Fragen stellen lassen. „Unternehmerische Fehlleistungen“ diagnostizierte auch der frühere Bürgermeister (und Chefkontrolleur) Günther Nufer – und entfachte damit eine muntere Debatte, ob er nicht selbst einen Anteil daran trage. Der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) in Baden-Württemberg äußert sich zwar nicht zu einzelnen Mitgliedsunternehmen, doch was eine Sprecherin zu den Usancen in der Branche sagt, lässt ahnen, wie stark die Säckinger davon abwichen.
Beim Gaseinkauf, so der VKU, verfolgten kommunale Versorger „in der Regel“ konservative Strategien: Sie sicherten sich das Gros der Mengen über mehrere Jahre am Terminmarkt; Preissprünge würden damit abgefedert. Am kurzfristigen Spotmarkt werde ein „deutlich kleinerer Teil“ beschafft. Ungleich risikofreudiger agierten offenbar die Stadtwerke Bad Säckingen: Ein Drittel des Gases oder mehr – genaue Zahlen werden nicht verraten – kam vom Spotmarkt. Das bescherte ihnen lange hübsche Gewinne. Doch mit dem Anstieg der Preise, schon vor dem Ukraine -Krieg, wurde die Zockerei zum Fluch. Das günstig an die Verbraucher abgegebene Gas musste nun teuer beschafft werden. Warum trotz dieser absehbaren Entwicklung nicht früher gegengesteuert wurde, gehört zu den offenen Fragen.
Auch ein Großvertrag mit einem Industriekunden erwies sich als Klotz am Bein. Die auswärtige Firma bezog einen großen Teil des Gases, das die Säckinger verkauften; zuletzt stieg ihr Bedarf sogar noch. Inzwischen hat man sich auf eine Lösung geeinigt, die für die Stadtwerke halbwegs erträglich scheint. Generell sei bei der Kundenstruktur darauf zu achten, „dass kein Klumpenrisiko entsteht“, sagt die VKU-Sprecherin. Es gelte das Motto: „Lege nicht alle Eier in einen Korb.“
Üblich ist es laut dem Verband hingegen, dass Stadtwerke das Gros ihrer Gewinne an die Gesellschafter – kommunale oder private – abführen müssen. Eine Auswertung habe einst Quoten von mehr als 90 Prozent ergeben. In Säckingen wurde das Geld komplett anderweitig benötigt, vor allem für die defizitäre Tourismusgesellschaft. Investitionen mussten so mit Schulden finanziert werden. Die Folge: Die Kapitaldecke der ausgesaugten Stadtwerke sank tiefer und tiefer; zuletzt war immer öfter von einer drohenden Insolvenz die Rede. Die Öffentlichkeit sollte indes nicht unnötig beunruhigt werden. Probleme mit der Liquidität dürften „in keinem Fall nach außen dringen“, warnte der Bürgermeister Ende 2021 laut einem internen Protokoll. Wurde die Lage also bewusst verschleiert? Man habe „im Rahmen des gesetzlich Zulässigen informiert“, sagt er heute.
Wie konnte es zu dem Debakel kommen? Kritische Fragen gab es im Aufsichtsrat durchaus. Die Kontrolleure hätten aber tiefer nachbohren müssen und sich nicht abspeisen lassen dürfen, meinte ein externer Berater. Auch das Landratsamt in Waldshut genehmigte die Millionenspritze nur mit der Maßgabe, die Stadtwerke seien künftig stringent zu überwachen; es erwartet regelmäßig einen Rapport. Doch aus Sicht des Vorsitzenden Guhl, als Jurist und Bankbetriebswirt eigentlich fachlich gut gewappnet, haben sich die Aufseher „nichts vorzuwerfen“. Die Wirtschaftsprüfer, die alle Abschlüsse testierten, hätten „keinerlei Versäumnisse“ moniert. Auch deren Rolle wird inzwischen freilich kritisch gesehen. Nötig sei ein „Nachjustieren der Prozesse, etwa beim Controlling und beim Risikomanagement“, heißt es beim Mitgesellschafter Energiedienst. Wie bei der Stadt bedauert man dort, dass der Geschäftsführer „gerade jetzt“ gehe. Bei der Sanierung wäre seine Expertise hilfreich gewesen. Immerhin habe er in der Krise „intern Sicherheit vermittelt“, was viel wert sei.
Wer die Stadtwerke auf den fatalen Kurs gesteuert hat, ist strittig. Die Verantwortung für das riskante Geschäftsmodell wird teils dem früheren Geschäftsführer gegeben; der wiederum sagt, er habe die Verhältnisse seinerseits vorgefunden und zum Besseren gewendet. Seinen Job bei einem anderen Stadtwerk verlor der Mann inzwischen wieder, als dort bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft Waldshut gegen ihn ermittele. Worum es geht, wird nicht verraten; der Ex-Manager weist die Vorwürfe zurück.
Alexander Guhl gibt sich derweil zuversichtlich, den Chefposten bei den Stadtwerken Anfang 2023 nahtlos besetzen zu können. Eine „namhafte Personalagentur“ helfe bei der Suche. Bad Säckingen sei „sehr attraktiv“, begründet er seinen Optimismus, die Stelle biete „viele Potenziale für den künftigen Geschäftsführer“.