1200 Fachkräfte fehlen Kliniken finden keine Pflegekräfte

Von Willi Reiners 

Noch nie war die Personalnot in Baden-Württembergs Kliniken so groß wie heute. 1200 Stellen können derzeit nicht mit Pflegefachkräften besetzt werden. Zudem fehlen 400 Ärzte.

Alle Hände voll zu tun: Pflegekräfte  im Krankenhaus – hier mit einem Patienten bei einer Kältetherapie  – sind gesucht. Foto: dpa
Alle Hände voll zu tun: Pflegekräfte im Krankenhaus – hier mit einem Patienten bei einer Kältetherapie – sind gesucht. Foto: dpa

Stuttgart - Seit 2010 befragt die Baden-Württembergische Krankenhausgesellschaft (BWKG) die Manager der gut 260 Kliniken im Land regelmäßig zum Wohlbefinden des Dauerpatienten Krankenhaus. Das Stimmungsbild namens BWKG-Indikator fiel meist durchwachsen aus, so wie man es von einem chronisch Kranken erwartet. Auch die aktuelle Befragung passt in dieses malade Bild: In finanzieller Hinsicht scheint die Lage der Kliniken derzeit zwar nicht mehr ganz so bedrohlich wie noch vor einigen Jahren, dafür allerdings schlagen die Manager nun in Sachen Personalnot so lautstark Alarm wie noch nie.

75 Prozent der Krankenhäuser und Rehakliniken im Land haben demnach ernste Probleme, Pflegekräfte zu finden. „Das ist der höchste Wert seit dem Beginn unserer Befragungen“, sagte Detlef Piepenburg, BWKG-Vorstandsvorsitzender und zugleich Landrat des Kreises Heilbronn, am Mittwoch in Stuttgart. 1200 Stellen für Pflegefachpersonal seien derzeit unbesetzt. Kaum rosiger ist die Situation auch beim ärztlichen Personal. 72 Prozent der Rehakliniken und 64 Prozent der Krankenhäuser hätten Schwierigkeiten, freie Stellen für Mediziner zu besetzen, so Piepenburg. Aktuell fehlten deshalb 400 Ärzte in der stationären Versorgung im Südwesten.

Lob aus dem Südwesten für Spahn

Ausdrücklich lobte der BWKG-Vorstandschef die Pläne des neuen Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU), der den Pflegenotstand in Pflegeheimen und Kliniken durch ein ganzes Maßnahmebündel anpacken will. Spahn hat unter anderem angekündigt, neue Pflegestellen auch im Krankenhaus vollständig von den Kostenträgern – also den Krankenkassen – finanzieren zu lassen. Das schließt eventuelle Tarifsteigerungen für die Beschäftigten mit ein.

Die Krankenkassen sind davon nicht begeistert. Sie verweisen darauf, dass schon heute jeder dritte Beitragseuro der Krankenversicherten an die Kliniken fließe, insgesamt gut 72 Milliarden Euro.

„Spahn setzt eine langjährige Forderung der BWKG um, das begrüßen wir natürlich sehr“, sagte Piepenburg. Unverständlich sei jedoch, dass die volle Finanzierungszusage des Ministers sich nur auf die Pflege beziehe, nicht aber auf alle anderen Berufsgruppen im Krankenhaus. Der Heilbronner Landrat gab zu bedenken: „Mehr Personal am Krankenbett oder im Pflegeheim wird es nur geben, wenn die Pflegekräfte durch andere Mitarbeiter entlastet werden können.“ Nur so könne der Pflegeberuf wieder attraktiver werden.

Viele Fachkräfte wandern in die Schweiz ab

Wenn genau vorgeschrieben werde, wie viel Personal mit welcher Qualifikation, wann eingesetzt werden muss, bedeute das einen enormen bürokratischen Aufwand, so der Heilbronner Landrat. Zudem sei nicht auszuschließen, dass bestimmte Leistungen schlicht nicht mehr angeboten werden können, weil das erforderliche Fachpersonal für die Häuser nicht mehr zu gewinnen sei.

Spahn hatte, indem er die Vollfinanzierung explizit ausschließlich an neue Pflegestellen koppelte, auf Bedenken der Krankenkassen reagiert. Diese befürchten, dass die Kliniken zusätzlich Finanzmittel zweckentfremden könnten.

Piepenburg äußerte sich skeptisch zu der Frage, ob es überhaupt gelingen könne, den Fachkräftemangel auf absehbare Zeit zu beheben. In Baden-Württemberg wanderten weiterhin viele Pflegekräfte in die Schweiz ab. Dort werde schlicht besser bezahlt. Im Südwesten liege das durchschnittliche Bruttoentgelt bei 3500 Euro. Das Land seinerseits könne den Personalmangel mit ausländischen Fachkräften vielleicht lindern, aber nicht lösen, sagte Piepenburg.