50 Jahre Club Alpha in Schwäbisch Hall Die Aufrührer

Von Gunther Nething 

Einst galten die Macher des Clubs Alpha in Schwäbisch Hall als Unruhestifter. Heute ist der Verein ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlich-kulturellen Lebens in der Stadt und in ihrem Umland.

Nicht immer war die Clubarbeit die reine Freude: Alpha-Gründervater Walter Müller im Vereinsdomizil Löwenkeller Foto: Gottfried Stoppel
Nicht immer war die Clubarbeit die reine Freude: Alpha-Gründervater Walter Müller im Vereinsdomizil Löwenkeller Foto: Gottfried Stoppel

Schwäbisch-Hall - Mit seinem Ensemble aus sieben historischen Gebäuden inmitten des mittelalterlichen Stadtkerns von Schwäbisch Hall zählt das Hällisch-Fränkische Museum zu den markanten Beispielen der baden-württembergischen Museumslandschaft. Baulich überragt und konzeptionell dominiert wird das Quartier von der Keckenburg, einem staufischen Wohnturm aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Und die Zeitreise, auf die der Besucher geschickt wird, reicht von der Erdgeschichte über die regionalen Siedlungsepochen und die Haller Stadtentwicklung im Spiegel der internen und externen Einflüsse bis hin zum kulturellen Geschehen und der Kunst.

Wer angesichts dieser historischen Bandbreite und der frappierenden Fülle an Daten und Exponaten mal eben auf ein schlappes 50-jähriges Bestehen kommt, hat da schlechte Karten. Es sei denn, der Jubilar kann bei seinen Aktivitäten nicht nur auf eine landesweite Vorreiterrolle verweisen, sondern auch innerhalb des Haller Mikrokosmos auf eine Vielzahl kommunaler und kultureller Anstöße zurückblicken. So wie der 400 Mitglieder zählende Club Alpha 60. Im Vorfeld ihrer dreitägigen Geburtstagsfeier vom 30. September bis 2. Oktober war den Soziokulturellen im Museum eine Ausstellung gewidmet. Von der Rührigkeit des Clubs – und seiner Widersacher – zeugen auch vier pralle Schuber mit Zeitungsausschnitten im Stadtarchiv.

Gegründet wurde Alpha 60 im Juli 1966, dem Jahr, in dem laut eines Buchtitels des Braunschweiger Literaten Frank Schäfer „die Welt ihr Bewusstsein erweiterte“. Und just daran wollten in der Kleinstadt im Hohenlohischen auch sieben junge Leute zwischen 17 und 22 Jahren, meist Studenten, teilhaben. „Damals war es in Hall saumäßig langweilig“, erinnert sich der 73-jährige Walter Müller, einer der Gründerväter und seinerzeit Medizinstudent. Die Aussicht, dass sich das Leben in der Salzsiederstadt für die Jungen auch weiterhin zwischen dem Freibad und der Bäckerei Brunner hinschleppt, ließ die Gründerclique nicht ruhen. Man schloss sich zu einem „Geselligkeitsverein“ zusammen. Den eher abstrakten Clubnamen Alpha 60, so Walter Müller, habe er dem Godard-Film „Lemmy Caution gegen Alpha 60“ entlehnt.

Schulverbot wegen Verhütungstipps

Der harmlos klingende Registereintrag „Geselligkeitsverein“ wurde wohl nicht ohne konspiratives Kalkül gewählt – so war es leichter, als erstes Vereinslokal das Anlagencafé in den Kocher-Auen von der Stadt zu mieten. Dass es sich dabei um ein Schützenhaus von 1828 handelt, entbehrt nicht eines gewissen Symbolcharakters, denn in der nunmehr ein halbes Jahrhundert währenden Alpha-Chronik wurde oftmals – verbal und auf dem Papier – scharf geschossen. „Gegenwind gab’s immer“, sagt Walter Müller, der später für die SPD im Gemeinderat saß und zwei Legislaturperioden dem Landtag angehörte. Ein dickes Lob fällt indes für die jeweiligen Oberbürgermeister ab, sie hätten all die Jahre unabhängig von ihrer Couleur gegenüber dem Club eine liberale Grundeinstellung an den Tag gelegt.

War es in den Anfangsjahren noch passiert, dass gegen eine Schülerin ein zweiwöchiges Unterrichtsverbot verhängt wurde, weil sie ganz im Sinne des Clubs am Mädchengymnasium Ratschläge zur Verhütung verteilte, so kam es im Februar 1968 zum ersten richtigen Knatsch. Im Rahmen einer von Club Alpha und Juso Müller organisierten „Woche der Demokratie“ mit Demo gegen den Vietnamkrieg war als Redner auch der Studentenführer Rudi Dutschke an den Kocher gereist.

Bei der Aktion flogen Farbbeutel; zudem entzündete sich an einer Resolution ein handfester Konflikt zwischen den Veranstaltern und der Lokalzeitung. Das „Haller Tagblatt“ lehnte es ab, die Erklärung in vollem Wortlaut zu veröffentlichen, und fühlte sich von auswärtigen Studenten gehörig unter Druck gesetzt. Die Alpha-Leute wiederum erhoben den Vorwurf, die Zeitung würde ihre Monopolstellung ausnützen, „um bestimmte Tatbestände zu unterdrücken oder entstellt wiederzugeben“.

Die Retourkutsche erfolgte prompt, indem das „Haller Tagblatt“ in einer Erklärung zum „Dutschke-Sonntag“ ein „unverständliches Kesseltreiben“ samt „Angriff auf die Pressefreiheit“ monierte. Im August desselben Jahres riefen der Club und das „Aktionszentrum demokratisches Schwäbisch Hall“ zu einem Protestzug gegen das Abwürgen des Prager Frühlings durch die sozialistischen Bruderstaaten auf – mit dem Nebeneffekt, dass sich so der stets virulente Vorwurf der Linkslastigkeit zumindest abschwächen ließ.