Paris - Fünf Jahre ist es her, da wurde in Lüttich des Kriegsausbruchs 1914 gedacht. Die Rückkehr zum klassischen Nationalstaat dürfe nicht die Antwort Europas auf die neue Entgrenzung und die neue Unübersichtlichkeit sein, erklärte der damalige Bundespräsident Joachim Gauck: „Unsere aktuellen Probleme können wir nicht durch Ausstieg oder Ausgrenzung lösen.“ An diesem Freitag jährt sich der Abschluss des Versailler Vertrags zum 100. Mal – jener Frieden, der den Samen der nächsten Katastrophe bereits in sich trug. Dazwischen liegen fünf Jahre, in denen sich einiges verändert hat – nur ganz anders wie von Gauck erhofft.
Großbritannien verabschiedet sich, geblendet von seiner einstigen Größe, aus Europa. Russland, von den USA unter Barack Obama zur Regionalmacht degradiert, schickt sich an, wieder Weltmacht zu werden – ohne Rücksicht auf Verluste oder das Völkerrecht. In Polen und Ungarn wird die Demokratie weiter ausgehöhlt. Auch in anderen Ländern übernehmen Demagogen und Populisten die Macht. Und die USA? Suchen unter Präsident Donald Trump ihr Heil in Abschottung und Unilateralismus – und hinterlassen dabei ein Vakuum, das andere willig füllen. Zwei Dinge, die der Welt schon nach dem Ersten Weltkrieg zum Verhängnis wurden. „Geschichte wiederholt sich nicht“, schreibt der Historiker Eckart Conze in „Die große Illusion“, „die Parallelen freilich, sie sind unübersehbar.“ Denn noch immer werden die gleichen Fehler gemacht.
Das Ergebnis moralischer Überlegenheit sind Tausende Tote
In Versailles wurde ohne die Besiegten verhandelt – damals ein Novum, heute die Regel. Die meisten Gipfel zum Syrienkrieg fanden ohne Vertreter der Regierung statt. Niemand wollte mit Baschar al-Assad an einem Tisch sitzen, dem Schlächter von Syrien, der Giftgasbomben auf seine Landsleute wirft.
Das Ergebnis dieser moralischen Überlegenheit sind Tausende Tote – und die bittere Erkenntnis, dass ein Frieden ohne Assad nicht möglich ist. Auch die Konferenzen zur Iran-Krise finden gern ohne die Mullahs aus Teheran statt. Was sich die Beteiligten von solchen Treffen erhoffen, wird für immer ihr Geheimnis bleiben. Das Ergebnis derartiger Bemühungen ist jedenfalls ernüchternd.
Der zweite Punkt, der damals wie heute Lösungen verhindert, betrifft eine Politik, die eher von Wunschdenken als von Realitätssinn geleitet wird. Das damals viel beschworene Selbstbestimmungsrecht der Völker etwa erwies sich als schwere Hypothek für die Verhandlungen. Denn es galt nur für die Sieger und nicht für die Besiegten, erst recht nicht dort, wo britische oder französische Interessen berührt wurden – etwa im Nahen oder Fernen Osten. Mit Folgen, die die Regionen, aber auch den Rest der Welt bis heute beschäftigen.
Europa ist wieder anfällig für Nationalismus
Historische Vergleiche mögen unsinnig sein, der Blick in die Vergangenheit lohnt sich dennoch – zeigt er doch, wie viele Millionen sterben, wie viel Elend Menschen auf beiden Seiten der Front ertragen mussten, bevor Europa zur Besinnung kam und die jahrzehntelange Selbstzerfleischung des Kontinents endete. So unterschiedlich die Ausgangslagen 1919 und 2019 auch sind: Wer die Vergangenheit nicht versteht, kann aus der Geschichte nichts lernen.
Europa ist 100 Jahre nach dem Versailler Vertrag wieder anfällig für Nationalismus und Protektionismus geworden, während im großen Rest der Welt das Recht des Stärkeren gilt. Die Europäische Union mag fehlerhaft und bisweilen ineffektiv agieren, doch ohne ihre Völker verbindende Klammer droht auch Europa zurückzufallen in gefährliche Zeiten. Zeiten, die überwunden schienen.
simon.rilling@stzn.de