30 Jahre nach Tschernobyl 1. Mai 1986 – die radioaktive Wolke erreicht Stuttgart

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Die Reaktorexplosion ist für die Stuttgarter rasch nicht nur ein Thema in den Nachrichten gewesen. Denn kurz nach dem Gau strahlten die Partikel auch in der Landeshauptstadt.

Saubere oder verstrahlte Ware? Ein Techniker untersucht im Stuttgarter  Großmarkt   frisches Obst,  Gemüse und Salat auf radioaktive Partikel. Foto: Kraufmann/Thomas Hörner 6 Bilder
Saubere oder verstrahlte Ware? Ein Techniker untersucht im Stuttgarter Großmarkt frisches Obst, Gemüse und Salat auf radioaktive Partikel. Foto: Kraufmann/Thomas Hörner

Stuttgart - In der Nacht zum 1. Mai 1986, vier Tage nach der Atomkatastrophe im mehr als 2000 Kilometer entfernten Tschernobyl in der Ukraine, ist die aus dem explodierten Reaktor ausgestoßene radioaktive Fracht auch in Stuttgart angekommen. „Die Wolke ist da.“ Mit diesen Worten alarmiert der Hohenheimer Physikprofessor Hermann Schreiber der Redaktion dieser Zeitung an diesem Feiertag um die Mittagszeit.

Sein Anruf wirbelt die Zeitungsproduktion durcheinander: Tschernobyl wird das in der nächsten Ausgabe fast alle Seiten beherrschende Thema. Das Fremdwort Becquerel ist plötzlich der Maßstab aller Dinge: Wie viele radioaktive Zerfälle pro Sekunde verträgt der Mensch? Besteht eine akute hohe Gefahr? Unverständliche Begriffe und Zahlen sollen das Unberechenbare beziffern. Wie hoch sind Milch, Freilandgemüse und Fleisch, wie hoch der Sand auf Spielplätzen belastet? Der Geigerzähler regiert eine verängstigte Gesellschaft.

Die Lage ist dramatisch und unübersichtlich

Am 2. Mai 1986 empfängt Schreiber einen Fotografen und mich vor seinem Strahlenlabor in Hohenheim. Vor Tür schlägt schrillt eine Klingel, ein empfindliches Messgerät schlägt Alarm. Wir, die Besucher, sind die Gefahr. Denn wir bringen viel Radioaktivität mit. Die stahlenden Partikel sind auf der grünen Wiese, im Sandkasten auf dem Spielplatz, an den Reifen der Autos, an den Schuhsohlen der Zeitungsredakteure. Die sind plötzlich keine distanzierten Katastrophenbeobachter mehr, sondern selbst Betroffene. Tschernobyl ist überall.

Die Lage ist dramatisch und unübersichtlich. Tabletten gegen das radioaktive Jod 131 sind innerhalb weniger Minuten in allen Apotheken ausverkauft. Und in den Supermärkten streiten sich Kunden um die knapp gewordene H-Milch. In Sillenbuch verkaufen die „Mütter gegen Atomkraft“ selbst beschafftes Milchpulver als saubere Babynahrung direkt vom Lastwagen. „Ich habe noch nie so elementare Ängste bei der Bevölkerung erlebt wie in diesen Tagen“, erinnert sich später der damalige städtische Umweltmediziner Hanns Stichler.

In Stuttgart melden die Messgeräte den Faktor 30 über Null

Am 1. Mai 1986 steigt die Radioaktivität im Land stark an. In Stuttgart melden die Messgeräte den Faktor 30 über Normal. Die Informationspolitik der Landesregierung ist widersprüchlich. Die Behörden warnen aber vor dem Genuss von frischer Milch und Freilandgemüse. Im Stuttgarter Großmarkt werden Paletten mit Obst und Gemüse per Geigerzähler überprüft. Belastete Ware wird tonnenweise beschlagnahmt.

Auch drei Jahrzehnte nach der Atomkatastrophe sind deren Auswirkungen in Baden-Württemberg immer noch messbar. Das Fleisch von Wildschweinen aus dem Schwarzwald ist nach Angaben der Chemischen und Veterinäruntersuchungsämter (CVUAs) in Stuttgart und Freiburg oft noch deutlich mit radioaktivem Cäsium 137 belastet. In 22 Prozent von jüngst untersuchten 770 Proben sind die Richtwerte überschritten. Der höchste Wert findet sich in einer Probe aus dem Kreis Biberach. Die Ursache für die hohen Werte sei die Vorliebe der Wildschweine für den Hirschtrüffel, so die Experten. Der Pilz reichere sich mit Cäsium aus dem Waldboden an.

Die radioaktive Gefahr ist aber noch lange nicht vorüber. Denn das strahlende Cäsium 137 aus Tschernobyl hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. Das bedeutet, dass jetzt gerade einmal die Hälfte davon zerfallen ist.

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