200. Geburtstag von Dostojewski Im Bann böser Geister

Fjodor Dostojewski, im Jahr 1872, Fotoporträt von Vassili Perow Foto: imago/UIG

Vor 200 Jahren wurde der russische Schriftstller Fjodor Michailowitsch Dostojewski geboren. In seinen Romanen stoßen höchste Schönheit und tiefste Verfallenheit aufeinander.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Es ist vielleicht nicht die beste Idee, jung verliebt auf Reisen zu gehen und einen Roman von Dostojewski mitzunehmen. Es könnte gut sein, dass man allein zurückkommt. Neben dem Rausch, in den seine Bücher versetzen, hat nicht viel anderes Platz. Besitzergreifend sind sie schon von ihrem Umfang her. In ihrem Inneren pulst Maßlosigkeit, Exzess, aber auch das Versprechen eines intensiveren Daseins. Mit ihren Figuren geht man eine feste Beziehung auf Lebenszeit ein. Gerade weil sie die mittlere Temperatur der eigenen Vorstellungskraft konsequent durchbrechen, folgt man ihren fiebrigen Fantasien überallhin, um sich in Gewalt, Erniedrigung, Krankheit, Verbrechen und Strafe verstricken zu lassen.

 

Das Werk des am 11. November 1821 in Moskau als Sohn eines Armenarztes geborenen Autors repräsentiert wohl den Inbegriff dessen, wovor die sensiblen Inquisitoren der Sensitive-Reading-Zirkel unserer moralisch zartbesaiteten Tage ihre Leseschäfchen zu schützen trachten. Seine Helden sind Mörder, Besessene, Übermenschen oder Idioten. Sie vergewaltigen wie der charismatische Stawrogin aus den „Dämonen“ getrieben von Langeweile junge Mädchen oder erschlagen wie der Student Raskolnikow in „Schuld und Sühne“ mit dem Beil alte Frauen, um über ihre Leichen einer großen Zukunft entgegenzugehen. Sein letzter Roman, „Die Brüder Karamasow“, Hauptwerk unter Hauptwerken, kreist um einen Vatermord, das Böse hat darin viele Gesichter.

Vom Revolutionär zum Reaktionär

Blickt man vom Werk auf den Autor, sieht es nicht wesentlich besser aus: Nachdem er sich mit seinem ersten großen Prosatext, den „Armen Leuten“, an die Spitze der im Entstehen begriffenen sozialkritischen Literatur gesetzt hatte, wandelt er sich später zum reaktionären Eiferer, der für die Heimholung Konstantinopels ins Zarenreich trommelt. In Russland spannt ihn heute die Rechte vor ihren klerikalen Karren. Sein abstoßender Antisemitismus wird dadurch nicht erträglicher, dass seine Abneigung Polen und Schweizer ebenso trifft wie die in seinen Augen kleinkarierten, spießigen, hässlichen Deutschen, in deren Casinos er die Vorschusshonorare und die Kleider seiner Frau versetzt. Sein Roman „Der Spieler“ erzählt davon – und von einer Gier, die den Kapitalismus charakterisiert, den er ebenso verabscheut wie den Sozialismus.

Dostojewskis Werk verstößt gegen die Grundüberzeugungen einer Zeit, die bestrebt ist, alles auf Linie zu bringen. Genau darin liegt seine Größe und der Grund, weshalb man sich an den Theatern seit Jahren an dem Romancier abarbeitet – oft vergeblich.

Der Schlüsselmoment zwischen Leben und Tod

Er ist einer der Ersten, der in Russland von der Literatur zu leben versucht. Ein Großteil seiner Romane erscheinen als Fortsetzungen in Zeitschriften-Feuilletons. Er beherrscht alle Kniffe, Cliffhanger und Verfahren, wie sie später im Film zum Einsatz kommen. So flimmernd wie die Texte sind die weltanschaulichen Plätze, die ihnen zugewiesen werden: christlich, revolutionär, nihilistisch, existenzialistisch. Polyfonie ist das Strukturprinzip seines Erzählens, mit dem er die zerrissene Seele des modernen Ich orchestriert. Alles in Dostojewskis Welt, so der Literaturtheoretiker Michail Bachtin, „lebt genau an der Grenze seines Gegenteils“. Biografisch markiert diese Grenze der Moment zwischen Leben und Tod, den Dostojewski 1849 durchlitten hat. Als Mitglied eines progressiven Zirkels verurteilt man ihm zum Tod durch Erschießen. Erst in letzter Sekunde wird die Exekution in eine vierjährige Verbannung nach Sibirien umgewandelt. Wer das erlebt hat – ein solcher Mensch könnte vielleicht erzählen, heißt es dazu später in dem Roman „Der Idiot“: „Von dieser Qual und von diesem Schrecken hat auch Christus gesprochen.“

Fürst Myschkin, der das sagt, ist ein Wiedergänger Jesu, ein vollkommener Mensch, der in seiner Selbstlosigkeit von der Gesellschaft verachtet und verspottet wird. Er ist wie Dostojewski Epileptiker, seine Krankheit befähigt ihn, die „höchste Synthese des Lebens“ zu erkennen. Eine Sekunde lang, immer unmittelbar vor einem seiner epileptischen Anfälle, weiß er um die Realität einer innigen Harmonie und Schönheit.

Abgrund der Menschheitsbeglückung

Sigmund Freud, der „Die Brüder Karamasow“ für den größten Roman der Geschichte hielt, urteilte, Dostojewski habe es versäumt, ein Befreier der Menschen zu werden, sondern sich zu ihren Kerkermeistern gesellt. Aber niemand hat eben so tief in den Abgrund der Menschheitsbeglückung geblickt, außer vielleicht Freud selbst.

Dem Roman „Die Dämonen“, der weit vorausweist in die kommenden revolutionären und totalitären Ideologien von links und rechts, ist als Motto die Passage aus dem Lukasevangelium vorangestellt, in der Christus die bösen Geister von Menschen in Schweine fahren lässt. Dostojewski bannt unsere Nachtseiten, unsere Albträume und Versuchungen in seine Romane. Man sollte sie lesen, um sie in Schach zu halten. Momente höchster Schönheit und tiefster Verfallenheit – solche Widersprüche zu ertragen ist die Signatur großer Liebe.

Fünf große Romane

Schuld und Sühne
 „Verbrechen und Strafe“, wie der Roman in der gefeierten Neuübersetzung Svetlana Geiers heißt, galt Thomas Mann als größter Kriminalroman aller Zeiten. Er kreist um die Frage, ob ein Mord durch das Bewusstsein der eigenen Außerordentlichkeit gerechtfertigt wird.

Der Spieler
 Abrechnung in eigener Sache: In dem in der Rekordzeit von dreieinhalb Wochen vollendeten Roman verarbeitet Dostojewski seinen materiellen und moralischen Ruin in den Spielbanken von Baden-Baden und Wiesbaden. Bescheidenheit und Demut mit der heillosen Wirklichkeit seiner Zeit in Konflikt gerät.

Der Idiot
 Erzählt wird der der Leidensweg eines vollkommenen Menschen, dessen Bescheidenheit und Demut mit der heillosen Wirklichkeit seiner Zeit in Konflikt gerät.

Die Dämonen
 In dem Roman, auch mit „Böse Geister“ übersetzt, finden die revolutionären Tendenzen in Russland ihren geradezu prophetischen Niederschlag.

Die Brüder Karamasow
 Jemand hat den verkommenen Vater von Aljoscha, Iwan und Dimitri umgebracht. Jeder hat Schuld. Berühmt ist das Kapitel, das die Geschichte des Großinquisitors enthält. Dieser lässt den wiedergekehrten Erlöser verhaften, nicht weil er an dessen Existenz zweifelt, sondern weil er die Ordnung der Kirche stört.  

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