Ein Mandat des UN-Sicherheitsrates für den Angriff gab es nie
Der Sturm, es war der Beginn der von den USA angeführten Invasion in den Irak vor 20 Jahren. Saddam Hussein, so hatte die damalige US-Regierung unter George W. Bush behauptet, plane den Einsatz von Massenvernichtungswaffen und unterstütze den Terrorismus. In der Nacht zum 20. März 2003 begann eine Militärallianz unter Anführung der USA mit Bombardements. Sechs Wochen später rief Bush den Sieg aus. Ein Mandat des UN-Sicherheitsrates für den Angriff gab es nie, die Behauptungen der USA stellten sich als falsch heraus. Die Folgen der Invasion und der anschließenden Besatzung wirken bis heute.
Viele Iraker sehen im Krieg von 2003 den Ursprung für das Chaos
Wie Ghada Ahmad sind Generationen im Irak mit Krieg und Krise aufgewachsen. Nach dem offiziellen Ende der Besatzung 2011 lieferten sich irakische Sicherheitskräfte jahrelang Gefechte mit dem sogenannten Islamischen Staat (IS). Obwohl der IS seit Ende 2017 als besiegt gilt, kommt es noch immer zu Anschlägen. Die Spuren von Terror und Krieg sind auf Bagdads Straßen sichtbar. Politiker oder Diplomaten fahren in gepanzerten Wagen, große Hotels oder politische Einrichtungen sind von Betonwällen umgeben, überall stehen bewaffnete Sicherheitskräfte. Viele Iraker sehen im Krieg von 2003 den Ursprung für das Chaos danach.
2019 zogen Tausende junger Iraker für Veränderung auf die Straße
„Die Besatzung hat dem Irak Tragödien und Opfer gebracht, aber keine Freiheit“, sagt Muntazer al-Zaidi, irakischer Journalist. Laut Analysen haben Krieg und Besatzung von 2003 bis 2011 Hunderttausende Opfer gebracht. Unter der Einmischung der USA und auch des Irans leide der Irak bis heute, sagt der 43-Jährige. Im Dezember 2008 warf al-Zaidi bei einer Pressekonferenz in Bagdad seine Schuhe auf George W. Bush. „Das ist ein Abschiedskuss, du Hund“, rief er und wurde von Landsleuten gefeiert. Ein Jahr saß er in Haft, später ging er in die Politik, um sich frustriert davon abzuwenden. „Solange es dieselbe Verfassung und dieselben Parteien wie 2003 gibt, wird sich die Situation nicht verbessern“, sagt er. 2019 zogen Tausende vor allem junge Iraker für Veränderung auf die Straße und den Tahrir-Platz – bis Sicherheitskräfte und Milizen die Proteste gewaltsam auflösten. Seither setzen sich viele Kritiker in anderer Form für Veränderung ein – etwa im Start-up-Zentrum The Station, einem Treffpunkt für junge Gründer mitten in Bagdad.
„Viele der Leute hier waren 2019 auf dem Tahrir-Platz“, sagt Ghada Ahmad in perfektem Englisch, die langen Haare trägt sie offen. Sie sitzt im Café der „Station“, einem hohen Raum mit Backsteinwänden. Hinter der Theke wird Espresso gemacht, an den Tischen sitzen die Menschen allein oder in Gruppen, viele am Laptop. Nebenan ist ein Co-Working-Space, im „Macher-Raum“ dahinter findet ein Workshop zu 3-D-Druck statt. Es könnte ein Start-up-Hub irgendwo in Berlin sein, wären da nicht die bewaffneten Sicherheitskräfte vor dem Gebäude.
Die politische Elite steckt tief im Korruptionssumpf
„Als ich 2014 von der Uni kam, gab es kaum junge Entrepreneure“, sagt Ghada Ahmad, im Marketing tätig. „Aber in den letzten sechs Jahren hat sich viel getan.“ Initiativen haben sich gegründet, Investoren kamen, aus dem Ausland gab es Unterstützung. Heute arbeiten unter dem Dach der „Station“ Filmproduktionsfirmen, Designerinnen oder App-Programmierer. „Die politische Situation macht es uns nicht leicht, aber es gibt viele Ideen“, sagt Ghada Ahmad.
Im Oktober 2022 hat sich im Irak nach fast einem Jahr politischen Stillstands eine neue Regierung gefunden. Der neue Premier al-Sudani kündigte Neuwahlen an und ein Ende der Korruption – aber viele sind skeptisch. Zu tief stecke die politische Elite im Korruptionssumpf. „In den letzten 20 Jahren hat Klientelpolitik eine enorme Bedeutung bekommen“, sagt Joost Hiltermann, Irak-Experte der International Crisis Group. Als Grund sieht er ein politisches System, das nach der US-Invasion entlang von ethnokonfessionellen Linien aufgebaut wurde. Das System, das Sunniten ausgrenzte, habe den bis heute schwelenden Extremismus angefacht. Die Auflösung der Armee habe das Erstarken von mächtigen Milizen befördert, viele vom Iran unterstützt.
Viele junge Menschen wollen eine andere Perspektive
Grundprobleme indes werden seit Jahren nicht angegangen. Stromausfälle sind an der Tagesordnung, der Klimawandel verschärft die Wasserknappheit, die Wirtschaft ist vom Öl abhängig, es gibt Alkohol- und Drogenprobleme, Waffengewalt, die Jugendarbeitslosigkeit ist enorm. Doch viele junge Menschen haben genug vom Elend, sie wollen eine andere Perspektive. Sie treffen sich in Kunst- und Kulturzentren, gründen Firmen. Abends sitzen sie in Bagdad in neuen, hippen Cafés oder Bars.
So wie Aya Salih. Die 23-Jährige sagt, sie sei die erste weibliche Reiseführerin im Irak. Vor drei Jahren hat sie sich selbstständig gemacht, führt jetzt Neugierige durchs Land. „Ich wollte verändern, wie Leute aus dem Ausland den Irak sehen“, sagt sie. Auch Salih ärgert sich über die „Unfähigkeit“ der Politik, die schlechte Wirtschaftslage, die sektiererischen Milizen. Aber sie hat Hoffnung. „Viele junge Leute, gerade Frauen, wehren sich gegen alte Vorstellungen und Barrieren“, sagt Aya Salih. Sie selbst habe in ihrer Familie kämpfen müssen, um ihren Weg gehen zu dürfen. In der Bar, in der sie sitzt, läuft amerikanische Popmusik, sie bestellt einen Cocktail. „Der Irak verändert sich.“