Auf dem Waldfriedhof im Stuttgarter Stadtbezirk Degerloch ist vor 100 Jahren der erste Tote beerdigt worden. Zahlreiche Menschen, darunter viele Persönlichkeiten, haben dort ihre letzte Ruhe gefunden. Ein Spaziergang.

Leben: Erik Raidt (era)

Stuttgart - Die ältere Dame blickt nicht nach links oder rechts, schwungvoll zieht sie sich an einem der Metallgriffe in die Bahn hinein, läuft zielsicher auf einen Platz zu, streicht ihren Rock glatt und setzt ihre Sonnenbrille auf. Sie kennt den Weg, sie blickt nicht zur Seite, als der Fahrer mit seinem Schlüsselbund klimpert, die Tür zuschiebt, die grollend in ihr Schloss fällt und schließlich ein hoher Signalton die Abfahrt ankündigt. Ruckelnd setzt sich die Standseilbahn in Bewegung, es knirscht und knarzt in ihrem Gebälk aus Teakholz. Nach wenigen Metern verschwinden die letzten Hausfassaden, und die Bahn taucht ein in ein rot-gelb-grünes Herbstgemälde, in jenen Waldhang, der hinaufführt nach Degerloch.

Vier Minuten benötigt die Standseilbahn, eine alte Lady, die seit 1929 den steilen Weg von Heslach aus bewältigt, bis zu ihrem Ziel: dem Waldfriedhof. An der Endstation verschwindet die Dame, eine Frau schiebt ihren Kinderwagen aus dem Abteil, zwei Wanderer umklammern ihre Nordic-Walking-Stöcke. Alle streben jenem Friedhof entgegen, der in Stuttgart viel mehr ist als eine letzte Ruhestätte. Der Waldfriedhof, dessen hundertjähriges Bestehen am Wochenende gefeiert wird, ist ein leiser Schutzraum in der lärmenden Großstadt, ein Naturparadies und ein Ort, der zahllose Geschichten erzählt.

Wie jene des ersten Toten, der hier beerdigt wurde. Über dem Grabstein von Dr. Ernst Hory wölbt sich eine grüne Haube aus Moos, die Inschrift ist gut lesbar. Hory wurde Ende August 1914 im französischen Beauclair verwundet, knapp drei Wochen später starb er, und in Stuttgart ahnten nur wenige, wie viele seiner Kameraden ihm folgen würden. Das Gräberfeld der gefallenen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg bildet einen dicht gestaffelten Kreis, unter Eichen und Buchen ruhen mehr als 1100 Kriegstote. Auf Stelen ist von Opfer und Treue die Rede, von Blut und Vaterland. Ein Jahrhundert ist vergangen, die Grabsteine stehen in Reih und Glied, wie auf den Soldatenfriedhöfen an der Somme. Der Tod wurde im Jahr 1914 per Marschbefehl staatlich verordnet. Er kam millionenfach. Und doch erschütterte jede einzelne Todesnachricht die Hinterbliebenen.

Ein würziger Geruch

Der Friedhof gibt seine Geschichten nur nach und nach preis. Auf den Grabsteinen stehen oft nur Namen, Geburts- und Sterbedaten, doch es lohnt ein genauer Blick. Violette Blumen leuchten vor einem schmalen Grabstein, der von zwei Löwen bewacht wird. Hier ruht Clara Hanmann, doch auf ihrem Grabmal steht ein anderer Name: Claire Heliot. Clara Hanmann wurde 1866 in Halle an der Saale als Tochter eines Postsekretärs geboren, als junge Frau arbeitete sie als Tierpflegerin im Leipziger Zoo. Karriere machte sie mit einer Mutprobe unter ihrem Künstlernamen Claire Heliot: Sie dressierte ein Dutzend Berberlöwen, trat mit diesen im Zirkus auf und nahm auf dem Höhepunkt ihrer Show eines der Tiere beim Marsch aus der Manege auf ihre Schultern. Doch eines Tages biss ihr einer der Löwen in die Hüfte, woraufhin sich Claire Heliot auf einen Hof in der Nähe von Stuttgart zurückzog. 1953 starb sie verarmt in einem Altersheim und wurde auf dem Waldfriedhof beigesetzt.

Hier herrscht keine Grabesstille, überall regt sich Leben: Ein Eichelhäher fliegt von Baum zu Baum, zwei Amseln führen ein lautstarkes Streitgespräch, Eichhörnchen huschen zwischen den Grabsteinen umher, krallen sich in die Rinde der Bäume und blicken neugierig auf die Besucher des Friedhofs hinab. Im weichgespülten Licht der Herbstsonne tanzen die Insekten. Es riecht würzig nach Erde und nassem Laub, Blätter segeln zu Boden. Von den Hauptwegen im Friedhof zweigen zahllose schmälere ab, die sich weiter verzweigen und in die Randbereiche des Friedhofs führen, wo die Wege aus festgetretener Erde bestehen, der Löwenzahn wuchert und sich Wurzeln emporwölben, als wollten sie den Spaziergänger festhalten und zum Innehalten auffordern. Auf Pfaden, krumm wie manche Lebenswege, treibt der Spaziergänger dahin, bis mitten im Wald plötzlich eine Skulptur auftaucht und eine zweite. Es sind die Werke des in Böhmen geborenen Bildhauers Otto Herbert Hajek, der 2005 in Stuttgart beigesetzt wurde. Die Skulpturen stehen wie Abschiedsbotschaften auf und neben seinem Grab, vor dem eine Marmorplatte liegt: „Die Kunst kundet von der Natur, sie kundet von der Sehnsucht des Menschen.“

Der Waldfriedhof erzählt tröstliche Geschichten und todtraurige. Unmittelbar neben den Skulpturen erstreckt sich, im Schatten einer schmalen Birke, eine Reihe von kleinen Gräbern. Bunte Windräder drehen sich, Schmetterlinge in allen Farben des Regenbogens leuchten zwischen dem Immergrün. An einer Mondsichel baumelt ein Mobile. Hier liegen Kinder, deren Lebensspanne sich in Tagen, Wochen oder Monaten bemessen hat, manche wurden wenige Jahre alt. Wie im Kinderzimmer haben die Eltern Spielzeug auf die Gräber gestellt, manchmal finden sich auf den Schleifen Abschiedsworte, beispielsweise solche aus dem Kleinen Prinz: „Nur die Kinder wissen, wohin sie wollen.“

Die Gräber erzählen Geschichten

Ein Windstoß fährt durch die Wipfel, Eicheln prasseln zu Boden. Der Wind zaust Buchen und Ahornbäume, deren Äste sich wie Arme schützend über den Gräbern ausbreiten. Unter ihnen liegen Generationen. Manche Familiengräber fächern die Abfolge der Todesfälle wie Stammbäume auf, die Urahnen gingen längst verschwundenen Berufen nach, linker Hand ruht ein Herr, der als Oberrechnungsrat tätig war. Auf dem Waldfriedhof liegen Menschen, die in Stuttgart geboren und gestorben sind, andere kamen in Antwerpen oder in Hamburg auf die Welt und sind fern ihrer Wiege begraben. Ein Friedhof bietet letzte Gewissheiten, und doch lädt er auch zu Spekulationen über den Lebensweg fremder Menschen ein: Wie könnte er verlaufen sein?

Am Himmel zieht ein Flugzeug eine leise Bahn. Zwischen verwitterten Grabsteinen ragen immer wieder Holzkreuze empor, vor denen kaum verwelkte Blumen stehen. Hier sind die Spuren der Trauer noch frisch und nicht zu Erinnerungen geronnen. An den Gräbern der Prominenten finden sich oft Hinweise, dass sie nicht vergessen wurden. Vor Robert Boschs Grab hängt ein Kranz seiner Firma. Inmitten der Schale voller Erikas, die vor dem Grabstein von Theodor Heuss und seiner Frau Elly Heuss-Knapp steht, leuchtet eine einzelne Rose.

Die Eichen wurzeln im 18. Jahrhundert

Der Waldfriedhof ist ein steinernes Geschichtsbuch mit unzähligen Kapiteln. Hier ruhen der Wiederaufbau-Oberbürgermeister Arnulf Klett, der Maler Oskar Schlemmer, der Grünen-Mitbegründer Willi Hoss, der Fernsehturm-Baumeister Fritz Leonhardt, der Kaufhauskönig Eduard Breuninger und der einstige Leibarzt des Kaisers von Japan. Ohne jene, die hier oben, in Halbhöhenlage, bestattet wurden, sähe das Gesicht der Stadt anders aus. Aber was sind Ruhm und Ehre gegen die Geschichten, die die Bäume an diesem Ort erzählen könnten? Vier Generationen sind eine Winzigkeit für Eichen, die im späten 18. Jahrhundert wurzeln, als Friedrich Schiller seine „Räuber“ schrieb.

Vor einem der Grabsteine hält die Dame aus der Standseilbahn eine stille Zwiesprache. Zweige knacken unter den Schuhen, eine Maus raschelt im Unterholz, der Pfad führt fort von der eleganten Dame, hinüber zu jenem Bereich des Friedhofs, in dem die Grabmale aus Stein seltener werden. Seit einigen Jahren bietet der Waldfriedhof Baumgräber an. Manche wollen ihren Angehörigen die Grabpflege ersparen, ihre Namen finden sich auf Metalltäfelchen, die nur mit einem Nagel in den Baum gehauen wurden. An einer Buche hängen die beiden Tafeln eines Paars. Auf einer von ihnen steht: „In Liebe verbunden.“

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