10 Jahre Treibender Teppich Records Festival „Damals wurde deutschlandweit über Musik aus Stuttgart berichtet“

Tim Kordik und Markus Milcke sind die Zwei-Mann-Show hinter Treibender Teppich Records. Foto: /Petra Xayaphoum

Das Stuttgarter Indie-Label Treibender Teppich feiert sein Jubiläum mit einem dreitägigen Festival im Merlin, der Container City und beim Kunstverein Wagenhalle. Wir sprechen über geklaute Platten, Stuttgart als Kreativstandort und wie sehr ihnen die nahende Interimsoper Angst macht.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Angefangen hat alles als eine DJ-Plattform auf Soundcloud. „Tim und ich haben eigentlich erst eine DJ-Plattform gegründet gehabt. Wir haben gerne aufgelegt und wollten uns einen Namen machen, der Account hieß Treibender Teppich“, antwortet Markus Milcke als wir ihn bitten, die Uhr mal zehn Jahre zurückzudrehen. Doch bei der Plattform blieb es nicht: Ein Jahrzehnt später feiern er und Mitbegründer Tim Kordik das Jubiläum ihres Stuttgarter Indie-Labels Treibender Teppich mit einem dreitägigen Festival, vom 6. bis 8. Oktober, an drei unterschiedlichen Orten in Stuttgart: im Merlin, in der Container City und im Kunstverein Wagenhalle. Mit dabei im Line-up sind zahlreiche Künstler:innen, die bereits mit ihnen zusammen gearbeitet haben: Gaisma, Marlais, Rocket Freudental, Sloe Paul, Martha Rose, JFR Moon und Flora. Zum Abschluss im Kunstverein gibt’s ein Screening von „A Story of Sahel Sounds“, hinter dessen Soundtrack das Stuttgarter Label steht.

 

Dabei war die Gründung von Treibender Teppich Records eher ein Rattenschwanz an glücklichen Zufällen: Markus und Tim hatten 2013 gerade das zweite Konzert von Levin goes lightly in seinem Waggon am Nordbahnhof besucht. „Das Konzert war der Hammer. Wir wussten sofort, dass wir das irgendwie festhalten müssen. Kurze Zeit später saßen wir im Plattenladen Second Hand Records, wo wir beide arbeiten, und hatten etwas Geld über – und so haben wir gemeinsam mit Levin sein und unser erstes Release finanziert.“ Zu dem Zeitpunkt war noch nicht klar, dass es sich dabei nicht um eine einmalige Sache handeln würde. „Kurz bevor das Album ins Presswerk ging, haben wir entschieden, dass wir ein Label draufklatschen, sonst wäre es eine private Press geworden. Levins damalige Freundin hat dann das Logo designt und dann ging alles sehr schnell“, erzählt Tim. „Wir wussten zwar zu dem Zeitpunkt gar nicht, ob und wie’s weitergehen soll, aber es kamen dann doch recht viele Anfragen.“ Und plötzlich war ein Label geboren.

Warum Treibender Teppich? „Das kommt von mir“, sagt Tim. Wie er vor mehr als zehn Jahren drauf gekommen ist, weiß er allerdings heute nicht mehr. „Wir werden auch manchmal mit Fliegender Teppich angesprochen“, lacht Markus. „Oder einfach nur Teppich.“ Den Namen deswegen zu ändern kam den beiden aber nie in die Kiste. „Wir lieben ihn und das Logo“, schwärmt das Duo im Chor.

4,30 Euro Gage in Hamburg, in Stuttgart volles Haus

Wenn man mit den beiden Labelmachern eine Reise zurück zum Anfang macht, zeichnet sich ein Bild von Stuttgart als eine lebendige musikkulturelle Brutstätte. „Wir hatten Levin einen Tag vorm Release-Konzert in Stuttgart ein Konzert in Hamburg in einer Kneipe klargemacht. Da ging damals ein Hut rum, da waren 4,30 Euro drin“, erinnert sich Markus. In der Homebase sah das Ganze anders aus. „Levins Waggon war so voll wie noch nie.“ Die Stuttgarter Musikszene war untereinander gut vernetzt, brachte zahlreiche talentierte Bands und Künstler:innen hervor und befruchtete sich gegenseitig. „Damals waren alle zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, sagen die Labelmacher. „Spiegel Online und alle anderen haben dann über Stuttgarter Bands geschrieben – das war schon eine Sensation, dass die Musik deutschlandweit eingeschlagen hat.“

In Abgrenzung zu anderen deutschen Großstädten hatte das Kleine und Kesselige an Stuttgart Vorteile für die Szene. „Ich hatte damals zuvor in Berlin versucht, etwas Ähnliches aufzubauen“, schildert Markus die damalige Situation, „das hat sich wirklich schwierig gestaltet. Dann kam ich nach Stuttgart und wir haben uns alle schnell connected, es gab ein perfektes Netzwerk – vieles lief hier einfach ziemlich gut. Das war außergewöhnlich.“ Viele Brücken und Netzwerke, die damals gebaut wurden, sind heute noch da und präsent, betonen Markus und Tim, mit dem Pop-Büro etwa. „Junge Musiker:innen heute wissen, dass sie sich immer ans Pop-Büro wenden können, das ist sehr wertvoll für die Szene.“

Die Steinstraße 13 und die Waggons als Kreativzentren

Allem voran ist den beiden die Steinstraße 13 in Stuttgart-Mitte in Erinnerung geblieben: „Stuttgart hat damals eine mega dynamische Zeit durchlebt, es gab tolle Musiker:innen-WGs und es gab die Waggons, wo man in kürzester Zeit Auftritte organisieren konnte. Über dem 1. Stock gab’s den 3. Stock mit einer WG, in der laut geprobt wurde und viele Kreative sich getroffen haben. Da kam total viel zusammen, es war echt ein Melting-Pot“, erinnert sich Tim.

Ihr musikalisches Zuhause ist und bleibt aber der Nordbahnhof, finden die beiden Stuttgarter. Weg vom Mainstream, weg von strikten Genre-Grenzen; stattdessen eine Offenheit den verschiedensten Varianten unterschiedlicher Genres gegenüber – diese Qualitäten schätzen sie an dem Creative Off-Space und die finden sich auch in ihrem Indie-Label wieder. „Dass auch mal Zeit für ein zehnminütiges Musikstück ist, was uns Musiknerds schon immer super wichtig war“, schwärmt Markus. „Diese Intimität und diesen Raum für Musik lieben wir am Nordbahnhof.“ Tim ergänzt: „Und auch dieses ‚Einfach-machen‘: Es wurde nie lange gezögert, sondern zum Beispiel einfach spontan eine Band gegründet.“ Beim Versuch den diversen Output des Labels unter einen Begriff zu packen, scheint die Bezeichnung Nordbahnhof-Sound daher recht einleuchtend.

„Wir hatten eigentlich nicht vor, nur regionale Künstler zu machen, es hat sich dann aber so ergeben, dass wir mit dem Netzwerk, das wir hier hatten, und den Künstler:innen, was gemeinsam aufbauen wollten“, sagt Markus rückblickend. „Einen bestimmten Stil wollten wir eigentlich nie haben, sondern immer das rauszubringen, was wir gut finden – ich würde auch sofort eine Free-Jazz-Platte herausbringen, wenn die uns taugt.“ Das zu machen und mit den Künstler:innen zusammenzuarbeiten, die man selbst gut findet, war immer der Anspruch von Treibender Teppich Records gewesen und ist es bis heute.

„Das Label ist unsere Eisenbahn im Keller“

Denn wegen der Kohle betreibt man ein Indie-Label wie das sicher nicht. „Unser Label ist schon eine Art Ehrenamt“, verrät das Duo. Sie machen zu zweit alles nebenher, neben Job und Privatleben. Der dritte im Gründungsbunde, Jerafim Meier, ist mittlerweile nicht mehr aktiv, sondern nur noch stiller Teilhaber. „Wir stecken immer wieder Geld rein, es ist noch nie Geld rausgekommen. Aber es ist einfach etwas, was wir lieben – quasi unsere Eisenbahn im Keller“, lacht Markus. Das gilt für Vinyl wie Digitales. „Es gibt ein lustiges Meme, bei dem erklärt wird, wofür die kleine Tasche an der Jeans da ist: Und zwar für das ganze Geld, das man auf Spotify verdient.“ Der Repay hat vorwiegend emotionalen Wert. „Wenn die Bands dann auftreten und ihre Musik spielen können auf der Bühne, fühlt man sich ein bisschen wie der Papa bei der Einschulung.“

Angesprochen auf die Highlights der letzten zehn Jahre fallen im Gespräch die ersten Levin-goes-lightly-Konzerte sowie das „ESxSW“-Festival im Komma Esslingen oder Martha Rose live in der Schachtel. Als es um die Flops geht, müssen die beiden Label-Betreiber etwas länger nachdenken: „Zwei Bands, deren Platten wir herausgebracht haben, haben sich kurze Zeit später wieder aufgelöst – da sprechen wir von vier Wochen nach dem Release – das war ziemlich schade, nachdem wir schon rund 3.000 Euro reingesteckt und stapelweise deren Platten im Keller stehen hatten.“

Platten beim Release-Konzert geklaut

Tim fällt noch ein: „Beim JFR Moon Konzert im 1. Stock wurden uns mal alle 15 oder 20 Platten, die wir zum Verkauf dabei hatten, geklaut. Die sind dann irgendwie anders in Umlauf gekommen statt über uns.“ Mittlerweile können sie über den Vorfall schmunzeln. Also weitestgehend pannenfrei durch die letzten zehn Jahre Label gesegelt.

Die nächste große Veränderung für das Label und die Musikszene steht aber mit dem Bau der Interimsoper am Nordbahnhof an. „Dass Subkultur von Hochkultur abgelöst wird, ist so was von deprimierend. Als ich gesehen habe, wie das Areal werden soll, war mein Tag gelaufen. Echt schade“, summiert Markus seine Gefühle. „Als Kulturliebhaber und Kulturschaffender macht mir das Ganze ehrlicherweise Angst, weil ich einfach nicht sehe, wo die nächsten Räume für Subkultur geschaffen werden könnten. Klar gibt es einige spannende Zwischennutzungen wie in der Schwabenbräu-Passage in Cannstatt, aber dass die Stadt nicht mal ein Gelände kauft und sagt ‚das ist jetzt für euch‘, das ist bitter.“

Tims Prognose ist da schon etwas positiver: „Wenn kein Raum da ist, dann entstehen meistens die spannendsten Dinge.“ Schauen wir, wie der Rückblick 2033 dann ausfällt. Bis dahin kann man sich in unserer Bildergalerie aber durch einen kleinen Foto-Rückblick der Highlights der letzten zehn Jahre Treibender Teppich klicken. Die musikalische Rewind-Taste wird beim Festival dieses Wochenende dann gedrückt.

Ein Hinweis zum Schluss: Das Startschuss-Konzert von Levin goes lightly am Donnerstag wurde krankheitsbedingt abgesagt.

Treibender Teppich Records Festival, 6.10. 20 Uhr, Merlin, Stuttgart-West, Tickets, 7.10. 21 Uhr Container City (Schachtel), Stuttgart-Nord, 8.10. 19 Uhr, Kunstverein Wagenhalle, Stuttgart-Nord

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