Interrail mit 29 Jahren ist anders als mit 19. Das Ticket kostet dann mehr, aber vor allem ist man ein ganz anderer Mensch. Das merkte ich dieses Jahr auf meiner Zugreise durch Skandinavien.
Mit Ende 20 lebt man meist nicht mehr in einer Studierenden-WG, arbeitet von Montag bis Freitag und muss auf Reisen nicht mehr jeden Cent umdrehen (Fun Fact: Außer man reist durch Skandinavien).
Doch während die knarzigen Stockbetten und Gemeinschaftsbäder in den Jugendherbergen nerven, ich nicht mehr jede Nacht Lust auf Party habe und mir statt billiger Fritten auch mal ein Lachssteak in der Markthalle von Göteborg leiste, bleibt eines gleich: Der Zauber von Interrail und dem langsamen Reisen per Zug.
Norddeutschland, Dänemark und Schweden
Doch ganz von vorne: Anfang September stehe ich mit meinem vollgepackten Backpack am Stuttgarter Hauptbahnhof und hoffe, dass nicht gleich der erste Zug meiner Reise verspätet ist. Im Gepäck habe ich Sachen wie ein schnelltrocknendes Mikrofaser-Handtuch, ein Schloss für den Hostel-Spind und Blasenpflaster.
Mein Plan: Norddeutschland, Dänemark und Schweden mit dem Zug – viel langsamer als mit dem Flugzeug, fast genauso teuer. Warum? Weil ich nicht gerne fliege, dafür aber sehr gerne Zug fahre, weil es besser für das Klima ist und weil man auf dem Landweg mehr von der Landschaft und den Einheimischen mitbekommt.
Zeit zum Entschleunigen
Während das Meer und kleine rote Holzhäuschen an mir vorbeiziehen, habe ich Zeit zum Herunterfahren, lasse die Gedanken genauso wie die Landschaft vorbeiziehen und entschleunige während der Zug kurz vor Göteborg nochmal Gas gibt. Alleine bin ich dabei nicht.
Auf dem Platz gegenüber liest eine junge Frau ein Paper mit anatomischen Zeichnungen auf ihrem Tablet. Wichtiges markiert sie gelb. Schräg gegenüber streitet ein älteres Ehepaar, das mit dem Rad unterwegs ist. Weiter hinten schreit ein Kind.
Langweilig wird es im Zug nie
Im Zug ist man nie alleine. Oft ist es daher laut und voll. Die Klimaanlage ist wahlweise kaputt oder kühlt auf 15 Grad herunter. Langweilig wird es dafür aber auch nie. Gerade für Alleinreisende ist das perfekt.
Während ich von Hamburg nach Kopenhagen und von dort weiter nach Göteborg fahre, bekomme ich ein Gefühl für die Strecke, die zwischen diesen Städten liegt: die Landschaft, das Wasser und vor allem für die Distanzen. Ich bereise quasi nicht nur die einzelnen Städte, sondern auch das, was dazwischenliegt. Rund 2500 Kilometer lege ich so zurück und genieße jede Fahrt.
Früher Interrail heute Australien?
Ich habe Glück: Verspätungen gibt es kaum. Nur die allerletzte Fahrt, zurück von Hamburg nach Stuttgart, verzögert sich um eine Stunde. Verkraftbar bei der langen Strecke, die ich insgesamt zurückgelegt habe.
Meine Mutter ist vor rund 40 Jahren genau die gleiche Strecke gefahren. Eine Fahrkarte für 21 Länder zum Pauschalpreis – das war damals der Gedanke und für viele der erste Schritt ins Erwachsensein und Reisen ohne die Eltern. Ihren Interrail-Pass von damals hat sie immer noch und zeigte ihn mir stolz bevor ich selbst meine Reise antrat.
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Heute machen frisch gebackene Abiturient:innen Work and Travel durch Australien oder feiern in Lloret de Mar. Ich finde: Eine Reise mit dem Zug durch Europa kann da auch heute noch locker mithalten.
Zuhause angekommen, überlege ich schon, wo ich nächstes Jahr hinfahren kann. Vielleicht mit dem Balkan-Express bis nach Istanbul?