100. Geburtstag der Stuttgarter Philharmoniker Orchester des Wandels und des Wandelns

Die Stuttgarter Philharmoniker bei einem Auftritt im vergangene Juni. Foto: /Thomas Niedermueller

Die Stuttgarter Philharmoniker feiern ihren 100. Geburtstag mit einem vollgepackten Programm für das ganze Jahr – und stellen Christian Lorenz als neuen Intendanten vor.

Die Zeichen stehen auf Ruhe – einerseits. Andererseits stehen sie auch auf: Aufbruch, Öffnung, Transformation. Für die Ruhe soll der neue Mann sorgen, der seit dem 1. Januar an der Spitze der Stuttgarter Philharmoniker steht. Christian Lorenz.

 

Lorenz ist in Stuttgart kein Unbekannter. Von 2008 bis 2013 war der heute 61-Jährige Intendant der Internationalen Bachakademie; als Hans-Christoph Rademann dort die künstlerische Leitung übernahm, musste er gehen. Nach einem Schlenker über Bonn (Geschäftsführung der Beethoven-Jubiläums-Gesellschaft) kehrte er im März des vergangenen Jahres in die Stuttgarter Kulturszene zurück, als die Philharmoniker nach der Erkrankung ihrer Intendantin Carolin Bauer-Rilling einen künstlerischen Berater suchten. Zum Jahresende 2023 hat Bauer-Rilling ihren Vertrag aufgelöst. Jetzt ist Lorenz, der mit der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz (2003–2008) schon einmal erfolgreich ein Orchester managte, offiziell ihr Nachfolger.

Der neue Intendant soll für einen ruhigeren Kurs sorgen

Auf drei Jahre ist sein Vertrag befristet. Nach der krankheitsbedingten Vakanz und der finanziellen Schieflage am Ende der vorausgehenden Intendanz von Michael Stille soll der Kulturmanager und studierte Dirigent für einen ruhigeren Kurs sorgen.

Fest steht allerdings auch, dass dieser durch bewegte Gewässer führen wird. In Zeiten bröckelnder Besucherzahlen kann sich heute keine Kulturinstitution mehr auf Erreichtem ausruhen, und so haben auch die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen des Orchesters nichts von selbstgenügsamem Glamour. Im Siegle-Haus wurden die Pläne für das Jubiläum gemeinsam mit jenen der nahezu gleichaltrigen Kulturgemeinschaft vorgestellt. Die Stuttgarter Philharmoniker, seit 1976 Orchester der Landeshauptstadt, präsentieren sich dabei nicht nur als „eine der schillerndsten Abteilungen der Stuttgarter Stadtverwaltung“, sondern als „Orchester des Wandels und des Wanderns“. So beschrieb es der Stuttgarter Kulturbürgermeister Fabian Mayer. Wobei sich das Wandern (oder Wandeln) auf einen „Jubiläums-Wandeltag“ der Philharmoniker im Rosensteinpark (am 1. Juni) bezieht; der Wandel wiederum hat mit den unterschiedlichen Formationen zu tun, in denen das Kollektiv 2024 unterwegs sein wird.

Die Philharmoniker als Salonorchester, als Truppe von Kammermusikern, als Fan-Orchester der Fußball-EM, als Grönemeyer-Begleitensemble, als Big Band: All das ist in den kommenden Monaten zu erleben. Außerdem soll sich die Vielfalt der Stadt auch im Orchester spiegeln – bis hin zu einer Kooperation mit dem Forum der Kulturen. Viele Veranstaltungen rund um das Jubiläum im September, die das ganze Jahr 2024 prägen werden, sind gratis.

Blick zurück und nach vorn

Christian Lorenz, der die Erfindung des Musikfests Stuttgart als Fortentwicklung des Europäischen Musikfests bei der Bachakademie für sich reklamiert, sieht in der Öffnung des Orchesters und in der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen eine logische Fortführung des Musikfest-Gedankens. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Albrecht Dürr konzipierte er ein Programm der doppelten Blicke. Der eine Blick geht zurück in die Gründungsjahre des Orchesters: In der großen Abo-Reihe stehen Werke der 20er Jahre (nicht nur des 20. Jahrhunderts!) auf dem Programm. Der andere Blick richtet sich nach vorne: In jedem Abo-Konzert der Philharmoniker wird 2024 ein kurzer musikalischer Geburtstagsgruß uraufgeführt. Die 18 neuen Werke stammen von Studierenden der Hochschulen in Stuttgart und Freiburg, die mit der Besetzung und vielleicht der Programmatik an die sinfonischen Werke anknüpfen sollen, die an den jeweiligen Abenden anstehen. Zum ganzen Veranstaltungsprogramm gehört auch ein Jubiläumsball im Stil der 20er Jahre (am 8. März).

„Unsere Identität“, sagt Christian Lorenz, „liegt in unserer regionalen Verankerung.“ Das Orchester der Landeshauptstadt Stuttgart ist eine Marke. Und es spielt das ganze Orchesterrepertoire vom Barock bis zur zeitgenössischen Musik: „Das ist unser Kern.“ Zugänglicher wolle man werden, auch für ein jüngeres Publikum. Durch neue Formate, persönliche Ansprache, ein besseres Marketing, offensivere Social-Media-Auftritte.

“ Das neue Haus könnte ein hochattraktiver Interimsstandort sein“

Und wie steht der neue Intendant zu den Plänen für ein neues Konzerthaus auf dem Rilling-Gelände in Bad Cannstatt? Das Projekt des Stuttgarter Kammerorchesters bezieht seinen Reiz ja auch aus der Idee, den Philharmonikern während der Sanierung des Gustav-Siegle-Hauses eine Heimat zu bieten – und womöglich darüber hinaus. „Für uns“, sagt Christian Lorenz, „ist das Konzertforum am Neckar eine große Chance.“ Schließlich sei das Siegle-Haus nicht nur in die Jahre gekommen, sondern schlicht unzulänglich: Es habe zu wenig Lagerplatz, zu wenige Stimmzimmer; in den Saal passe, wenn das ganze Orchester probt oder spielt, kaum Publikum, ständige Umbauten seien nötig. Die zeitliche Perspektive sei ein entscheidender Faktor, „denn wir brauchen in absehbarer Zeit eine Ausweichspielstätte.“ Und: „Ich bin mir sicher, dass das neue Haus ein hochattraktiver Interimsstandort sein könnte, und es würde mich nicht wundern, wenn wir dauerhaft dort blieben.“

Ein Jahrhundert Kulturgemeinschaft

Gründung
1924 im Zuge der Arbeiterbildungsbewegung vom deutschen Gewerkschaftsbund unter dem Namen Stuttgarter Volksbühne e. V. gegründet, ist die Kulturgemeinschaft Stuttgart heute Deutschlands größte Besucherorganisation. Die Idee: Veranstaltern wird zu vergünstigten Konditionen ein festes Kartenkontingent abgenommen, die reduzierten Preise werden an Abonnenten weitergegeben – eine Win-win-Situation.

Angebot Heute bietet die Kulturgemeinschaft nicht nur 50 unterschiedliche Abonnements in den Sparten Schauspiel, Musik, Theater und Kunst, sondern auch eigene Veranstaltungen und Kulturvermittlung. Einen Schwerpunkt in der Jubiläumssaison bildet das Thema „Extra Queer“.

Fest Gefeiert wird vom 14. bis 21. September u. a. mit Lichtkunst, den Stuttgarter Philharmonikern, dem Stuttgarter Kammerorchester und mit Themenführungen im Stadtgebiet. www.kulturgemeinschaft.de

https://www.stuttgarter-philharmoniker.de/

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