Interview25 Jahre BIG in Waiblingen-Süd „Hier ist eine Stadtteilfamilie entstanden“

Von anc 

Die Belange der Bewohner von Waiblingen-Süd sind seit 25 Jahren das Thema der Bürgerinteressengemeinschaft (BIG) Waiblingen-Süd. Die Mitbegründerin Marlene Reichert und der Vereinsvorsitzende Olaf Arndt erzählen, wieso das Engagement ihres Vereins nötig war und ist.

Mit einer kunterbunten Mischung aus Veranstaltungen  bringt der Verein BIG Leben in den Waiblinger Süden. Links die Ehrenvorsitzende und Mitbegründerin Marlene  Reichert, rechts der Vereinsvorsitzende Olaf Arndt im Treffpunkt Big Kontur. Foto: Gottfried Stoppel
Mit einer kunterbunten Mischung aus Veranstaltungen bringt der Verein BIG Leben in den Waiblinger Süden. Links die Ehrenvorsitzende und Mitbegründerin Marlene Reichert, rechts der Vereinsvorsitzende Olaf Arndt im Treffpunkt Big Kontur. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Der Waiblinger Süden gilt als ein Stadtteil „mit besonderem Entwicklungsbedarf“ und wurde daher vor elf Jahren ins Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ aufgenommen. Einige seiner Bewohner haben schon Jahre zuvor begonnen, sich für ein gutes Zusammenleben einzusetzen. Daraus ist der Verein Bürgerinteressengemeinschaft (BIG) Waiblingen-Süd entstanden, über dessen Arbeit das Ehrenmitglied Marlene Reichert und der Vorsitzende Olaf Arndt berichten.

Frau Reichert, wie würden Sie das Gebiet Waiblingen-Süd Anfang der 1990er-Jahre beschreiben?
Den Begriff Waiblingen-Süd haben wir gewählt. Offiziell sprach man damals von den „Stadtteilen rechts der Rems“. Das war ein Gebiet, das abseits lag, an dem keiner großes Interesse hatte, und in das auch nicht viel investiert wurde. Es hatte keine Ausstrahlung, keinen Anziehungspunkt.
Sie haben damals begonnen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Was war der Anlass?
Angefangen hat alles im Jahr 1990. Damals gab es hier im Stadtteil viele auffällige Jugendliche, die rumhingen. Sie hatten einfach keine Bleibe. Auch Drogen waren im Spiel. Wir waren fünf, sechs Frauen, die sich zusammengetan haben, um etwas zu verändern.
Was haben Sie unternommen?
Wir haben mit den Pfarrern gesprochen und die katholische Kirche hat einen Raum unter der Heilig-Geist-Kirche zur Verfügung gestellt. Die Voraussetzung war aber, dass es eine offizielle Betreuung gibt. So haben wir Kontakt zur Stadt aufgenommen. Zu Beginn war es schwierig, die Lokalpolitik zu überzeugen, dass etwas getan werden muss. Aber wir sind immer dran geblieben. Schließlich wurde die Fachhochschule für Sozialwesen in Esslingen beauftragt. Sie hat eine Feldanalyse gemacht und dabei wurde klar, dass der Stadtteil eine mobile Jugendarbeit braucht. Die begann dann 1995.
Bereits im Jahr 1992 hatten Sie mit anderen Aktiven eine Interessengemeinschaft gegründet. Wieso?
Die Jugendlichen im Stadtteil wollten ein eigenes Fest haben und brauchten eine Organisation, die es trug. Daher ist die Interessengemeinschaft Waiblingen-Süd entstanden, in der Jugendliche und auch Erwachsene aktiv waren. Das Interesse für andere Themen war dann auch schnell geweckt, etwa für Infrastruktur oder Verkehrsberuhigung. So ist aus der Interessengemeinschaft der Verein Bürgerinteressengemeinschaft Waiblingen-Süd (BIG) geworden.
Herr Arndt, Sie gehören quasi zur zweiten Generation im Verein. Was sehen Sie als Aufgabe der BIG?
Wir versuchen, den Stadtteil in sich zu stärken und zu festigen und ihm eine Identität zu geben. Wir machen Graswurzelangebote, bieten Aktivitäten da an, wo es noch etwas hapert. Und wir möchten erreichen, dass Waiblingen-Süd in der Lokalpolitik wahrgenommen wird, was in einer großen Kommune wie Waiblingen gar nicht so einfach ist.
Woran hapert es?
Die Waiblinger Ortschaften haben dafür ihre Ortschaftsräte, wir haben so etwas nicht, obwohl wir mit mehr als 7000 Einwohnern eigentlich der größte Stadtteil sind. Politisch können wir also keine Stimme erheben, aber inhaltlich schon. Denn als Anwohner entwickelt man ein Gefühl dafür, wo es klemmt. Wir haben also ein gewisses Knowhow und versuchen, das in die Lokalpolitik hineinzutragen. Um vernünftig argumentieren zu können, muss man Fakten sammeln.
Eine Ihrer Thesen war „Wir brauchen eine neue Mitte “. Können Sie das erklären?
Das bezog sich auf eine große Freifläche zwischen den verschiedenen Stadtquartieren. Wir haben im Jahr 2003 Studenten der FH Stuttgart gefragt, was man städtebaulich damit anfangen könnte. Das Ergebnis war das Projekt „Neue soziale Mitte“, das dort Seniorenwohnen, Bürger- und Jugendräume und eine Kita vorsah. Das war die Grundlage dafür, dass die Stadt einen Förderantrag gestellt hat und 2007 in das Programm Soziale Stadt aufgenommen worden ist.
Inzwischen ist tatsächlich ein Seniorenheim entstanden, außerdem ein Park.
Reichert: Es ist hier ein ganz anderes Leben als früher. Die Geschäftigkeit am Danziger Platz hat zugenommen, alles ist viel offener geworden und der Stadtteil ist keine reine Schlafstadt mehr.
Arndt: Hier ist eine kleine Stadtteilfamilie entstanden. Und manches, was vor 15 Jahren belächelt wurde, ist jetzt wie selbstverständlich da, etwa das Seniorenwohnen. Nun geht es aber darum, wofür wir schon mit am längsten die Fahne hochhalten: Dass die neue Mitte wirklich entsteht.
Sie meinen das eigentlich geplante neue Stadtteilhaus mit Räumen für Jugendliche an der Jesistraße. Das steht wieder in Frage, seit die evangelische Kirchengemeinde im Herbst stattdessen eine Mitnutzung ihres Martin-Luther-Hauses vorgeschlagen hat.
Arndt: Ja, das war schon eine Enttäuschung. Das Martin-Luther-Haus ist aus vielerlei Gründen keine Option für uns. Der Stadtteil hat sich in eine ganz andere Richtung entwickelt. Wenn man die oberen Wohngebiete partizipieren lassen will und das Stadtteilhaus die gute Stube für alle im Waiblinger Süden werden soll, dann muss es weiter in Richtung der Alten Bundesstraße stehen.
Was halten Sie von den Plänen der Stadt, dort zunächst einen Kindergarten und Wohnungen zu errichten?
Reichert: Es wäre schade, wenn die Fläche an der Jesistraße nicht für die angedachten Einrichtungen genutzt würde. Das Stadtteilhaus ist ja eigentlich im Stadtentwicklungsplan festgeschrieben worden.
Arndt: Wir meinen, ein Stadtteilhaus zwischen einem Kindergarten und einer Sporthalle wäre optimal. Dann muss es aber aus einem Guss geplant werden. Das Ganze kann ja durchaus abschnittsweise und Zug um Zug verwirklicht werden, damit haben wir kein Problem. Aber wir wünschen uns, dass dort ein Zentrum entsteht, das den Namen verdient. Das wäre dann ein echter Mehrwert.
Und die BIG wäre dann dort Mieterin?
Arndt: Wenn das Konzept stimmt, ja. Aber nicht um jeden Preis. Wir werden uns als Verein nicht verbiegen und unsere Identität aufgeben.



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