150 Jahre Deutscher Alpenverein Zwischen Fest und Desaster

Übertourismus schon zu Gründungszeiten des Deutschen Alpenvereins? Hier eher eine Wallfahrt zur Aufstellung des Gipfelkreuzes auf dem oberbayerischen Wendelstein, fotografiert am 3. Juli 1887. Foto: Archiv des DAV, München, privat

Der Deutsche Alpenverein feiert sein 150-jähriges Bestehen. Er hat Millionen von Menschen für die Berge begeistert – und wird nun eines Problems nicht mehr Herr, das ihn seit den Anfängen begleitet. Es nennt sich „Übertourismus“.

München - Als die 36 Herren im Münchner Gasthaus Zur Blauen Traube zusammentraten – im Mai 1869 war das –, da grassierte das Alpenvereinsfieber anderswo schon viel länger. Die Schweiz hatte einen, Großbritannien (!) auch, und der Österreichische Alpenverein begann sich aufgrund interner Querelen sogar schon wieder zu zerlegen. Die frisch gegründete Münchner Section aber ließ die Bergbegeisterung in Deutschland regelrecht explodieren. Dem Aufruf aus der Blauen Traube gemäß gründete sich schon drei Wochen später ein Alpenverein in Leipzig, noch im selben Jahr folgten Frankfurt, Heidelberg, Berlin, Karlsruhe, nur um Beispiele aus dem „Flachland“ zu nennen. Und jetzt, am Wochenende, feiert der solcherart entstandene Deutsche Alpenverein in München seinen 150. Geburtstag.

 

Die „Kenntniss und Durchforschung der gesammten deutschen Alpen, die erleichterte Bereisung derselben und die Herausgabe periodischer Schriften“ hatten sich die Vereinsväter zur Aufgabe gestellt; noch im Gründungsjahr begann man mit dem Anlegen möglichst spektakulärer Wanderwege sowie dem Bau von Hütten, die sich des Andrangs wegen aber sofort zu veritablen Berghäusern auswuchsen. „Wohlthätigen Einfluß auf das Touristenwesen“ wollte man ausüben, den bitterarmen Älplern „die materiellen Vorteile eines grossartigen Fremdenbesuchs“ zukommen lassen. Das rasant ausgebaute Eisenbahnnetz ermöglichte ja allen zivilisationsflüchtigen „Verehrern der erhabenden Alpenwelt“ ganz neue Anreisemöglichkeiten.

Über „Menschenscharen“ wurde schon vor 100 Jahren geklagt

Das aber fiel dem Deutschen Alpenverein (DAV) bald auf die Füße, und es ist bis heute sein größtes Dilemma geblieben: Wer die Alpen liebt, wirbt für sie; es zerstört sie aber, wer einen Massenandrang provoziert. Dass „die Ursprünglichkeit unter „überlauter Anpreisung landschaftlicher Reize“ kaputt gehe, beklagten Kritiker im Verein schon 1897. Der von den „Menschenscharen“ mitgebrachte Drang zum Luxus auf den Hütten – damals, im Zeitalter von Massen-Schnarchlagern, Flöhen, Plumpsklo, Erbswurstsuppe! – der wurde bereits 1906 als ein „Gifttrank“ bezeichnet, den man „in den Gesundbrunnen der Alpen geschüttet“ habe. Und schon 1902 sahen sich frühe Naturschützer genötigt, die Königlich-Bayerische Staatsregierung zu Strafmaßnahmen „gegen die Ausrottung einzelner Alpenpflanzen durch sinnloses Abpflücken“ zu beantragen. All das, dazu das Schlingern des DAV zwischen Naturschutz und Bergerschließung, ist festgehalten im druckfrischen Jubiläumsband „Die Berge und wir“. Richtlinien, beim Hütten- und Wegeausbau zurückhaltend zu bleiben, hatte sich der DAV schon 1923 gegeben – sie wurden bald aufgeweicht –, aber erst 2012 wagte er in seinem Leitbild die Aussage, man betrachte „die Erschließung der Alpen als abgeschlossen“; es werde nur noch „das bestehende Netz an den Bedarf angepasst“.

Aber was ist der Bedarf? Ökologische Bewirtschaftung sicherlich. Aber warme Duschen? An dieser Frage entzünden sich immer noch heiße Diskussionen – wie einst jener um Sinn oder Unsinn fest einbetonierter Kletterhaken in den Bergwänden. Aber wie hält man es mit Ladestationen für E-Bikes auf den Hütten? Die Sektion München hat sie für ihren Bereich vor zwei Jahren abgelehnt; man hielt die „Fortbewegung aus eigener Muskelkraft“ für alpengemäßer. Mittlerweile stellen DAV-Funktionäre verblüfft fest: Die Zeit ist über sie hinweggegangen. Die neue Generation der Pedelecs benötigt dank stärkerer Akkus gar keine Ladestationen mehr da oben. Wie aber nun umgehen mit der ungebremst steigenden Zahl solcher Freizeitgeräte auch auf schmalen Wanderwegen? Zwischen den weit auseinanderklaffenden Interessen seiner Mitglieder hat der DAV noch keine Haltung gefunden. Wer an den Streit um naturverträgliches Skibergsteigen zurückdenkt: Für ein Konzept hat es 20 Jahre gebraucht.

Der Verein ist jünger und weiblicher geworden

In anderen Punkten hat der Verein nachgegeben, und er stellt fest: Es war gut so. Wurden Sport- und Wettkampfkletterer, tendenziell langmähnige Freaks, noch vor dreißig Jahren als „drogensüchtige Affen“ abgelehnt, und hatte die DAV-Jugend (!) noch 1993 gegen die Förderung des Sportkletterns gestimmt, so ist aus dem DAV heute der fünftgrößte deutsche Sportverband geworden. Boulder- und Kletterzentren schießen aus dem Boden, mit ihnen die DAV-Beitrittszahlen. Fast die Hälfte aller Mitglieder entstammt heute der Sportkletterei; sie haben den Verein deutlich verjüngt – und es erhöht den Frauenanteil von Jahr zu Jahr. In München trägt man Boulder-Weltcups aus.

Der Bau von Indoor-Kletterhallen entlastet auch das ökologische Gewissen. Denn als anerkannter, nach eigenen Angaben größter Naturschutzverband Deutschland hat der DAV ein riesiges Problem: Mehr als 71 Prozent seiner Mitglieder suchen ihren Lieblingsspielplatz, die Alpen, mit dem Auto auf. Und jedes der 1,3 Millionen DAV-Mitglieder kommt mit An- und Abreisen auf durchschnittlich 5469 Kilometer pro Jahr! Um das dabei frei werdende Kohlendioxid auszugleichen, rechnet der DAV vor, müsste er knapp 60 000 Hektar Wald pflanzen.

Und es reisen ja bei Weitem nicht nur DAV-Mitglieder in die Alpen. Entlang des alpenquerenden Fernwanderwegs E5 erzwingt es schier exponentiell wachsende Trekkingmode, dass manche der komplett überlaufenen Hütten bereits Übernachtungszelte aufstellen müssen. Gerade das führt aktuell zum wohl größten Grummeln im Alpenverein: Spontane Bergfahrten mit Übernachtung sind ohne Vorabreservierung auf den Hütten kaum mehr möglich. Die viel gelobte Freiheit im Gebirge, die guten Zeiten – sie sind vorbei.

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