10-Millionen-Villa in Sindelfingen Luxusleben auf Probe

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In Sindelfingen steht eine Villa für knapp zehn Millionen Euro zum Verkauf. Damit gehört sie zu den teuersten Objekten, die zurzeit in Deutschland auf dem Markt sind. Was passiert mit einem, wenn man im perfekten Haus lebt? Ein Selbstversuch.

275 Quadratmeter Spezialglas stecken in dem Haus. Manchmal fühlt man sich ein wenig beobachtet. Foto: factum/Granville 9 Bilder
275 Quadratmeter Spezialglas stecken in dem Haus. Manchmal fühlt man sich ein wenig beobachtet. Foto: factum/Granville

Sindelfingen - Nach der vierten Wohnungsbesichtigung kommt der Frust – und dann der Zweifel. Die Zimmer klein, dunkel, hellhörig, die Teppichböden völlig versifft, die Lage schlecht, der Preis unverschämt. Wohnungssuche in Stuttgart ist mühselig, aber mit einem durchschnittlichen Einkommen in der Tasche sollte es eigentlich möglich sein, eine Fünfzimmerwohnung für vier verdienende Umdiedreißigjährige zu finden, die nicht vollkommen verlottert ist. Sollte, aber auch nach gefühlt hundert anbiedernden Online-Anfragen kein Erfolg. „Du hast auch an allem was auszusetzen“, hat ein Freund von mir das Desaster kommentiert, „das perfekte Haus gibt es eben nicht.“ Bin ich tatsächlich zu wählerisch, zu maßlos?

Wenig später taucht es auf, das perfekte Haus. Eine Anzeige der Immobilienfirma Schwäbische BauBoden auf einer Plattform im Netz:

770 Quadratmeter, die über den Dingen stehen. Darunter die Stadt, in der die guten Sterne gebaut werden. Vis-à-vis der Horizont. Und natürlich der Himmel darüber.

Der pure Luxus, 9 850 000 Euro Kaufpreis, 19 Kilometer südwestlich von Stuttgart. Nach einer Auflistung der Immobilienvermittlung Engel & Völkers aus dem vergangenen Jahr – so lange steht die Villa schon zum Verkauf – zählt das Haus zu den fünf teuersten, die hierzulande auf dem Markt sind. Was gibt einem so ein Haus im Vergleich zu denen, die ich seit Wochen zu sehen bekomme? Vielleicht muss man, um sich wieder zu erden, erst sehen, was Geld möglich macht. Einmal Probewohnen in einem Zehn-Millionen-Euro-Haus.

Normalerweise hätte jemand ohne Finanzierungsnachweis noch nicht mal die Möglichkeit, das Luxushaus zu besichtigen, aber die Maklerin stimmt einem Termin zu, Presseausweis sei Dank, obwohl vermutlich klar ist, dass meine künftigen Mitbewohner und ich eine Monatsrate von 34 569 Euro kaum werden aufbringen können. Wenn ich Glück habe, dürfte ich in 40 Berufsjahren gerade mal so viel verdienen, dass ich mir ein Zehntel der Villa leisten könnte, vielleicht das Schlafzimmer mit dem Panoramablick. „Hättest du mal was Anständiges gelernt“, sagt ein Kollege zu mir. Ich zucke mit den Schultern, ich brauche keinen Luxus, nur ein bisschen mehr als die 13 Quadratmeter WG-Zimmer, auf denen ich jetzt lebe.

Und ja, da sind auch Vorurteile. Leute, die in Häusern wohnen, die so viel kosten, dass man davon 500 Schulen in Afrika bauen könnte, um mal ein perfides Beispiel zu geben, sind mir suspekt. Luxus hinter hohen Mauern demonstriert, verfestigt die wachsende Kluft zwischen Reich und Arm in unserem Land. Als ich mir die Prospektbilder der Millionenvilla auf dem Immobilienportal anschaue, denke ich mir: Dieser Luxus kann mir nichts anhaben, das beeindruckt mich nicht, im Gegenteil, ich finde ihn befremdlich.

Diese Einstellung habe ich auch, als ich in der opulenten Villeneinfahrt parke. Es ist heiß, die Sonne knallt auf die grauen Steine. Ich greife meinen Rucksack, den Jutebeutel mit den Lebensmitteln für den Tag und die alten Sportschuhe. Von außen ist der Luxus nicht unmittelbar erkennbar: eine Mauer, eine grüne Hecke, das Eingangstor hebt sich nur durch die Klingelanlage von den weiß verkleideten Wandflächen drum herum ab. Einzig die riesigen Garagentore lassen darauf schließen, was sich hier verbirgt.

Und selbstverständlich zwei Doppelgaragen mit je 2200 Millimeter Deckenhöhe. Für Automobile, die über den Dingen stehen. Wie diese Villa.

Die Eigentümer, Rainer und Margit Pohl (Namen geändert) sitzen auf der Terrasse hinter dem Haus, nicht auf der mit dem Panoramablick, weil da die Sonne zu sehr drückt. Auf dem Rasen mäht ein Roboter das kurze Gras noch kürzer. Wenn Rainer Pohl über das Haus spricht, in dem er seit vier Jahren wohnt, spricht er oft von seinem „Projekt“, und davon, dass alles hier „perfekt“ sei. Sechs Jahre hat es gedauert, bis das Ganze geplant und umgesetzt war, und noch mal zwei Jahre, bis alles lief, nichts mehr hakte. „Wenn man nicht mehr arbeitet, braucht man eben Projekte.“

Rainer Pohl, graue Haare, helles Hemd, sympathische Berliner Schnauze, ist nicht mit dem goldenen Löffel in der Hand geboren worden, wie er sagt, aber er hat in den späten 80er Jahren mit ein paar Kollegen ein Software-Beratungsunternehmen gegründet, das ziemlich schnell ziemlich erfolgreich war. Irgendwann warfen seine Firmenanteile so viel ab, dass er mit 40 in Rente gehen konnte. Heute sagt er, dass er hier nichts mehr zu tun habe, dass hier alles fertig sei. Deshalb wollen er und seine Frau verkaufen. Sie ziehen in ein Penthouse am anderen Ende der Stadt. Ein neues Projekt. „Hier zu wohnen ist wie Urlaub“, sagt Pohl. „Aber machen Sie das mal zwei Wochen, wenn Sie nicht arbeiten. Dann wird es langweilig.“

Wer ein Gefühl für ein Haus bekommen will, muss seine Geschichte kennen, die Geschichte der Leute, die hier gelebt haben. Rainer Pohl sagt, dass er das Haus ohne Schmerzen verkaufen kann. Jemandem, der keinen Gärtner will, keine Haushaltshilfen, der die überdimensionalen Fenster lieber selber putzt, geht es nicht um ein abgehobenes Leben, denke ich mir. Hier hat jemand getestet, was perfekt heißt.

Der Luxus kommt schlicht daher: Eichenparkett, weiße Wände, schwarze Fensterrahmen, viel Glas. Als Pohls gehen und mich alleine lassen, habe ich fast das Gefühl, in einem besitzerlosen Haus zu stehen, nirgendwo Spuren, keine offenen Müslipackungen, keine Fotos oder Postkarten oder Souvenir-Magneten am Kühlschrank. Sie seien nicht so die Leute, bei denen alles vollgestellt sei, hat Margit Pohl gesagt. Ich ziehe meine Turnschuhe aus, hole mir ein Glas aus dem Küchenschrank, fülle es mit Eis aus der Eiswürfelmaschine, wähle über den Monitor in der Küche einen Radiosender und regle die Musik mit ein paar Fingertipps für das ganze Erdgeschoss nach oben.

Das Gehirn des Gebäudes. Intelligente Vernetzung mit 200 Lichtkreisen, Jalousie- und Fenstermotoren, Fingerscanner für Eingänge und Alarmanlage. Alles verbunden über 42 Kilometer Kabel. Alles steuerbar via Smartphone, Tablet und Notebook.

Ich bin beeindruckt, überall ist Musik, das fühlt sich nach Hausparty an, Gartenparty, Poolparty, in meinem Kopf jedenfalls sitzen Leute auf der riesigen Terrasse, trinken Bier oder, vielleicht angemessener, Gin Tonic mit bunten Schirmchen. Ich bekomme ein bisschen Angst. Kann das Haus mich korrumpieren?

Ohne all die Leute aus meinem Kopf allerdings ist es hier seltsam leer. Jeder Schritt auf dem Parkett klingt laut, und weil alles so hell und offen ist, fühlt man sich etwas verloren. Allein das Erdgeschoss hat 326 Quadratmeter Wohnfläche, ungefähr drei- oder viermal so viel wie all die anderen Wohnungen, die ich in den letzten Wochen gesehen habe. Immerhin ist da die Beschallung aus den versteckten Lautsprechern, die einem sogar auf der Toilette das Gefühl gibt, nicht alleine zu sein. Auf einmal fühle ich mich beobachtet: Die Radiostimmen, die großen Räume, die vielen Fenster und die Spiegel geben einem das Gefühl, die ganze Stadt sitzt mit im Bad. Ich schalte die Dauerbeschallung ab.

Vom Badezimmer aus – allein die Toilette ist 9000 Euro wert, wahrscheinlich wegen der im Klositz integrierten Massage-Wasch-Föhnfunktion – kommt man durch eine Schiebetür ins Schlafzimmer. Im Bett, die Seidenkissen im Nacken, hat man die Wahl zwischen dem Blick auf den absenkbaren Fernsehbildschirm an der Decke und dem 180-Grad-Panorama auf Sindelfingen, da unten die Schlote des Daimler-Werks, die Altstadtdächer, links hinten die Alb im Dunst. Die Aussicht fühlt sich nach Urlaub an oder als sei man in einem Flughafentower, erst recht wenn es dämmert. Ich ertappe mich dabei, einen Moment lang beeindruckt zu sein. Vielleicht ist das das Zehn-Millionen-Euro-Gefühl?

Das Spa: 121 Quadratmeter pure Entspannung. Verschiedene Technogym-Fitnessgeräte, 50-Zoll-Flatscreen, Sanarium, Sonnenterrasse, Außenwhirlpool und Infinity-Becken aus V4A-Stahl.

Nach zehn Minuten Sprudelbad im Whirlpool mit rosa Plastikflamingo wird mir langweilig. Ich frage mich, was ich sonst eigentlich den ganzen Tag mache, wenn ich nicht arbeite. Ich setze mich auf den Hometrainer, im Rücken eine Sitzkissenlandschaft, die Sauna mit Panoramafenster, im Fernseher vor mir Aufnahmen von schneebedeckten Bergen, draußen knallt die Sonne auf die Holzterrasse, und irgendwo im Obergeschoss läuft noch die Radiomusik. Ich habe die intelligente Steuerung noch nicht ganz durchschaut.

Über die Außentreppe gehe ich zurück ins Obergeschoss, barfuß, die Füße noch nass von der Außendusche. Irgendwie wirkt nach ein paar Stunden alles hier fast schon normal: die Waschbecken nur Waschbecken, das Sofa nur ein Sofa, der Herd auch nur ein Herd, auf dem ich mir das gleiche Abendessen koche wie in meiner Zehn-Quadratmeter-WG-Küche: Salat mit gebratenen Maultaschen. Fühlt sich Luxus so schnell gewöhnlich an?

Vielleicht gibt einem das Haus einfach nicht das Gefühl, sich einem zu öffnen. Wie eine glatte, leere Hülle, die sich um einen legt, wenn man reinkommt, und die zurückbleibt, wenn man wieder geht. „From imperfection must come beauty“, steht auf einem gerahmten Poster an der Wand im ehemaligen Kinder-Wohnzimmer, in dem sonst nur noch zwei schwarze Sitzsäcke und ein Fernseher sind: Von Unvollkommenheit muss Schönheit kommen. Aber sich einen Alltag vorzustellen fällt schwer in einem Haus, das vollkommen scheint, das so tut, als gäbe es nur Ordnung und Urlaub, in dem Bügelbrett, Geschirrtücher und Mülltonnen hinter weißen Wandverkleidungen versteckt sind und das einzige Buch, das man finden kann, ein Afrika-Bildband in Beige ist – das gleiche Beige wie die Sofakissen im Wohnzimmer.

Es ist das Haus von jemandem, der alles perfekt haben wollte, ein Haus ohne Makel. Aber das Haus gibt seine Geschichte nicht preis, falls es denn eine zu erzählen hat. Vielleicht schlummert sie irgendwo gut versteckt hinter all den weißen Wandpaneelen.

Ein paar Tage später meldet sich ein Herr auf eine unserer Wohnungsbewerbungen, ein Haus im Stuttgarter Osten, Moos auf dem Dach, graue Teppichböden, Blümchentapeten aus den 70ern und verwilderte Rhabarberstauden im Garten. 1700 Euro Kaltmiete im Monat. „Von Unvollkommenheit kommt Schönheit“, denke ich. Im Juli ziehen wir ein.

Anmerkung der Redaktion: Es handelt sich um einen Beitrag aus dem Jahr 2017. Zwischenzeitlich ist die Villa verkauft.