40 Jahre Klett-Passage in Stuttgart Frische? Sauberkeit? Fehlanzeige

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Als Sabine Rieder den Kulturplatz einen Tag später zum ersten Mal zu Gesicht bekommt, ist sie fassungslos. Die Feng-Shui-Expertin vermittelt ein erfrischend unesoterisches Verständnis von der chinesischen Lehre, nach der die Harmonisierung von Mensch und Umgebung durch eine besondere Gestaltung des Raums erreicht werden soll. Eine Feng-Shui-Expertin müsste im Angesicht der Klett-Passage eigentlich schreiend davonrennen. Nicht so Sabine Rieder. „Feng-Shui ist kein asiatischer Hokuspokus, sondern Sauberkeit, Ordnung und Frische“, sagt Rieder, die am Deutschen Feng-Shui-Institut in Freiburg ausgebildet wurde.

Bei einem Rundgang wundert sich Rieder über die fehlenden Blickachsen und schlechten Wegführungen in der Passage. „Beim Chi sprechen wir von Energie, die fließt, die sich aber auch sammeln können muss. Es fehlt hier unten eindeutig ein Platz zum Sammeln“, sagt Rieder. Das Einzige, was hier fließt oder gar fliegt, sind die Tauben, die die Passage als unterirdischen Flugkorridor nutzen. „Dabei könnte man mit kleinen Maßnahmen die Situation hier unten verbessern“, sagt Rieder, „mit Pflanzen, mit einer anderen Beleuchtung, mit ein paar Details, mit denen die Einzelhändler ihre Shops einladender gestalten.“ Für Sabine Rieder hat Feng-Shui auch etwas von Raumpsychologie. Hört man ihr eine Weile zu in der Unterwelt mit den Kacheln in Schmuddelorange, wird man den Eindruck nicht los, dass die Klett-Passage ein Fall für die Couch des Raumpsychologen ist.

Die Stadt will das Areal aufpolieren

So weit will Peter Pätzold nicht gehen. Doch Stuttgarts grüner Baubürgermeister gesteht: „Es muss eine Entwicklung geben.“ Derzeit säßen Stadt und SSB an einem Tisch, um auszuloten, was überhaupt technisch möglich ist. Vorstellbar ist für Pätzold, etwa im Untergrund das immer wieder im Umfeld des Bahnhofs angemahnte Fahrradparkhaus unterzubringen. Auch mehr Öffnungen nach oben hält der Architekt auf dem Bürgermeisterstuhl für wünschenswert. Pätzold sieht die Überlegungen im Kontext eines übergreifenden Planes für das Bahnhofsumfeld. Schließlich verschwinden die Gleise durch Stuttgart 21 in den Untergrund, für die Frischzellenkur des verbleibenden Bonatzbaus nimmt die Bahn zusätzlich 100 Millionen Euro in die Hand. Die Geschwindigkeit, mit der diese beiden Vorhaben umgesetzt werden, gibt auch den Takt für die städtischen Überlegungen vor. Voraussetzung für eine spürbare Veränderung in der Klett-Passage und deren Umfeld ist für Pätzold die Verkehrsberuhigung der Schillerstraße. Dort kann der Verkehr aber erst weichen, wenn nach Fertigstellung von Stuttgart 21 die Wolframstraße weiter draußen im Norden die vom Bahnhofsvorplatz verbannten Autos aufnehmen kann. Jetzt gehe es darum, erste technische Fragen zu klären – und die Klett-Passage nicht schlechtzureden. „Die hat ihren Charme an manchen Ecken.“ Der Bahnhof sei für ihn nicht ohne die unterirdische Fortsetzung denkbar. „Dort habe ich als Student am SSB-Schalter meine Jahreskarte geholt.“

Vielleicht hat Christina Simon-Philipp ja auch eine Idee für die Zukunft der Passage. Die Stadtplanerin würde einen Wettbewerb zur Zukunft dieses zentralen Ortes ausschreiben. Einen Teil der Passage würde sie erhalten, „schließlich ist die Passage ein Beleg für eine Epoche, in der die Stadt sich als Autostadt verstanden hat“. Inhaltlich müsste man aber aus der Klett-Passage einen Ort der neuen Mobilität machen, einen Platz, an dem man vom Fahrrad bis zum Car2go einen Mobilitätsmix in Anspruch nehmen kann, nachdem man hier mit der S-Bahn oder der Stadtbahn angekommen ist: als Zeichen, dass die autogerechte Stadt längst Geschichte ist – auch in der Stadt des Automobils.




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