1969 – die Sternstunde Amerikas Das Jahr der großen Schritte

Im verspiegelten Visier von Buzz Aldrin erkennbar: Neil Armstrong. Viele mehr Leute kamen vor 50 Jahren nicht in Frage, Fotos auf dem Mond zu machen. Foto: dpa

Heute reden viele vom Niedergang Amerikas – höchste Zeit, um an eine Sternstunde des Landes zu erinnern. Vor 50 Jahren landeten Amerikaner auf dem Mond, erfanden das Internet und feierten in Woodstock. Wie hat uns das verändert?

Stuttgart - Heute reden viele vom Niedergang Amerikas – höchste Zeit, um an eine Sternstunde des Landes zu erinnern: an 1969. Wie war das noch mal bei Neil Armstrongs „kleinem“ Schritt, was passierte eigentlich in Woodstock und wie wurde der Grundstein für das heutige Silicon Valley gelegt?

 

21. Juli 1969, 3.56 MEZ

Landeplatz der Mondlandefähre Eagle, Meer der Ruhe auf dem Mond: Neil Armstrong, zwei Söhne, geboren in Ohio, betritt als erster Mensch den Mond. Diesem ersten Schritt, klein für einen Astronauten, groß für die Menschheit, waren viele Schritte vorausgegangen.

Am Anfang stand ein jugendlicher Präsident – im Mai 1961 hatte John F. Kennedy gefordert, dass binnen dieses Jahrzehnts ein Amerikaner den Mond betreten und wieder gesund auf die Erde zurückkehren sollte: „Es ist an der Zeit, dass diese Nation eine klare Führungsrolle im Weltraum einnimmt.“ Die Mondlandung war ein „America first“-Programm zu einem Zeitpunkt, als noch kein amerikanischer Politiker sich genötigt sah, einem drohenden Niedergang seines Landes mit einer solchen Parole zu begegnen.

Genau 20 Jahre vor dem Fall der Mauer gelang den Amerikanern mit der Landung der Mondfähre „Eagle“ eine Vorentscheidung im Kampf der Systeme. Den Sputnik-Schock – 1957 hatten die Sowjets mit Sputnik 1 den ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn geschossen – beantworteten sie mit dem womöglich bildgewaltigsten Triumph in der Geschichte der Menschheit.

Wie einst die Siedler

Die Amerikaner pflanzten ihre Flagge auf dem Erdtrabanten auf, sie spielten im Mondstaub Golf, sie hüpften ausgelassen umher wie Schulkinder auf dem Pausenhof. Die Amerikaner eroberten den Mond nicht nur, sie zeigten dort auch Coolness und den American Way of Life.

So wie sich einst die ersten Siedler von der Ostküste der USA aus aufmachten und mit dem Planwagen gen Westen aufbrachen, verschoben die Amerikaner mit dem Apollo-11-Projekt erneut die Grenzen. In der Mondlandung am 21. Juli 1969 zeigte sich der Geist des Frontier Spirit, die Cowboys hatten sich aufgemacht, den Weltraum zu erobern – unendliche Weiten lagen vor ihnen.

Ein spargeldünner britischer Spacecowboy lieferte in diesem Jahr den passenden Soundtrack zur Sternstunde: David Bowie turnte in einem psychedelischen Video zur „Space Oddity“ herum.

Fortschritt dank Technik

Der Mann auf dem Mond wäre niemals dort gelandet, wenn nicht technische Entwicklungssprünge diesen großen Sprung ermöglicht hätten. Beim Apollo-Projekt arbeitete die Nasa mit dem Computerkonzern IBM zusammen – den Code für die Flugsoftware schrieb eine Frau: die heute 82 Jahre alte Informatikerin Margaret Hamilton.

Der Raketenmann des Programms stammte aus Deutschland – seine Geschichte zeigt, dass die Amerikaner gnadenlosen Pragmatismus walten ließen, um ihr Ziel zu erreichen. Wernher von Braun war unter den Nazis entscheidend am V2-Raketenprogramm beteiligt, jetzt ebnete er den Amerikanern als Konstrukteur der Saturn-V-Rakete den Weg auf den Mond.

Der Kolumbusmoment, in dem Neil Armstrong Neuland betrat, bereitete den Boden für ein geradezu mythisches Verständnis von Technik in der Gegenwart – für eine Zeit, in der Bill Gates und Steve Jobs dank technischer Innovationen zu Popstars im globalen Dorf werden konnten.

Die Raketenmänner von heute

Die verrückten Raketenmänner der Gegenwart heißen Elon Musk (SpaceX), Jeff Bezos (Blue Origin) und Richard Branson (Virgin Galactic), die ihre erwirtschafteten Milliarden in einen neuen Aufbruch ins All investieren.

Aber wer tritt die nächste lange Reise in die Zukunft an? Die Chinesen, die jüngst als Erste auf der Rückseite des Mondes landeten, könnten eines Tages ihre Pläne für eine bemannte Mission zum Mars vorstellen. Kein anderer Trip würde das Ende der amerikanischen Vorherrschaft auf dem Planten Erde besser illustrieren. Der Mars wäre rot.

29. Oktober 1969, 22.30 Uhr

Ein Raum an der University of California in Los Angeles: Der Informatikprofessor Leonard Kleinrock und sein Student Charles Kline warten vor zwei Computern auf den entscheidenden Moment. Einer der beiden Rechner ist in Los Angeles, der andere im 500 Kilometer entfernten Stanford aufgebaut.

Die Männer halten per Telefon Kontakt. Kline tippt ein „L“ in seinen Computer ein. „Habt ihr das ,L‘?“, fragt er seinen Professor. Kleinrock bestätigt in Stanford den „Posteingang“: „Ja, wir haben das ,L‘!“ Mit diesem Buchstaben schreiben Kleinrock und Kline unbemerkt von der Öffentlichkeit Geschichte, sie haben die erste Internetverbindung genutzt.

Verrückte Kalifornier

Während die Mondlandung an der amerikanischen Ostküste in Washington geplant und vom texanischen Houston aus gesteuert wurde, vollzog sich diese stille Revolution des Jahres 1969 an der Westküste der USA. Das war kein Zufall: Kalifornien entwickelte sich in den 1960er Jahren zu einem Magneten für Freidenker, Künstler und Schwule; für die vielen Gegner des Vietnamkriegs; für Menschen, die bereit waren, Regeln zu brechen und etwas Neues auszuprobieren.

Hier hatte im 19. Jahrhundert der Goldrausch Menschen reich gemacht, die Traumfabrik Hollywood verkaufte ihre Sehnsüchte. Wer an der Ostküste in New York gescheitert war, suchte in San Francisco als Blumenkind sein Glück.

An der Westküste schlug die Stunde der Utopisten: Wie könnte man die Macht der Politik und der Konzerne aufbrechen? Die Geburtshelfer des Internets: eine kolossale Menge bewusstseinserweiternder Substanzen, die Träume der Hippies und der kühle Verstand junger Ingenieure und Computertechniker. „Ich war auf der Suche nach Maschinen, die Menschen helfen, eine Gemeinschaft zu bilden“, erzählt der Informatiker Lee Felsenstein rückblickend.

Felsenstein entwickelte seinerzeit Megafone, die er so miteinander verband, dass ein Mensch auf einer Großkundgebung reden und ein anderer, der weit entfernt stand, darauf antworten konnte. Felsenstein hatte die Idee vom Menschen als Netzwerker auf eine neue Ebene gehoben. 30 Jahre vor der Geburtsstunde von Facebook.

Immer dabei: das Militär

Genau wie bei der Mondlandung, deren wichtigster Treibstoff der Kampf der Systeme war, spielte das Militär auch bei der Entwicklung des Internets eine entscheidende Rolle: Das amerikanisch Verteidigungsministerium hatte Anfang der 1960er Jahre in ein dezentrales Netzwerk investiert, das vier amerikanische Universitäten miteinander verband – das sogenannte Arpanet wurde zum Vorläufer des Internets.

Mit militärischen Interessen hatten die Visionäre des neuen digitalen Zeitalters nichts im Sinn. Viele Jahre, nachdem der erste Buchstabe der Internetgeschichte geschrieben wurde, formulierte der Songwriter und Netzaktivist John Perry Barlow eine „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“: „Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können – ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft, in der jeder Einzelne an jedem Ort seine oder ihre Überzeugungen ausdrücken darf, wie individuell sie auch sind.“

Und jetzt?

Heute ist Wunderland längst abgebrannt. Digital in die Welt gesetzte Lügen vergiften Wahlkämpfe, China entwickelt sich mithilfe des Internets zu einem Überwachungsstaat, der George Orwells „1984“ wie ein harmloses Märchen aussehen lässt.

An die Stelle eines machtfreien Raums ist ein Big-Data-Kapitalismus von Googles und Amazons Gnaden getreten. Doch die ursprüngliche Kraft der Idee des Internets ist davon unberührt: Das Netz verbindet nicht Maschinen – es verbindet Menschen miteinander

18. August 1969, 11 Uhr

Bethel, nahe Woodstock: Als Jimi Hendrix kurz nach 11 Uhr morgens seinen Auftritt und den offiziellen Teil des Woodstock-Festivals beendete, waren noch ungefähr 35 000 Zuschauer anwesend. Insgesamt wurden statt der 60 000 erhofften Besucher über 400 000 Leute angelockt bei dem dreitägigen Festival, das nicht wie geplant in Woodstock, sondern 70 Kilometer entfernt in White Lake, nahe der Kleinstadt Bethel stattfand.

Auch sonst lief nichts nach Plan: Große Künstler wie The Doors, die Rolling Stones, James Brown oder Aretha Franklin wollten nicht in Woodstock auftreten, weil deren Manager an der Expertise und Rechtschaffenheit der unerfahrenen Festival-Veranstalter zweifelten. Stars wie Jimi Hendrix, Joan Baez und The Who wurden teils mit doppelt so hohen Gagen wie sonst üblich überzeugt. Die finanziellen Mittel der vordergründig antikapitalistischen Veranstaltung kamen von der Wall Street.

Eine Katastrophe

Das Wetter war ebenfalls eine Katastrophe, Hitze und Gewitter wechselten sich ab, das Festivalgelände wurde eine gigantische Schlammrutsche, die sanitären Anlagen hielten dem Massenansturm nicht stand, im Landkreis wurde der Notstand ausgerufen – und die US-Army, eigentlich das große Feindbild der Hippiebewegung, musste Notverpflegung und Ärzte zum Festival einfliegen lassen. Woodstock war ein Desaster. Auch finanziell.

Erst im Nachgang und besonders durch den dramaturgisch aufpolierten und 1971 mit einem Oscar prämierten Dokumentarfilm „Woodstock“ setzte die Verklärung der „3 Days of Peace & Music“ ein – der Mythos Woodstock. Love, Peace, Happiness, freie Liebe, Drogen, zwischendrin die Welt ein bisschen gerechter machen und natürlich den Krieg in Vietnam beenden. Das Bild: eine friedliche Revolution mit lustigen Zigaretten, wenig Kleidung und viel Haaren. Selbst das finanzielle Desaster des Woodstock-Festivals machten der auf Platte veröffentlichte Soundtrack und die filmische Dokumentation anschließend wieder wett.

Das Ende der Hippies

Die Hippiebewegung hat mit Woodstock ihren Höhepunkt und gleichzeitig ihr Ende erfahren – die friedliche Protestbewegung, die sogenannte Counter Culture war zum griffigen Lebensgefühl und zum Geschäftsmodell geworden. Sie war gut zu vermarkten – besonders, wenn man die Ideale und die Politik beiseite lässt oder auf einen theoretischen Chic herunterrechnet. Der „Summer of Love“ von 1967 wurde aus Modegründen etwas verlängert und lukrativ verscherbelt.

Der Protest gegen den egoistischen American Dream und der Traum selbst wurden zu einem – und zu einem großen Geschäft, das weltweit florierte. Denn spätestens durch den Dokumentarfilm fühlte sich jeder, als sei er selbst dabei gewesen. Ein Teil einer Massenbewegung – während weiterhin Särge mit gefallenen Soldaten aus Vietnam in die USA zurückgeflogen wurden.

Wut und Chaos

Doch der Unmut über die ideologisch träge gewordene Massenbewegung zog 1969 längst seine Kreise und führte zu einer anderen Gegenkultur. In der Motor City Detroit veröffentlichten unanständig laute Bands wie MC5 und The Stooges mit Iggy Pop ihre ersten Platten. Dieser Gegenentwurf zum blumigen Hippietraum roch nach Zerstörung und Chaos. Es flogen Kraftwörter, die Gitarren und es war die Geburt dessen, was später Punk genannt wurde. Gefahr und Lautstärke, statt Friede und Liebe.

Im britischen Birmingham, bekannt für seine Stahlindustrie, ging man mit dem Unmut über die Hippies anders um: Da spielte am 17. November 1969 eine kleine Band ihr apokalyptisches erstes Album ein: Black Sabbath. Led Zeppelin aus London veröffentlichten ebenfalls ihr erstes Album – beide wurden zu den Erfindern des Heavy Metal.

Das Festivalgelände von Woodstock gilt wiederum seit Februar 2017 als offizielles Kulturdenkmal der USA – ein später Ruhm für die Protestbewegung.

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