Stuttgart - Albrecht Ade, damals Trickfilmlehrer an der Stuttgarter Kunstakademie, ist ein kleines Kunststück gelungen: Er hat 1991 im Land der Maschinenbauer eine Filmhochschule gegründet. Die zählt schon lange zur Weltspitze, mit sechs Studenten-Oscars und 17 Nominierungen liegt sie außerhalb der USA auf Platz zwei. Thorsten Schmidt machte 1998 mit der Verwechslungskomödie „Rochade“ den Anfang, Pascal Schelbli gewann 2020 mit dem Trick-Kurzfilm „The Beauty“: Schillernd setzt er das Naturwunder Ozean in Szene, doch ein tanzender Fischschwarm entpuppt sich als Mikroplastik-Strudel, Quallen als Kunststofftüten und Delfine als Plastikflaschen.
Beim deutschen Nachwuchspreis „First Steps“ führen Filmakademiker die Gewinnerliste mit Abstand an. Die Schule hat Absolventen wie Jochen Laube („In den Gängen“, „Berlin Alexanderplatz“) hervorgebracht, der aus Ludwigsburg stammt, dem Standort die Treue hält und zu den wichtigsten deutschen Filmproduzenten zählt. Regisseurinnen und Regisseure wie Bora Dagtekin („Fack ju Göhte“), Nora Fingscheidt („Systemsprenger“, Silberner Berlinale-Bär) und Burhan Qurbani („Berlin Alexanderplatz“) haben ihr Handwerk in Ludwigsburg gelernt. Abgänger des Animationsinstituts machen wie Max Langund Jakob Schuh Filme wie „Grüffelo“ oder arbeiten als Effekt-Spezialisten an Blockbustern mit, etwa bei solchen des Stuttgarter Hollywood-Regisseurs Roland Emmerich. Ein Absolvent des ersten Jahrgangs, der Trickfilmer Andreas Hykade („Tom und das Erdbeermarmeladebrot mit Honig“), leitet nun das Animationsinstitut.
Stuttgart wollte keine Filmakademie
Ades Trickfilmer der 80er wurden im Kontext der Kunstakademie zunächst belächelt, heimsten dann aber in Annecy und London Preise ein. Das 1982 von Ade gegründete Trickfilm-Festival war so erfolgreich, dass es 1988 vom Kommunalen Kino in die Alte Reithalle umzog. Das Kunstministerium wurde aufmerksam und beauftragte ihn, ein Konzept für eine Filmakademie zu erarbeiten. Die entstand nicht in der Landeshauptstadt, sondern in Ludwigsburg. Er sei zuerst zum Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel gegangen, sagte Ade bei seinem Abschied als Akademie-Chef im Jahr 2001 den Stuttgarter Nachrichten: „Er glaubte, Film sei nichts für Stuttgart und spiele sich andernorts ab. In Ludwigsburg bin ich auf offene Ohren gestoßen, auch weil damals etwa 20 000 GIs aus ihren Kasernen abzogen.“
An der Mathildenstraße entstand ein Campus, im Kasernenhof ein Zeltdach für Open-Airs. Aus einer Turnhalle wurde das Caligari-Kino, das die Filmakademiker gerne nutzen, mit dem Blauen Engel siedelte sich eine Studentenkneipe an. „Man wollte keine klassische Hochschule mit kompliziertem Apparat und langen Studienzeiten, sondern ein flexibles Institut“, sagte Ade. „Es wurden nur vier feste Professoren eingestellt, der Rest kam auf Honorarbasis aus der Praxis. Ich habe versucht, die Besten zu kriegen, die meisten sind gekommen.“
Albrecht Ade lockte viele Profis nach Ludwigsburg
Das Handicap: Schon Stuttgart galt in Cineasten-Kreisen als Provinz. Der Dokumentarfilmer Thomas Schadt, seit 2005 Direktor der Filmakademie, erinnert sich an seine Berufung im Jahr 1995: „Albrecht Ade hat mich eingeladen auf eine Empfehlung hin. Ich wusste nichts über Ludwigsburg und die Filmakademie und bin hergefahren mit der üblichen Berliner Arroganz. Wir saßen im Blauen Engel, ein charismatischer älterer Herr redete überzeugt auf mich ein, bis er plötzlich sagte: ‚Ich habe jetzt keine Zeit mehr, Sie fangen dann halt bitte baldmöglichst bei uns an.‘ Das war keine Frage, sondern eher ein Befehl.“ Bereut hat Schadt es nicht: „Die Ausstrahlung war damals beim ersten Mal so, dass man nicht so genau wusste, warum man hier ist, aber trotzdem das sichere Gefühl hatte: Es lohnt sich.“
Die Praxisorientierung der Dozenten ist Teil des Erfolgsgeheimnisses wie das Wirken der Gründungsprofessoren: Der Filmkünstler Jochen Kuhn pflanzte den Studierenden in seinen Filmgestaltungs-Kursen ein filmästhetisches Grundverständnis ein, der Regisseur Nico Hofmann wurde für sie zum Türöffner in die Branche. Die vermeintliche Abgelegenheit erwies sich bald als Vorzug: Weil es weniger Ablenkung gibt als in Berlin oder München, können Studierende sich ganz auf ihre Werke konzentrieren.
Reibung erzeugen, Teams bilden
„Ich wollte künstlerischen Film machen, visuell und inhaltlich anspruchsvoll“, so hat Albrecht Ade seinen Anspruch an die Schule formuliert. Dieser Geist lebt bis heute fort – ohne Einschränkungen. „Qualität ist nicht einem bestimmten Genre vorbehalten“, sagt Thomas Schadt, „sondern im kommerziellen Mainstream genauso möglich wie im Arthaus- oder Essayfilm, im Dokumentarfilm, im Serienpiloten oder im TV-Journalismus. Bei uns hat alles den gleichen Stellenwert.“ Ein weiteres Lehrprinzip: Reibung erzeugen. „Wir achten darauf, dass die Klassen heterogen besetzt sind, was die Interessen der Studierenden angeht“, sagt Schadt. „Wir glauben, dass kreative Prozesse stark mit Meinungskollisionen zu tun haben und Diskurse gewinnbringend sind, wenn sie entsprechend geführt und moderiert werden.“
Ein Grundgedanke Ades war das Team-Building während des Studiums. Laube und Qurbani sind so eine Filmakademie-Connection, sie haben gemeinsam das Neonazi-Drama „Wir sind jung, wir sind stark“ (2014) gemacht und dann den Berlinale-Wettbewerbsfilm „Berlin Alexanderplatz“ (2020). Hinter der Kamera stand bei beiden ihr Studienkollege Yoshi Heimrath, geschnitten hat „Berlin Alexanderplatz“ der Absolvent Philipp Thomas. „Es ist eine Freude, gemeinsam so große Sachen zu stemmen und zu merken, wie jeder Einzelne gereift ist“, sagt Laube. Für die Filmakademie gibt es zu ihrem 30. Geburtstag wohl kein schöneres Geschenk.
Festakt
Am 16. Juli um 17 Uhr wird im Albrecht-Ade-Studio gefeiert, der Festakt wird auch online übertragen. Der prägende Filmgestaltungs-Professor Jochen Kuhn wird verabschiedet und hält die Festrede.
Das Jubiläumsprogramm
Festakt:
Am 16. Juli um 17 Uhr wird im Albrecht-Ade-Studio gefeiert, der Festakt wird auch online übertragen. Der prägende Filmgestaltungs-Professor Jochen Kuhn wird verabschiedet und hält die Festrede.
Festwoche: Im Rahmen der Feierlichkeiten werden die Porsche Awards für Werbefilm sowie die Caligari-Förderpreise verliehen. Es gibt ein Filmprogramm, der neue Kurzgeschichtenband „Sommer“ wird vorgestellt, Studierende pitchen – nicht öffentlich – ihre Stoffe vor Branchenvertretern.