40 Jahre Klett-Passage in Stuttgart Das Bauchgrimmen des Bahnhofs

Die Stuttgarter Klett-Passage wird 40 Jahre alt. Einst wurde die Unterwelt des Bahnhofs als moderne Fußgängerzone gefeiert, heute befindet sie sich in einem desolaten Zustand. Eine Bestandsaufnahme.

Heute eher ein trister Ort: Die Stuttgarter Klett-Passage. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth 9 Bilder
Heute eher ein trister Ort: Die Stuttgarter Klett-Passage. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Die Klett-Passage ist eine unterirdische Bühne, in der jeden Tag ein anderes Stück aufgeführt wird. Zum Beispiel an diesem Mittwochmorgen um 9.30 Uhr: Die erste Pendlerwelle ist durch die Unterführung geschwappt. Eigentlich ist es um diese Zeit ruhig im Untergeschoss des Stuttgarter Hauptbahnhofs, das Klackern der Rollkoffer und das Rattern der Rolltreppen liefern den immer gleichen Soundtrack der Passage. Doch plötzlich wird die Monotonie von Schreien unterbrochen. „Ich bin John F. Kennedy, ich bin der Märtyrer“, brüllt ein spindeldürrer Kerl mit Vollbart aus dem Passbildautomaten heraus. Seine interessante Botschaft wiederholt er immer und immer wieder. „Die Passage hier gehört endlich dicht gemacht“, sagt ein Passant im Vorbeigehen und schüttelt den Kopf.

An diesem Wochenende wird die Klett-Passage 40 Jahre alt. In einer Pressemitteilung zum Jubiläum frohlockt die SSB als Besitzerin der Passage, dass „sich die Klett-Passage immer noch als attraktives Einkaufszentrum für den täglichen Bedarf präsentiert“. Ob der Verfasser der Presse-Info die Passage in der jüngeren Vergangenheit tatsächlich einmal von innen gesehen hat?

Einst zukunftsweisend - heute schmuddelig

Es ist kein erkenntnistheoretischer Riesengewinn zu konstatieren, dass der Bauch des Bahnhofs schon bessere Zeiten gesehen hat. Einst als modernste unterirdische Fußgängerzone Deutschlands gefeiert, wirkt es heute so, als sei die Passage längst aufgegeben. „Die Klett-Passage ist ein Schmuddelort, überhaupt nicht mehr zeitgemäß und ein Beispiel für einen Trading-down-Prozess“, sagt Christina Simon-Philipp, Professorin für Städtebau und Stadtplanung an der Hochschule für Technik Stuttgart (HfT). Ein Trading-down-Prozess ist vereinfacht gesagt eine Abwärts­spirale: Wenn hochwertige Läden schließen und stattdessen billigere eröffnen, ziehen diese eine bestimmte Klientel an, das wiederum ein anderes Publikum ausschließt – eine Art Dominoeffekt der negativen Stadtentwicklung. „Bestimmte Gruppen haben die Klett-Passage so in einen Angstraum verwandelt“, behauptet Christina Simon-Philipp.

Just jene, die der Öffentlichkeit bei der Überwindung dieser Angst helfen könnten, haben derzeit keinen Standort in der Passage. Die Polizeiwache am Abgang zur S-Bahn ist schon seit Sommer vergangenen Jahres eine Baustelle – eine wegen der unterirdischen Lage nicht ganz einfach zu bewältigende Baustelle, wie Polizeisprecher Jens Lauer sagt. Die je nach Lesart 150 000 (SSB-Einschätzung) oder 300 000 (von den Geschäftstreibenden angegebener Wert) täglichen Passanten müssen deswegen aber nicht auf das wachsame Auge des Gesetzes verzichten. „Wir sind dort verstärkt mit Streifen unterwegs“, sagt Lauer. Das auch deshalb, weil die Ladenzeile mit Gleisanschluss im Rahmen des im Januar initiierten Sicherheitskonzepts Stuttgart als eine der Gegenden identifiziert wurde, an der sich ein genaueres Hinsehen der Polizei lohnt. Obdachlose, Punks und Drogenhändler, die dort vereinzelt ihren Geschäften nachgingen, machten eine erhöhte Präsenz der Ordnungskräfte nötig. Noch im April, so Lauers Prognose, werden die Bauarbeiter ab- und die Beamten wieder anrücken.

Um das Image der Stadt zu verbessern, griff man tief in die Tasche

Eine Polizeiwache gab es vor 40 Jahren bei der Eröffnung noch nicht. Dafür reichlich Erwartungen, was die Klett-Passage sein könnte. „Stuttgart hat eine Attraktion bekommen, die des ,Partners der Welt‘ würdig ist“, sagte der damalige OB Manfred Rommel. Das Stadtoberhaupt wollte der Weltläufigkeit noch nachhelfen und gab per Verordnung den Betreibern der 29 Geschäfte die Möglichkeit, bis 22 Uhr zu öffnen. Eine kleine Revolution in der Stadt, in der nach landläufiger Meinung damals die Bürgersteige nach Geschäftsschluss hochgeklappt wurden. Um dieses Bild zurechtzurücken, griffen die Stadtoberen tief in die Kasse. 15 Prozent der Baukosten von damals 93 Millionen Mark blieben am kommunalen Etat hängen, den Rest beglichen Land und Bund. Dafür kamen vor dem Bahnhof nicht nur die Passanten in den Untergrund, sondern auch die Straßenbahnen, die bis dato den Hauptbahnhof wie die restliche City oberirdisch passierten.

Das wollte nicht mehr so recht zum Geist der Zeit passen. Historisch sei die Klett-Passage in einer Zeit entstanden, in der alles der autogerechten Stadt untergeordnet wurde, sagt Christina Simon-Philipp. Der Fußgänger sei in die Tiefe versetzt worden, damit er den Autos nicht in die Quere kommt, erklärt die Architektin und Stadtplanerin. Simon-Philipp plädiert dafür, die „fürchterlichen Wege nach hinten dicht zu machen und stattdessen mehr Verbindungen nach oben einzurichten, damit die abgetrennten Bereiche, die Angsträume verschwinden“. Mit einem Lichtplaner könne man schon heute einiges in der Passage verbessern. Den sogenannten Kulturplatz, eine Ansammlung von Schaufenstern, in denen im toten Winkel auf dem Weg zum Aufgang zur Kriegsbergstraße diverse Theater und Museen Werbung machen, würde sie als Erstes verschwinden lassen – schließlich sei das eher Antiwerbung für die Kulturstadt Stuttgart.

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