Wer sich etwas länger darüber Gedanken macht, was typisch deutsch ist, landet abseits von Sauerkraut mit Würstchen, Goethe und Gartenzwergen bald beim Eigenheim und dem guten alten Bausparvertrag, der in seiner Wertigkeit noch vor dem Ehevertrag liegt, zumindest im deutschen Südwesten, der Heimat von Werbesprüchen, die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben.
Wer „Auf diese Steine können Sie bauen“ der Bausparkasse Schwäbisch Hall einmal gehört hat, der will den eigenen Hühnerstall augenblicklich zum Reihenhaus mit Carport ausbauen. Oder „Wir geben Ihrer Zukunft ein Zuhause“ aus dem Fundus der Landesbausparkasse (LBS), die außerdem den legendären „Spießer“-Videoclip verantwortet, in dem eine Tochter ihren schwer alternativen Bauwagen-Vater mit dem Wunsch nach mehr Behaglichkeit im Wohnbereich brüskiert: „Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden.“
Bausparen ist also Teil der hiesigen (popkulturellen) Identität. Das Herz des Bausparens schlägt tatsächlich im Südwesten, und das seit 100 Jahren. 1924 wird hier mit Wüstenrot die erste deutsche Bausparkasse gegründet, im gleichnamigen Ort im Landkreis Heilbronn. Passend dazu befindet sich hier seit 1996 auch das deutsche Bauspar-Museum.
Derzeit nicht zuteilungsreif: das Bauspar-Museum
Gerne wäre man in die Geschichte des Bausparens museal eingetaucht. Leider ist die Leistungsschau derzeit nicht zuteilungsreif, um einen Feinschmeckerbegriff aus der Welt der Bausparer zu verwenden, sondern wegen Renovierungsarbeiten geschlossen und steht daher sinnbildlich für ein Land, in dem alles überarbeitet werden muss, von der Deutschen Bahn bis zum FC Bayern München.
Das ist sehr schade, finden sich im Fundus des Museums doch einige Preziosen, bei denen Bauspar-Ultras Schnappatmung bekommen – zum Beispiel die erste deutsche Bausparurkunde, die von Johannes Rau unterzeichnet wurde. Allerdings nicht vom achten deutschen Bundespräsidenten, sondern von einem gleichnamigen Eisenbahnoberinspektor aus Heidenheim an der Brenz im Eigenheim-Eldorado der Ostalb.
Die Bausparbewegung ist indes noch deutlich älter als die Wüstenrot AG. Erste Zusammenschlüsse, bei denen es um den Bau von Immobilien geht, sind die britischen Building Societies: 1775 wird in Birmingham die Ketley’s Building Society gegründet. Die Anfänge der deutschen Bausparbewegung liegen wiederum in Ostwestfalen. „1885 wurde durch Pastor von Bodelschwingh in Bielefeld die erste deutsche Bausparkasse, die Bausparkasse für Jedermann, gegründet“, schreiben Ursula Bauer-Hailer und Hans Ulrich Wezel im „Statistischen Monatsheft Baden-Württemberg“.
Die Wüstenrot-Anfänge reichen bis ins Jahr 1921 zurück. Damals gründet der in Swinemünde geborene Drogist Georg Kropp den Verein „Gemeinschaft der Freunde“ mit dem Ziel, weniger privilegierten Menschen den Weg zu eigenem Grund und Boden zu ebnen.
10 000 Mark fürs erste Bausparerheim
Der Erste Weltkrieg hatte vor allem in den Städten zu einer beispiellosen Wohnungsnot geführt: „Wir müssen heraus aus der vernichtenden Atmosphäre der Großstadt, müssen den Einzelnen frei machen aus sklavischen Mietverhältnissen, müssen dem Einzelnen dazu helfen, dass er ein Stück eigenen Bodens unter den Füßen und ein Dach über dem Haupt hat“, schreibt Kropp im Jahr 1920.
Die Gemeinschaft der Freunde scheitert mit ihren Bemühungen an der Inflation von 1922/23, ehe Kropp 1924 mit der Wüstenrot-Gründung den nächsten Versuch startet – dieses Mal mit Erfolg. „Zahlreiche Bausparverträge wurden abgeschlossen, sodass ein halbes Jahr später das erste Baugeld zugeteilt werden konnte: 10 000 Mark für das erste Bausparerheim“, heißt es bei Wüstenrot.
Das Prinzip des Bausparens ist dabei bis heute gleich geblieben: „Viele Bausparer zahlen in einen Topf. Nach und nach darf sich jeder zu vergleichsweise günstigen Konditionen Kapital daraus borgen. Wer wann an der Reihe ist, hängt unter anderem davon ab, wie viel man bereits angespart hat und wie viel im Topf ist“, erklären Ursula Bauer-Hailer und Hans Ulrich Wezel in ihrem Aufsatz weiter.
Aus den Losen im Suppentopf in den Anfängen des Bausparens ist heute eine mathematische Formel geworden, deren – je nach Perspektive – Spießigkeit oder Planbarkeit nicht mehr so recht zu passen scheint in eine zunehmend planlos wirkende Gegenwart: „Zum Ende des Jahres 2023 konnten bei den deutschen Bausparkassen rund 21,8 Millionen abgeschlossene Verträge gezählt werden. Damit ist der Bestand an Bausparverträgen im Vergleich zur Jahrtausendwende um rund 34 Prozent zurückgegangen“, heißt es beim Statistikportal Statista. 2023 gab es in Deutschland noch 15 Bausparkassen. 20 Jahre zuvor wurden 27 Institute gezählt.
Machen die Klimaziele Bausparen wieder attraktiv?
Unter den letzten Mohikanern des Bausparwesens befindet sich neben Wüstenrot oder der LBS auch die BHW, die zur Deutschen Bank gehört. Sprecherin Iris Laduch macht sich um die Zukunft ihrer Branche keine Sorgen: „Rund 30 Prozent aller deutschen Wohngebäude müssen mit Blick auf die Klimaziele und den CO2-Ausstoß saniert werden. Experten schätzen, dass dafür bis 2045 etwa 600 Milliarden Euro an Investitionen notwendig sind. Mit Blick auf die gestiegenen Energiekosten haben wir spezielle Bauspardarlehen für die energetische Sanierung auf den Markt gebracht – das Klimadarlehen.“ In der Notwendigkeit energetischer Sanierungen sieht Laduch genauso Kundenpotenzial wie in der alternden Gesellschaft, die barrierefreien Wohnraum benötige.
Gut für den Bausparvertrag: Die Herausforderungen werden nicht kleiner. Die Geldanlage ist zwar schon reif fürs Museum, sollte aber nicht abgeschrieben werden. Den Spießern sei dank.