100 Jahre Waldfriedhof Stuttgart Letzte Ruhestätte in Höhenlage

Bunter Schmuck auf einem der Kindergräber. In der Bilderstrecke sehen Sie weitere Bilder vom Stuttgarter Waldfriedhof. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 13 Bilder
Bunter Schmuck auf einem der Kindergräber. In der Bilderstrecke sehen Sie weitere Bilder vom Stuttgarter Waldfriedhof. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Auf dem Waldfriedhof im Stuttgarter Stadtbezirk Degerloch ist vor 100 Jahren der erste Tote beerdigt worden. Zahlreiche Menschen, darunter viele Persönlichkeiten, haben dort ihre letzte Ruhe gefunden. Ein Spaziergang.

Leben: Erik Raidt (era)
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Stuttgart - Die ältere Dame blickt nicht nach links oder rechts, schwungvoll zieht sie sich an einem der Metallgriffe in die Bahn hinein, läuft zielsicher auf einen Platz zu, streicht ihren Rock glatt und setzt ihre Sonnenbrille auf. Sie kennt den Weg, sie blickt nicht zur Seite, als der Fahrer mit seinem Schlüsselbund klimpert, die Tür zuschiebt, die grollend in ihr Schloss fällt und schließlich ein hoher Signalton die Abfahrt ankündigt. Ruckelnd setzt sich die Standseilbahn in Bewegung, es knirscht und knarzt in ihrem Gebälk aus Teakholz. Nach wenigen Metern verschwinden die letzten Hausfassaden, und die Bahn taucht ein in ein rot-gelb-grünes Herbstgemälde, in jenen Waldhang, der hinaufführt nach Degerloch.

Vier Minuten benötigt die Standseilbahn, eine alte Lady, die seit 1929 den steilen Weg von Heslach aus bewältigt, bis zu ihrem Ziel: dem Waldfriedhof. An der Endstation verschwindet die Dame, eine Frau schiebt ihren Kinderwagen aus dem Abteil, zwei Wanderer umklammern ihre Nordic-Walking-Stöcke. Alle streben jenem Friedhof entgegen, der in Stuttgart viel mehr ist als eine letzte Ruhestätte. Der Waldfriedhof, dessen hundertjähriges Bestehen am Wochenende gefeiert wird, ist ein leiser Schutzraum in der lärmenden Großstadt, ein Naturparadies und ein Ort, der zahllose Geschichten erzählt.

Wie jene des ersten Toten, der hier beerdigt wurde. Über dem Grabstein von Dr. Ernst Hory wölbt sich eine grüne Haube aus Moos, die Inschrift ist gut lesbar. ­Hory wurde Ende August 1914 im französischen Beauclair verwundet, knapp drei Wochen später starb er, und in Stuttgart ahnten nur wenige, wie viele seiner Kameraden ihm folgen würden. Das Gräberfeld der gefallenen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg bildet einen dicht gestaffelten Kreis, unter Eichen und Buchen ruhen mehr als 1100 Kriegstote. Auf Stelen ist von Opfer und Treue die Rede, von Blut und Vaterland. Ein Jahrhundert ist vergangen, die Grabsteine stehen in Reih und Glied, wie auf den Soldatenfriedhöfen an der Somme. Der Tod wurde im Jahr 1914 per Marschbefehl staatlich verordnet. Er kam millionenfach. Und doch erschütterte jede einzelne Todesnachricht die Hinterbliebenen.

Ein würziger Geruch

Der Friedhof gibt seine Geschichten nur nach und nach preis. Auf den Grabsteinen stehen oft nur Namen, Geburts- und Sterbedaten, doch es lohnt ein genauer Blick. Violette Blumen leuchten vor einem schmalen Grabstein, der von zwei Löwen bewacht wird. Hier ruht Clara Hanmann, doch auf ihrem Grabmal steht ein anderer Name: Claire Heliot. Clara Hanmann wurde 1866 in Halle an der Saale als Tochter eines Postsekretärs geboren, als junge Frau arbeitete sie als Tierpflegerin im Leipziger Zoo. Karriere machte sie mit einer Mutprobe unter ihrem Künstlernamen Claire Heliot: Sie dressierte ein Dutzend Berberlöwen, trat mit diesen im Zirkus auf und nahm auf dem Höhepunkt ihrer Show eines der Tiere beim Marsch aus der Manege auf ihre Schultern. Doch eines Tages biss ihr einer der Löwen in die Hüfte, woraufhin sich Claire Heliot auf einen Hof in der Nähe von Stuttgart zurückzog. 1953 starb sie verarmt in einem Altersheim und wurde auf dem Waldfriedhof beigesetzt.

Hier herrscht keine Grabesstille, überall regt sich Leben: Ein Eichelhäher fliegt von Baum zu Baum, zwei Amseln führen ein lautstarkes Streitgespräch, Eichhörnchen huschen zwischen den Grabsteinen umher, krallen sich in die Rinde der Bäume und blicken neugierig auf die Besucher des Friedhofs hinab. Im weichgespülten Licht der Herbstsonne tanzen die Insekten. Es riecht würzig nach Erde und nassem Laub, Blätter segeln zu Boden. Von den Hauptwegen im Friedhof zweigen zahllose schmälere ab, die sich weiter verzweigen und in die Randbereiche des Friedhofs führen, wo die Wege aus festgetretener Erde bestehen, der Löwenzahn wuchert und sich Wurzeln emporwölben, als wollten sie den Spaziergänger festhalten und zum Innehalten auffordern. Auf Pfaden, krumm wie manche Lebenswege, treibt der Spaziergänger dahin, bis mitten im Wald plötzlich eine Skulptur auftaucht und eine zweite. Es sind die Werke des in Böhmen geborenen Bildhauers Otto Herbert Hajek, der 2005 in Stuttgart beigesetzt wurde. Die Skulpturen stehen wie Abschiedsbotschaften auf und neben seinem Grab, vor dem eine Marmorplatte liegt: „Die Kunst kundet von der Natur, sie kundet von der Sehnsucht des Menschen.“

Der Waldfriedhof erzählt tröstliche Geschichten und todtraurige. Unmittelbar neben den Skulpturen erstreckt sich, im Schatten einer schmalen Birke, eine Reihe von kleinen Gräbern. Bunte Windräder drehen sich, Schmetterlinge in allen Farben des Regenbogens leuchten zwischen dem Immergrün. An einer Mondsichel baumelt ein Mobile. Hier liegen Kinder, deren Lebensspanne sich in Tagen, Wochen oder Monaten bemessen hat, manche wurden wenige Jahre alt. Wie im Kinderzimmer haben die Eltern Spielzeug auf die Gräber gestellt, manchmal finden sich auf den Schleifen Abschiedsworte, beispielsweise solche aus dem Kleinen Prinz: „Nur die Kinder wissen, wohin sie wollen.“




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