130 Jahre „Zacke“ Ein Bähnle für Reiche und Milchmädchen

Hans-Joachim Knupfer ist bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) der Experte für die Zahnradbahn. Foto: Nina Ayerle
Hans-Joachim Knupfer ist bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB) der Experte für die Zahnradbahn. Foto: Nina Ayerle

Seit 130 Jahren bietet die Zacke ein besonderes Fahrerlebnis mit Panoramablick über den Kessel. Die Stuttgarter Zahnradbahn war im Jahr 1884 überhaupt die erste Verkehrsverbindung zwischen Stuttgart und den Fildern.

Leben: Nina Ayerle (nay)
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S-Süd/ Degerloch - Die Strecke mehrmals zu fahren, lohnt sich in jedem Fall. Denn auch auf den zweiten und dritten Blick ist die Aussicht über den Stuttgarter Talkessel immer noch beeindruckend. „Wenn man hinauf fährt, sitzt man in der Zacke am besten auf der linken Seite“, empfiehlt Hans-Joachim Knupfer, Pressesprecher bei den Stuttgarter Straßenbahnen (SSB).

Mit nur 30 Kilometer pro Stunde fährt die Zacke täglich im 15-Minuten-Takt vom Marienplatz nach Degerloch und zurück – und das seit exakt 130 Jahren. Trotzdem ist die Zahnradbahn, von allen Stuttgartern liebevoll nur „Zacke“ genannt, schneller als jeder Autofahrer und jeder Bus. Die müssen sich nämlich, wenn sie vom Marienplatz nach Degerloch wollen, durch den Straßenverkehr quälen. Die Zacke nimmt den direkten Weg an der Wielandshöhe vorbei. Knapp 2,2 Kilometer beträgt die Strecke nur. Zehn Minuten braucht die heute elektrisch betriebene Bahn und überwindet dabei 200 Höhenmeter und an der steilsten Stelle 18 Prozent Steigung.

Die Zacke und die Seilbahn sind die Highlights der SSB

Die Zacke und die Seilbahn in Heslach sind die zwei besonderen Verkehrsmittel der SSB. Rechtlich gilt die Zacke zwar als Straßenbahn, doch sie zu fahren sei wesentlich anspruchsvoller, weshalb die Fahrer viel Erfahrung benötigen und speziell ausgebildet werden, sagt der SSB-Pressesprecher.

Für die Pendler zwischen den beiden Stadtteilen ist die Zacke das schnellste Verkehrsmittel. Für Besucher der Landeshauptstadt ist sie, die einzige Zahnradbahn Deutschlands innerhalb des öffentlichen Nahverkehrs, eine Attraktion. Aber dennoch betreibt die SSB die Zacke nicht nur aus Nostalgiegründen. Sie sei immer noch notwendig und lohnenswert, sagt Knupfer.

Doch vor 130 Jahren hatte die Zahnradbahn auf dieser Strecke noch einen ganz anderen Stellenwert. Am 23. August 1884 nahm sie ihren Betrieb auf und war die allererste Verkehrsverbindung zwischen Stuttgart und den Fildern. Damit war sie auch die erste und einzige Verbindung zwischen Stuttgart und Degerloch, das damals noch eigenständig war. „Die Zacke war ein echtes Bedürfnis“, sagt Knupfer. Vom Hauptbahnhof seien viele Menschen mit der Pferdebahn zum Marienplatz gefahren, um von dort mit der neuen Zahnradbahn nach Degerloch zu gelangen, berichtet Knupfer. Für das 125-jährige Jubiläum vor fünf Jahren hat sich der Pressesprecher ausführlich in die Geschichte und Technik der Zacke, die einst noch Zacketse hieß und das -tse im Laufe der Zeit verloren hat, eingearbeitet.

Zwei private Unternehmer, der Degerlocher Carl Kühner und der Esslinger Emil von Keßler junior, gelten als die beiden Väter der Zacke. Unterstützt wurden die beiden Schwaben allerdings von einem Schweizer. Niklaus Riggenbach, ein Bergbahnpionier, trug mit seiner mehr als zehnjährigen Erfahrung im Zahnradbau erheblich dazu bei, dass die Stuttgarter Bahn ohne Mühen und problemlos erbaut und betrieben wurde, so schreiben es die Stuttgarter Straßenbahnen in ihrer Jubiläumsbeilage zum 125. Geburtstag der Zacke. Zahnradmaschinen seien seine Spezialität gewesen, weiß Knupfer. Von Keßler wiederum habe in Esslingen eine Maschinenfabrik betrieben, die sich auf Lokomotiven spezialisiert hatte. Der habe dann mit dem Schweizer eine Bahn für Stuttgart geplant, die auch steile Berge hochkommt.

Die neue Verbindung war heißbegehrt

Dies geschah in einer Zeit, in der Stuttgart als Stadt ohnehin sehr stark gewachsen ist. Ganze Stadtviertel sind in dieser Zeit hinzugekommen. „In den Fabriken in der Stadt waren viele Arbeitskräfte gesucht“, sagt Knupfer. Die neue Verbindung von den Fildern in den Kessel hinunter war eine dringende Sache. Aber nicht nur für die Arbeiter sei die Zacke praktisch gewesen. Die Milchmädchen hätten es laut Knupfer fortan einfacher gehabt. „Die mussten ja davor mit ihren schweren Kannen und ihren Handwagen den steilen Berg zu Fuß bewältigen“, sagt er. Die Mädchen waren deshalb besonders über das neue Bähnle erfreut, so erzähle man es sich.

Den wohlhabenden Stuttgartern wiederum erschlossen sich durch die „Zacketse“ ganz neue Möglichkeiten. Sie entdeckten Degerloch als hervorragenden Wohnort mit guter Lage und besserer Luft als im Kessel. Innerhalb kürzester Zeit ließen sich zahlreiche reiche Stuttgarter an den Hängen nieder, die Wohnsiedlung um den Haigst entstand.

Für Degerlocher fängt der Stadtnbezirk in der Zacke an

Noch heute ist die Zahnradbahn übrigens für die Degerlocher „ihre Bahn“, sagt Knupfer. Für einen Degerlocher fange sein Stadtbezirk in der Zacke an. Die Zahnradbahn sei „ihre Anbindung, ihr Schicksal“. Durch dieses Verkehrsmittel sei überhaupt erst die Verbindung zwischen Stuttgart und Degerloch entstanden. Rund 30 Jahre nach der ersten Fahrt der Zacke, im August 1908, wurde der Stadtbezirk dann auch in die Landeshauptstadt eingemeindet.

Eine Besonderheit hat die Zacke auch heute noch für alle Nutzer: Sie sei mit 2,70 Euro pro Fahrt spottbillig. „Wo anders ist eine Fahrt mit einer Zahnradbahn richtig teuer“, sagt Knupfer.




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