40. Geburtstag des Stirling-Baus in Stuttgart Staatsgalerie landet mit der 80er-Party einen Volltreffer

In der Rotunde der Staatsgalerie dreht sich in der Nacht zum Samstag eine riesige Discokugel. Foto: LICHTGUT/Zophia Ewska

Mit pinkfarbenen Brüstungen und giftgrünem Kautschukboden ist die Neue Staatsgalerie ein Schlüsselbau der Postmoderne – und dazu eine der schönsten Partylocations von Stuttgart. Der 40. Geburtstag von Stirlings Meisterwerk wird fröhlich und bunt gefeiert.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Wer sich in einem entlegenen Raum der Staatsgalerie eine Tasche mit der Aufschrift „Tu schei, schei, hasch, hasch, ei to ei“ bedrucken lässt, nämlich über einen Sieb und eine Schablone (dies tun viele), hat nicht unbedingt dank der Drinks einen Zacken in der Krone. Mit diesen seltsamen Schei-Schei-Hasch-Hasch-Worten beweisen vielmehr nicht mehr ganz so junge Partygäste, dass sie die Sprache der 80er beherrschen.

 

„Too Shy“ ist ein Hit der Band von Kajagoogoo aus dem Jahr 1983 – er stammt aus einer Zeit, als die Menschen keineswegs zu schüchtern waren, um Schulterpolster, Schweißbänder, Puffärmel, quietschend bunte Krawatten, übergroße Blazer und Vokuhila-Frisuren zu tragen. Vieles, was aus heutiger Sicht peinlich wirkt, wird in einer sensationellen Stuttgarter Nacht begeistert im Retro-Look neu aufgetragen, da die Staatsgalerie mit einer 80er Party den 40. Geburtstag des Stirling-Baus feiert.

Die Sehnsucht nach einer extremen Zeit zwischen dem Konservatismus der Ära Kohl und der Untergrundkultur der Hip-Hop-Bewegung scheint groß: Innerhalb von zwei Wochen waren alle 2000 Karten verkauft (mit Gästen des Hauses und Mitwirkenden sind es am Ende knapp 2300 Menschen, die dabei sein dürfen): Mag es heutzutage viel cooler sein, erst spät zu einer Party zu stoßen, so bildet sich am Freitagabend vor der Staatsgalerie bereits um 20 Uhr eine lange Schlange, die vom Eingang bis runter auf die Straße reicht.

Zwei DJ-Legenden der 80er legen auf

Mit Geduld startet die Geburtstagsfeier, auch drinnen dauert es, bis man an Getränke kommt – zur Curry-Wurst gelangen die meisten gar nicht und brechen das Warten lieber ab. Der Stimmung tut dies keinen Abbruch. Zwei DJ-Legenden der 80er – Jens Herzberg für das Roxy, Steffen Eifert für die Boa – liefern den Sound zur Lebenslust unvergessener Tage, die selbst auf heute 30-Jährige einen Reiz ausüben, so viele junge Gäste sieht man.

Ganz aufdrehen dürfen die Musikmacher freilich nicht. Eine strikte Dezibel-Grenze ist ihnen im Vortragssaal der Staatsgalerie gesetzt, der im Erdgeschoss zum drangvollen Dance Floor wird. Die Kunstwerke darüber könnten sonst vibrieren, beschädigt werden oder gar von der Wand herunterfallen. Nachts im Museum – das bedeutet auch, dass die Dauerausstellung im ersten Stock geöffnet ist sowie die Dokumentar-Fotografie-Sonder-Schau in der alten Staatsgalerie.

Damit erleben die durchweg begeisterten Besucher mal die Ruhe beim Kunstgenuss oben, dann das laute, aber ortsbedingt nicht zu laute Partygetümmel unten. An die Wände werden Stuttgart-Fotos aus den 80ern projiziert – so ist die Staatsgalerie in dieser Nacht auch ein Stadtmuseum.

In der „Get-Shorties-Schreibstube“ stehen alte Schreibmaschinen, auf denen man sich personifizierte Erinnerungskarten tippen lassen kann – mit großen Worten der 80er. Um „Sex in der Wüste“ geht es hier, darum, dass „deine blaue Augen so sentimental machen“, und vor allem freut man sich darüber, dass es schnell und hart vorangeht – denn „Geschichte wird gemacht“.

„Die Lange Nacht der Museen hat nur noch wenig mit Museen zu tun“

Christiane Lange, seit 2013 die Direktorin der Staatsgalerie, schneidet den grünen Turm der Geburtstagstorte an, den das Café Nast als Geschenk herbei transportiert hat. Die Idee, zum 40. Geburtstag des 1984 eröffneten Stirling-Baus eine 80er Party zu feiern, sei naheliegend gewiesen, sagt sie. Doch niemand im Haus habe mit dieser unglaublichen Resonanz gerechnet und dem rekordverdächtigen Run auf die Karten.

Bei der Langen Nacht der Museen vor einer Woche hat die Staatsgalerie bewusst nicht mitgemacht, sagt Christiane Lange: „Da geht es vor allem um Oldtimer und Bunker – mit Museen hat diese Nacht nicht mehr viel zu tun.“ Vielleicht blieb das Haus auch deshalb zu, um Kraft zu sammeln für diese Ausnahmeparty zum Geburtstag.

Allein die bunt illuminierte Rotunde, in der die Boa eine riesige Discokugel im Freien an einem Stahlaufbau kreisen lässt (quasi knapp über dem noch nicht vollen Mond), beweist, was für ein Meisterwerk dem Stararchitekten James Stirling gelungen ist. Über keinen Neubau ist in den frühen Achtzigern in Deutschland so heftig gestritten worden wie über die Neue Staatsgalerie, die heute wesentlich zur Attraktivität von Stuttgart beiträgt. Fast scheint es, als handele es sich bei diesem besonderen Bau mit den Pop-Elementen und mit der Durchquerungsmöglichkeit um Wiedergutmachung an der kulturfeindlichen Verkehrsplanung der Nachkriegszeit.

„Die geile Party schreit nach einer Wiederholung“

Für DJ-Legende Jens Herzberg waren die 80er auch ganz privat eine große Zeit: Im Roxy lernte er vor 35 Jahren seine Frau Birgit Herzbeg-Jochum kennen, mit der er noch heute zusammen ist. Bis morgens um 3 Uhr hat er in der Staatsgalerie aufgelegt und zieht am nächsten Morgen euphorisch seine Bilanz: „Die ganze Stadt war auf den Beinen – war das eine geile Party!“ Dies schreie nach einer Wiederholung. Auch Christiane Lange, die Chefin der Staatsgalerie, hört in dieser Nacht oft, doch jedes Jahr die 80er-Party zu feiern. Denn Stuttgart flippt gern aus.

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