25. Todestag von Kurt Cobain Kurt Cobain und sein Vermächtnis

Kurt Cobain, Sänger und Gitarrist von Nirvana. „Nevermind“ machte ihn zum wichtigsten Popstar der 90er-Jahre. Foto: AP

Vor 25 Jahren nahm sich Kurt Cobain das Leben. Doch die Spuren von Grunge sind noch immer allgegenwärtig. Es ist die Geschichte einer Gegenkultur, die zum Mainstream wurde.

Stuttgart - Für die Mainstream-Kultur tat sich 1992 scheinbar aus dem Nichts eine neue, bislang unerforschte Welt auf: Grunge, übersetzt: „Schmutz“. So klang auch die Musik – verwaschen, ungestüm und übersteuert. Die Optik gestaltete sich ebenso nonchalant: verschlissene Jeans, löchrige T-Shirts, schwere Treter und unförmige Karohemden – direkt aus dem Altkleidersack, allenfalls noch aus dem Secondhandladen.

 

Nirvana, die Punkband aus Seattle (US-Bundesstaat Washington), hatten eben mit „Smells like Teen Spirit“ weltweit einen Hit gelandet, und ihr Album „Nevermind“ fegte Michael Jackson vom Hitparaden-Thron, den King of Pop. Kurt Cobain, Sänger und Gitarrist von Nirvana, musste also zwangsläufig der neue König sein. Und die Regentschaft sah so aus: Schluss mit dem übermenschlich inszenierten Glamour, Authentizität ist das neue Ding, der Popstar von nebenan ist ein Anti-Star. Grunge war die irrationale Mischung aus Hippietugenden, der Wut des Punkrock, plakativer Innerlichkeit und der jugendlichen Gegenkultur der späten achtziger Jahre – selbstbestimmt, nachhaltig, gegen „die da oben“, gegen Sexismus, Rassismus, Umweltzerstörung und Kapitalismus und so weiter.

Nirvana waren Teil einer Szene

Erfunden hatte Kurt Cobain nichts davon, Nirvana waren lediglich ein Teil einer damals nicht wirklich greifbaren Szene. Doch sie waren die erste Band dieses eigentlich exklusiven Dunstkreises, von der sich plötzlich Millionen Teenager und Twens angesprochen und verstanden fühlten. Auch sie waren irgendwie dagegen und träumten von Selbstbestimmung. Und sie waren wütend.

Aus derart unkonkreten Träumen wird seit je Popkultur gemacht – als erfolgreichster Vertreter war der gut aussehende Cobain fortan das Poster zum Lebensgefühl. Die Außenseiter, die Mauerblümchen und die Leute, die beim Sport immer als Letzte ins Team gewählt wurden – sie waren plötzlich en vogue.

Haftete bis dahin dem alternativen Lebensstil mangels Massenbeteiligung immer etwas Utopisches an, ließ er sich nun – zum Lifestyle verklärt – prima verkaufen. Eine ursprünglich hochpolitische Gegenkultur wurde kommerzialisiert.

Sprechen sie „Grunge“?

Die Tageszeitung „New York Times“ wollte im November 1992 mehr wissen über die besonders in Seattle im unspektakulären Nordwesten der USA florierende Bewegung. Die Reporter machten sich beim damals federführenden Plattenlabel Sub Pop kund – wie denn diese Grunge-Szene so tickt, wie sie denkt und vor allem: wie sie spricht.

Aus Jux, Tollerei und ironischem Trotz diktierte die damalige Rezeptionistin Megan Jasper ein sicher nicht ernstgemeintes Glossar durchs Telefon: „Swingin’ on the flippity-flop“ sei beispielsweise der Grunge-Begriff für „mit Freunden zusammen Zeit verbringen“. Der Redakteur fragte nicht, ob sie noch ganz bei Trost oder betrunken sei und tippte munter mit. Am 15. November 1992 erschien das Stück in der „New York Times“ – „Das Lexikon des Grunge: der entschlüsselte Code“. Es wurde viel gelacht.

Schon dem Hit „Smells like Teen Spirit“ wohnte Ironie inne: Kurt Cobain würde nach dem Deodorant Teen Spirit seiner jungen Freundin duften, scherzte Kathleen Hanna von der feministischen Riot- Grrl-Punkband Bikini Kill. Cobain machte einen lustigen Slogan daraus, der später als Lebensgefühl einer Generation gedeutet wurde.

Der Hype explodiert

Als ob die Secondhand-Geschäfte der Welt nicht bereits voll von alter Kleidung gewesen wären, gab’s plötzlich eine Grunge-Kollektion von Marc Jacobs, labberige Karohemden für stolze 250 US-Dollar und kaputte Jeans für noch mehr Geld. Klobige Arbeitsschuhe, robuste Doc Martens und schmutzige Chucks-Turnschuhe waren plötzlich ebenfalls in, und Opas olle Strickjacke wurde über Nacht zum modischen It-Piece. Und immer schön vintage und ungezwungen, bitte.

Hollywood setzte auf einmal auf brüchige Typen und Antimachos wie River Phoenix, Keanu Reeves oder Johnny Depp und presste das Lebensgefühl in romantische Komödien wie „Singles“ oder „Reality Bites – Voll das Leben“. Die Alternative war im Mainstream angekommen, und was nicht Grunge war, wurde Grunge gemacht.

Überfordert von der Nirvana-Mania

Der Mensch Kurt Cobain schien zunehmend überfordert mit der Popularität und dem Umstand, als Referenz für all das herangezogen zu werden – ganz zu schweigen davon, mit Ehefrau Courtney Love und Tochter Frances Bean ein öffentliches Leben zu führen.

Der Irrglaube, Cobain wollte nie berühmt werden, hält sich wacker. Doch der Musiker wollte das sehr wohl, nur mit dem Ausmaß des Erfolgs rechnete niemand. Bis heute hat „Nevermind“ mehr als 30 Millionen Einheiten verkauft. Die Band hoffte auf 100 000 Stück.

Am 5. April 1994 nahm sich Kurt Cobain allein in seinem Haus in Seattle das Leben. Todesursache war nicht das Heroin in seinem Körper, sondern dass er sich mit einer Flinte in den Kopf schoss. Gefunden wurde er drei Tage später, er wurde 27 Jahre alt.

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