Zehn Jahre sind eine kurze Zeit, damit sich ein Wirtschaftswald in ein Naturparadies verwandelt – aber reicht diese Zeit wenigstens, damit Gras über dunkle Wut und bittere Ohnmacht vieler Menschen wächst? Wie auch immer, es ist jedenfalls Zeit für eine erste Bilanz zum Nationalpark Schwarzwald, der zum Jahresbeginn 2014 offiziell gegründet worden ist.
Warum war die Tonlage so aggressiv?
Böses Blut allerorten: Parkbefürwortern sind die Autoreifen zerstochen worden, Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) musste sich bei einer Veranstaltung die Schimpfwörter ‚Judas’ und ‚Drecksau’ anhören. So extrem waren nur wenige, aber bis heute ist nicht ganz klar, ob es vor zehn Jahren eine Mehrheit für oder doch gegen den Nationalpark gegeben hatte. Im Frühjahr 2013 lehnte bei einer Befragung eine große Mehrheit der Menschen in den sieben betroffenen Gemeinden den Nationalpark ab, viele dortige Gemeinde- und Kreisräte stimmten aber dafür. Auch bei einer landesweiten Umfrage war nur eine hauchdünne Mehrheit von 51 Prozent dafür, allerdings auch in der Nationalparkregion.
Das Problem damals war, dass die frisch angetretene grün-rote Landesregierung groß von einer Politik des Gehörtwerdens getönt hatte, und die Leute vor Ort wollten deshalb über das „Ob“ eines Nationalparks diskutieren – die Politik aber wollte die Menschen nur beim „Wie“ mitsprechen lassen. Ein großes Missverständnis.
Daneben könnte man durchaus von einem konservativ-progressiven Kulturkampf sprechen. Es prallten verschiedene Weltanschauungen aufeinander. Hier die Einwohner, die den Wald nutzen wollen und mit ihm leben, dort die Naturschützer, die den Wald ganz sich selbst überlassen möchten. Hier die Bauern vom Land, dort die „Käferzähler“ aus der Stadt. Hier die CDU mit ihrem Hauptgegner Peter Hauk, der heute als Forstminister die Erweiterung des Nationalparks mittragen sollte, es aber nicht tut, dort die Grünen mit einem Prestigeprojekt der ersten Regierungsphase.
Ist die Stimmung besser geworden?
Es ist stiller geworden, aber wirklich befriedet ist die Situation immer noch nicht. Ein Mitglied von „Unser Nordschwarzwald“, ein Verein, der damals den Widerstand maßgeblich organisiert hatte, spricht noch immer von Lug und Trug, von einem Frevel an der Natur und von einer tiefen Diktatur im Südwesten. Auch Klaus Mack, der damals CDU-Bürgermeister in Bad Wildbad war, ist der Ansicht, dass sich viele Befürchtungen eher bestätigt hätten.
Alexander Bonde, der damals als grüner Forstminister Hauptzielscheibe der Kritik neben Winfried Kretschmann war, sagt heute: „Damals gab es eine bewusst geschürte Ablehnungskampagne.“ Er spricht aber auch selbstkritisch von einem „rumpeligen und nicht fehlerfreien Prozess“. Dennoch habe der Nationalpark eine „tolle Entwicklung“ gemacht: „Und wir brauchen eigentlich mehr davon, um die biologische Vielfalt zu erhalten.“
Mittlerweile habe sich dagegen die Auseinandersetzung versachlicht, so Bonde weiter. der jetzige Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt spielt damit auf die Bürgerinitiative in Hundsbach an, die die derzeitigen Pläne, die Lücke zwischen den beiden Teilgebieten zu schließen und den Nationalpark damit um ein Drittel zu vergrößern, kritisch sieht. Deren Sprecher Michael Frank betont: „Von der damaligen Wortwahl und dem Vorgehen distanzieren wir uns aber ganz deutlich.“
Eine große Skepsis, ob sich die Geschichte nicht doch nochmals wiederholt, ist aber geblieben. Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) will den Menschen Zugeständnisse machen, etwa bei der Öffnung von Wegen, beim Brennholzmachen oder Pilzesammeln. Frank sagt aber: Man habe zum Beispiel Vorschläge für drei Wege gemacht, die wieder begehbar werden sollten – in allen drei Fällen habe sich die Parkverwaltung zurückhaltend geäußert, weil man Rückzugsflächen für das Auerwild benötige.
Was bringt der Nationalpark der Natur?
Der Artenschutz ist der wichtigste Grund für die Gründung des Nationalparks gewesen. Und das Umweltministerium sieht bereits viele Indizien, dass sich die Natur in der geschützten Fläche erholt. Derzeit darf sich die Natur auf 51 Prozent der Fläche ungestört entwickeln, auf weiteren 25 Prozent greift der Mensch noch ein, zum Beispiel mit Pflegemaßnahmen oder Artenschutzprojekten.
Man könne sehen, dass vor allem Arten profitierten, die auf strukturreiche Wälder und Totholz angewiesen seien, sagt Claudia Hailfinger, die Sprecherin des Ministeriums. Dazu gehörten etwa der Dreizehenspecht, der lange Zeit gar nicht mehr im Nordschwarzwald vorgekommen sei, ebenso ein Pilz mit dem schönen Namen Zitronengelbe Tramete. Auf den offenen Flächen werde wieder häufiger der Wiesenpieper, der Wendehals oder der Baumpieper beobachtet. Das seien gute Zeichen dafür, dass in relativ kurzen Zeiträumen und auf großen Flächen wertvolle Lebensräume für seltene Arten geschaffen werden konnten, so Hailfinger.
Die Gegner sind bei solchen Aussagen skeptisch. Sie betonen vor allem, dass weite Flächen wegen des Borkenkäfers absterben und ein kahler Wald zurückbleibe.
Auch das Forstministerium bleibt vorsichtig: Angesichts des fortschreitenden Klimawandels benötige man mehr denn je „nachhaltig bewirtschaftete Waldflächen und keine Waldbrachen“, so Sebastian Schreiber, der Sprecher des Ministeriums. Diesem Aspekt müsse auch bei der geplanten Erweiterung mehr Bedeutung zugemessen werden – mit dieser Formulierung zeigt sich recht deutlich, dass Forstminister Peter Hauk den Lückenschluss am liebsten verhindern würde, auch wenn er hervorhebt, dass die Zusage der CDU im Koalitionsvertrag gelte. Er betont aber ebenso, dass dort von einer Erweiterung „auf Basis fachlicher Kriterien“ die Rede sei. Jede Erweiterung müsse erst einen „Klimacheck“ bestehen.
Wie gefährlich ist der Borkenkäfer?
Vor Ort grummelt es seit diesem Jahr wieder richtig. Der Borkenkäfer hat viele Bäume befallen, und nicht wenige Waldbesitzer sind der Meinung, dass der Nationalpark daran schuld sei, weil dort die betroffenen Fichten stehenbleiben. Zwar gibt es um das Schutzgebiet herum einen 500 Meter breiten Pufferstreifen, aus dem krankes Holz herausgeholt wird, aber die Zone sei zu schmal, kritisieren viele. Auch das Forstministerium: „Bei starkem Borkenkäferdruck erweist sich die Zone als vielfach zu gering.“
Ingrid Eberhardt-Schad vom Nabu-Landesverband sieht das Borkenkäfermanagement dagegen als ausgeklügelt und vorbildlich an: „Es wird inzwischen auch in anderen Regionen angewendet.“ Grund für den hohen Befall seien die Hitze und Trockenheit aufgrund des Klimawandels.
Auch das Umweltministerium betont, dass sich der Befall in anderen Landesteilen ebenfalls erhöht habe. Spezialisten würden aber 2024 untersuchen, ob der Pufferstreifen und das Management bei bestimmten Windlagen ausreichend sei – wenn nicht, werde man Konsequenzen daraus ziehen.
Den Menschen vor Ort geht es aber nicht nur um die befallenen Bäume, sondern auch um die Optik. Niemand schaut gerne auf kahle Berghänge mit Fichtengerippen. In diesem Punkt hat sich das 1200 Seiten starke Gutachten der Beratungsgesellschaft Pricewaterhous-Coopers von 2013 geirrt. Dort heißt es: „Der Eindruck eines kahlen Waldes wird höchstwahrscheinlich nicht entstehen.“
Hat der Tourismus positiv entwickelt?
Ähnlich sieht es auch bei den Besucherzahlen aus. Das Gutachten prognostizierte, dass jedes Jahr drei Millionen Menschen den Nationalpark besuchen würden – im Jahr 2021/22 waren es „nur“ 913 000. Auch die Übernachtungszahlen in den umliegenden Landkreisen hatten sich bis 2019 – dem letzten Jahr vor Corona – gar nicht oder nur leicht erhöht; zuletzt waren die Zahlen eher wieder rückläufig. Klaus Mack hat dafür eine Erklärung: Der Schwarzwald als Marke sei touristisch schon sehr gut aufgestellt gewesen, da habe der Nationalpark nicht mehr viel gebracht.
Das Umweltministerium sieht dies anders. Das neue Besucherzentrum am Ruhestein mit seiner spektakulären Architektur und der besonderen Ausstellung sei ein großer touristischer Magnet. Die Region sei auch viel besser organisiert, weil der Nationalpark dazu geführt habe, dass ein gemeinsames Tourismuskonzept entstanden sei, und 27 Gemeinden hätten sich zu einer Touristik-GmbH zusammengeschlossen.
Wo stehen die Erweiterungspläne?
Der Großteil der Fläche zwischen den beiden Nationalpark-Teilen befindet sich im Besitz der Murgschifferschaft – mit dem Unternehmen führt das Umweltministerium derzeit Gespräche. Ministerin Thekla Walker hat das Ziel, die Fusion bis zum Ende der Legislaturperiode im Frühjahr 2026 abzuschließen.
Warum dieser Geburtsfehler nicht gleich bei der Gründung behoben worden ist, erklärt Alexander Bonde heute so: Damals hätten sich die Debatten schon in Endlosschleifen bewegt, und er habe damals den Eindruck gehabt, dass die Menschen den Nationalpark schnell erleben mussten, um den Streit zu beenden. Deshalb habe er nicht noch mehrere Jahre in Verhandlungen mit den Murgschiffern feststecken wollen.
Klaus Mack hält wenig von dem Lückenschluss. Er plädiert dafür, zuerst eine Bestandsaufnahme zu machen, wie die vor zehn Jahren festgelegten Ziele umgesetzt worden sind: „Wir sollten zuerst das bestehende Gebiet auf Vordermann bringen.“
Die Menschen vor Ort wollen mitreden
Bei einer Umfrage im Frühjahr 2022 zur Erweiterung hat die Landesregierung übrigens die Bürger gar nicht mehr gefragt, ob sie für oder gegen die Erweiterung sind. Es ging nur darum, die Bekanntheit des Nationalparks und die Chancen und Risiken der Erweiterung abzufragen. Klar wurde aber auch in dieser Befragung, dass die Menschen vor Ort mitreden wollen.
Auch die Bürgerinitiative in Hundsbach ist bei weitem nicht zufriedengestellt. Michael Frank betont: „Wir sind noch nicht weiter als bei der Gründung des Nationalparks – man spricht mit uns, mehr nicht.“ Auf konkrete Zusagen warte man bisher vergebens.