Im Vergleich zu heute waren die Anfänge bescheiden, gleichwohl, die Superlative, mit denen das Einkaufserlebnis beworben wurde, schon zu den Anfängen besonders super. Schließlich hatte es das Konzept so noch nicht gegeben. Das erste seiner Art in Europa, „einzigartig“, so lauteten die Versprechen, als das Center auf der grünen Wiese geplant wurde. Auch das war neu.
Die Klimaanlage: in den 70ern eine fulminante Neuerung
Ende der 1960er-Jahre hatte die Stadt Ludwigsburg beschlossen, dass Tammerfeld direkt an der Autobahn 81 als Misch-, Gewerbe- und Industriegebiet zu nutzen. Das traditionsreiche Warenhaus Breuninger aus Stuttgart hatte Interesse angemeldet, auch in Ludwigsburg Fuß zu fassen. Inspiration fanden die Verantwortlichen, wie sollte es anders sein, in den USA. Dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten – und des unbegrenzten Konsums.
Die Macher bei Breuninger gingen von rasant steigender Kaufkraft aus, dass Freizeit in der Zukunft eine bedeutendere Rolle spielen würde, hatten die Visionäre schon auf dem Schirm: Im Breuningerland sollten Kunden nicht nur ihre Bedürfnisse decken, man wollte ihnen Wünsche erfüllen – und dabei sollten sie am besten die Zeit vergessen und sich ganz dem Erlebnis Einkaufen hingeben.
Dazu gehörten klimatisierte Geschäfte – für die damalige Zeit ein Novum – ein Kindergarten, ein Kino – und die Möglichkeit, Einkäufe in einem Rutsch zu erledigen. Nicht mehr durch den Regen und Pfützen in der Stadt, von Laden zu Laden, zu stapfen, das war in den 70ern offenbar ein gewichtiges Argument. Das Auto auch. Ist es immer noch. „Dann fahr ich halt nur noch ins Breuni“, heißt es häufig, wenn in der Innenstadt mal wieder über Parkplätze gestritten wird.
Gebaut wurde schnell, sehr schnell
2500 gab es zu Beginn am Breuningerland, auf die man bequem aus der ganzen Region über die Autobahn fahren konnte. Inzwischen hat sich die Zahl der Stellplätze noch einmal erhöht, derzeit wirbt das Center mit 3000 Stellplätzen. Kostenlos natürlich. Dass man drei, vier Euro sparen kann, wenn man sich anschließend Klamotten für mehrere hundert kauft – das ist für manch einen ein Argument.
Als das Breuningerland 1973 gebaut wurde, gab es drumherum so gut wie nichts, dementsprechend konnte es sich ausbreiten. Nur ein Nachbar war schon da: Porsche. Die restlichen – allen voran der schwedische Möbelriese – kamen später. Heute profitieren Ikea und Breuningerland auch voneinander. Gebaut wurde das Center für heutige Verhältnisse in Windeseile. Probleme mit Material, Planungsfehler und Fehlkalkulationen: damit hat man sich Anfang der 70er nicht aufgehalten. Gerade einmal 122 Tage nach Baustart wurde schon Richtfest gefeiert, der damalige Chef Heinz Breuninger sprach von einer „olympiareifen Zeit“. 40 Geschäfte waren im Shoppingtempel untergebracht, für damalige Verhältnisse sehr viel, für heutige ein Klacks.
Mittendrin gab es einen kleinen Marktplatz – und der muss für die damalige Zeit etwas ganz besonders gewesen sein. Ein Lokalredakteur fand die folgenden, blumigen Worte: „Eine geschwungene Holzbrücke überspannt anmutig den japanischen Teich. Anheimelnd ergießen sich kleine Kaskaden aus den Wasserspielen in die Wasserfläche, die einen Hauch von Frische der Umgebung mitteilt. Rund um diese Idylle sind Gaststätten angeordnet, in denen die Gäste die Spezialitäten aus verschiedenen Ländern genießen.“ Nun gut.
Bis 2000 durfte im Center geraucht werden
Der Wunsch nach „Frische“ könnte auch daher gerührt haben, dass im Center das Rauchen lange Zeit erlaubt war. Erst im Jahr 2000, als die Glimmstängel zurückgedrängt wurden, wurde es im „Breuni“ untersagt. Vom Hochglanz, der heute im Breuningerland vorherrscht war zu Beginn wenig zu sehen. Die Lichtverhältnisse waren eher schummrig, dazu trug auch der dunkel geflieste Boden bei. Schier gar erschlagen waren manche Zeitgenossen offenbar vom breiten Sortiment. Über den Bronner-Allmarkt, ein Lebensmittelgeschäft, wurde berichtet, dass die „verwirrende Fülle von Angeboten“ Kunden „überrascht“ habe. Aus 6000 Artikel konnten sie wählen. Zum Vergleich: heutige Supermärkte führen durchschnittlich das doppelte.
Mit den Jahren wuchs die Popularität des Shoppingtempels, der in Sachen Fläche heute in der Region nur dem Milaneo in Stuttgart nicht ganz das Wasser reichen kann. Im zehnten Jahr knackte das Haus die 200-Millionen-Marke (damals noch D-Mark) beim Umsatz, rund drei Millionen Kunden wurden gezählt. Nach 13 Jahren wurde erstmals umgebaut. Auf dem Parkplatz wurden Bäume gepflanzt, die Fassade bekam einen eigenwilligen Farbton: Rot-Orange. Die Kunden, die befragt worden waren, wollten es offenbar so. In dieser Zeit verschwand beispielsweise der bei Kindern beliebte Glasaufzug, der direkt ins Wasser zu fahren schien.
In den 90er-Jahren folgten weitere, größere Um- und Ausbauten. Viel Geld wurde ins Center gesteckt. 1998 kündigte die ECE, die das Management übernommen hatte, dann eine „nie dagewesene“ Investitionen in dreistelligen Millionenhöhe an. 110 Millionen Euro waren es letztlich. Das Breuningerland in seinen Grundzügen, wie man es heute kennt, entstand. Zwei Jahre später wurden die Pläne in die Tat umgesetzt. Die Zahl der Läden wuchs von 45 auf 120. So viele sind es immer noch. Auf der östlichen Seite wurde das Center um fast 70 Meter verlängert, die mehrgeschossige, fast 200 Meter lange Ladenstraße entstand. Zwei Parkhäuser wurden errichtet. Auch die Glaskuppeln im Dach gehören seitdem zum Breuningerland. In dieser Zeit wuchsen die Sorgen, das Shoppingparadies, das einst auf der grünen Wiese gebaut worden war, könnte der Innenstadt zu viel Kundschaft abspenstig machen. Kritiker hatten das schon in Ende der 60er geäußert. Die Debatte wird bis heute geführt.
Zwei Dampfloks weißen den Weg zum Auto
Kreativ mussten die Manager im Hintergrund aber immer sein, um die Besucher zu ködern und herauszulocken aus der Stadt und rein in die Läden und Restaurants. Ein Gag, der sich über mehr als ein Vierteljahrhundert hielt, waren die zwei Dampfrösser, die als Orientierungshilfe für Vergessliche, Eilige und Gedankenlose auf dem riesigen Parkplatz dienten. Bis 1999 standen sie dort, waren Stoff für Kinderträume, dann kamen sie ins Museum.
Solche netten Schlagzeilen hat der Einkaufstempel in den vergangenen Jahren weniger produziert. Geschäfte gingen, neue Geschäfte kamen. Mal wurde sich über Auto-Poser geärgert, die auf dem Parkplatz die Reifen quietschen ließen, mal wurde über verkaufsoffene Sonntage gestritten – in erster Linie ging es aber vor allem um die immer gleiche Sache: das Breuningerland würde sich gerne noch weiter ausbreiten, darf es aber nicht, weil andere dazwischen funken. Notfalls auch Gerichte.
Der Konflikt schwelt seit bald 15 Jahren. Derzeit geht es um eine Baugenehmigung für einen Anbau von 2500 Quadratmetern, der in erster Linie für Gastro und Dienstleistung, nicht für Läden, genutzt werden dürfte. Ludwigsburg hat sein Okay gegeben, die Nachbarstädte Bietigheim und Tamm aber klagen. Es ist das alte Lied: die Angst geht um ums sterben der Innenstädte. Es wurden Gespräche geführt, Bietigheim und Tamm wollen die Klage vor dem Verwaltungsgericht aufrechterhalten.
Von all dem bekommen die Millionen Kunden, die das Breuningerland jedes Jahr sieht wenig bis nichts mit. Sie wollen einfach nur einkaufen. Und daran dürfte sich vermutlich auch in den nächsten 50 Jahren wenig bis nichts ändern.