50 Jahre Hip-Hop Als die Plattenspieler tanzen lernten

Die Anfänge des Hip-Hop, wie sie sich Baz Luhrmann vorstellt: Szene aus der Serie „The Get Down“ (2016) mit Mamoudou Athie und Shameik Moore (von links). Foto: Netflix/David Lee

Vor 50 Jahren, am 11. August 1973, erfindet ein Teenager in der New Yorker Bronx den Hip-Hop. Diese neue Musik bringt zahllose Millionäre hervor, DJ Kool Herc selbst aber wird zum Sozialfall.

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Der Häuserblock in der Bronx mit der Anschrift 150 Sedgwick Avenue sieht nicht aus wie ein Ort, an dem Geschichte geschrieben wird. Hier wohnen in 102 neben- und übereinandergestapelten tristen Apartments Menschen, die es sich nicht leisten können, woanders in New York City zu leben. Trotzdem passiert hier am 11. August 1973 in einem Aufenthaltsraum etwas, das die Popmusik für immer ändern wird.

 

Die Bronx als Hip-Hop-Geburtsort

Die Schülerin Cindy Campbell schmeißt an diesem Abend eine Party und hat ihren Bruder Clive dazu überredet, für die Musik zu sorgen. Der 18-Jährige nennt sich DJ Kool Herc und hat einen tollen Trick mit zwei Plattenspielern drauf: Auf beiden befindet sich die gleiche Platte, er spielt einen besonders tanzbaren Teil (Break) einer Funknummer auf dem einen ab, und sobald dieser zu Ende geht, verlängert er den Groove, indem er das gleiche Break auf dem anderen Plattenspieler startet. Das macht er wieder und wieder, seine Finger hüpfen von Plattenspieler zu Plattenspieler hin und her: Es ist die Geburtsstunde des Hip-Hop.

Eine neue Kulturtechnik für den Pop

DJ Kool Herc wird mit seinem Soundsystem schnell zum Star der Block-Partys in der Bronx und zum Pionier einer neuen Musik, der als Instrumente zwei Plattenspieler und ein Mikrofon genügen. Und was sich Kool Herc, der aus Jamaika stammt und als Zwölfjähriger nach New York zieht, da ausdenkt, ist nicht einfach ein neues Musikgenre, sondern er führt eine neue Kulturtechnik in die Popmusik ein: das Erschaffen von etwas Neuem aus vorgefundenem Material.

DJ Kool Herc im Jahr 2018 Foto: AFP/Astrid Stawiarz

Hip-Hop und Rap werden zum Milliardengeschäft

Obwohl DJ Kool Herc in den 1970er Jahren eine Berühmtheit ist und es kein Hip-Hop-DJ auf der Welt wagen würde, sich nicht auf ihn zu berufen, wird er am Milliardengeschäft, zum dem sich Hip-Hop und Rap in den 1990er Jahren entwickeln, nicht wirklich mitverdienen. Als er 2011 wegen eines Nierenleidens operiert werden muss, ist er nicht krankenversichert und muss um Spenden für den Eingriff bitten. Inzwischen – das erfährt man aus der „New York Times“ – lässt DJ Kool Herc lieber Drachen steigen, als am Plattenspieler Breakbeats zu produzieren.

Break, Backspin und Scratchen

Das Break aus dem Song „Apache“ der Incredible Bongo Band, das Kool Herc Mitte der 1970er Jahre für sich entdeckt, gilt aber immer noch als sein Erkennungszeichen, obwohl es in der Folgezeit immer wieder auch von anderen DJs verwendet wird. Einer von ihnen ist Joseph Saddler – besser bekannt als Grandmaster Flash. Auch er wächst in der South Bronx in New York auf, auch er legt seit den 1970ern Platten auf. Er kann aber anders als sein drei Jahre älterer Kollege ein paar Hits aufweisen. Der größte stammt aus dem Jahr 1982. Mit dem Song „The Message“ verwandeln Grandmaster Flash & The Furious Five Hip-Hop vom Partysoundtrack in ein Instrument der Gesellschaftskritik. Grandmaster Flash zählt aber auch zu den Musikern, die jene DJ-Techniken, die Kool Herc erfand, perfektionierten. Vor allem die Backspin-Technik und das Scratchen, wenn die Nadel des Plattenspielers auf der Vinylrille schnell vor und zurück bewegt wird.

Netflix-Serie „The Get Down“

Als Grandmaster Flash allerdings im Jahr 2011 als Gast-DJ in einer Kellerdisco in Stuttgart auflegt, hat er gar keine Lust, über seine Rolle als Hip-Hop-Pionier zu reden. „Das ist doch alles längst vorbei“, behauptet er damals mürrisch, „da ist doch schon alles gesagt worden.“ Das ist natürlich Quatsch. Und er selbst besinnt sich ein paar Jahre später eines Besseren. Er wird im Jahr 2016 musikalischer Berater für Baz Luhrmanns Serie „The Get Down“ (bei Netflix verfügbar).

Grandmaster Flash im Jahr 2022 /MAGO/Saquan Stimpson

Der Elfteiler reist zu den Anfängen des Hip-Hop ins New York der 1970er Jahre, als die Bronx einem Trümmerfeld gleicht. Während sich zwischen brennenden Häusern Straßengangs herumtreiben, lädt der Discosound mit einer glamourösen, glitzernden Oberfläche zur Weltflucht ein. Doch die Zeiten ändern sich, und DJ Shaolin und MC Ezekiel, die sich mit ihren Freunden The Fantastic Four plus One nennen, entdecken eine neue Art von Musik, die sich ganz nah heranwagt an das wirkliche Leben.

Baz Luhrmanns Hip-Hop-Hommage

Zwar sind in der Serie in Nebenrollen Mamoudou Athie als Grandmaster Flash und Eric D. Hill Jr. als Kool Herc zu sehen, aber auch wenn sich Baz Luhrmann („Elvis“) an tatsächlichen Ereignissen und Personen orientiert, darf man von ihm keine Geschichtsstunde erwarten, die präzise dokumentiert, wie das damals war, als die Plattenspieler tanzen lernten. In „The Get Down“ inszeniert er wie gewohnt einen überkandidelten farbenfrohen Mix aus Musical, Komödie und Drama.

An das grellbunte Durcheinander in der Serie, den mitunter kruden Stilmix muss man sich erst einmal gewöhnen. Opulent inszenierte Musicalpassagen treffen auf dokumentarisch daherkommende Stadtansichten, Komödie und Tragödie prallen immer wieder unvermittelt aufeinander, es wird viel gelacht und gesungen, aber auch ausgiebig gekokst und gekillt. Die vielen Schnipsel, die „The Get Down“ liefert, ergeben letztlich aber eine wunderbare, prall mit Leben gefüllte Hommage an die Popkultur der 1970er Jahre. Allein schon wegen des Soundtracks lohnt sich die Serie. Und das nicht nur zum 50. Geburtstag des Hip-Hop.

Fünf frühe Hip-Hop-Meilensteine

Sugarhill Gang: Rapper’s Delight (1979) „I said-a hip, hop, the hippie, the hippie!“ So beginnt der Bandwurm-Song, der auf einem grandiosen Break der Disconummer „Good Times“ von Chic beruht und bei dem der Hip-Hop erstmals mit dem Mainstream flirtet.

Kurtis Blow: The Breaks (1980) Der erste Rapsong, der in den USA mit einer goldenen Schallplatte ausgezeichnet wird, schafft es in Deutschland sogar auf Platz 56 der Charts.

Grandmaster Flash & The Furious Five: The Message (1982) Sind die meisten Hip-Hop-Nummern zuvor mit Discobreaks unterlegte Partynummern, entlädt sich hier der Frust über das Ghettoleben zu sperrigen Beats.

Ice-T: 6 in the Mornin’ (1986) Der Song ist zwar eigentlich nur die B-Seite einer Single des Rappers, den man inzwischen eher als Schauspieler kennt, aber er gilt als die Geburtsstunde des Gangsta-Rap.

Beastie Boys: (You Gotta) Fight for Your Right (to Party!) (1986) Der als Parodie auf Mitgrölpartynummern gemeinte Song wird dank MTV überall auf der Welt zum Hit. Er ist zwar nicht das beste Stück der New Yorker, macht die drei aber zu den ersten weißen Stars des Hip-Hop.

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