10.Todestag von Zoran Djindjic Die Begegnung mit Habermas ändert sein Schicksal

Von Wolfgang Messner 

In Belgrad begegnet ihm Jürgen Habermas auf der Straße. Djindjic erzählt ihm sein Schicksal, und Habermas lädt ihn ein, nach Deutschland zu kommen. Dort will er sehen, was er für den jungen Mann tun kann. Habermas schickt Djindjic schließlich nach Konstanz an den Bodensee. Für den jungen Akademiker ist Deutschland das „Land der Philosophie“. Das Reich von Kant, Hegel, Heidegger. Dort, so glaubt er, hat jeder Bürger mindestens zwanzig Bände Hegel im Regal stehen. Horkheimer, Adorno, Habermas sind seine Leuchtsterne. Die Vertreter der Kritischen Theorie, der so genannten Frankfurter Schule, verehrt er. Deutsch hat er sich selbst beim Studium von Kant beigebracht, doch sprechen kann er es nicht.

So hat Zoran Djindjic in Konstanz alles bei der Hand, um effizient seinen Abschluss zu machen. Es ist kaum ein Jahr vergangen, da legt er zum Erstaunen seines Doktorvaters bereits sein Werk vor. „Marx’ kritische Gesellschaftstheorie und das Problem der Begründung“ lautet der Titel. Eine 182-seitige Abrechnung mit der Ideologie, die den Sozialismus begründete. Zu Beginn der Doktorarbeit habe er eine andere Einstellung gehabt als am Ende, bekannte Zoran Djindjic. Mike Roth ist sein Zweitgutachter, der Djindjic’ Fundamentalkritik bis heute nicht teilen kann.

Die linken Theorien haben für den Pragmatiker ausgedient

Zoran Djindjic hat später erklärt, die Zeit in Deutschland habe seinem Leben „eine absolute Wende“ gegeben. Er wendet sich ab von den linken Theorien, die er als naiv betrachtet, und entdeckt konservative Denker wie Fränkel, Husserl und Heidegger. Mehr und mehr wandelt er sich zum Pragmatiker, wird konservativer und skeptisch allen Theorien gegenüber. Weil er sich aus dem Bürgerkrieg heraushält und nach Montenegro zurückzieht, sich jedoch mit Kriegsverbrechern wie dem bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic und dem Ultranationalisten Vojislav Seselj trifft, um Koalitionen gegen den Diktator Milosevic auszuloten, stößt er auf Unverständnis. Die „Süddeutsche Zeitung“ merkt an, Djindjic betreibe seinen Pragmatismus „mit der Rigorosität des Konvertiten“.

Das Ziel jenseits der Ideologien aber heißt für ihn Realpolitik. Er schreibt das viel beachtete Buch „Jugoslawien als unvollendeter Staat“, in dem er das zerfallende Gemeinwesen dem komplexen westlichen Modell eines Rechtsstaates gegenüberstellt, das er in Deutschland schätzen gelernt hat. So etwas will er auch in Serbien schaffen. Sein Land nach Europa zu führen – das ist sein großes Ziel.

1990 gründet er die Demokratische Partei mit, 1997 wird er für kurze Zeit Bürgermeister von Belgrad, bevor ihn die alten Kräfte wieder absetzen. Nach dem Sturz von Milosevic gewinnt das demokratische Bündnis die Wahl, 2001 wird Zoran Djindjic zum ersten demokratischen Ministerpräsidenten Serbiens ernannt. Die Grundlagen für das höchste Amt hat er in Deutschland gelegt. Ohne Konstanz wäre das alles nicht möglich gewesen.