Alle Versuche, ihn zum Schweigen zu bringen, sind gescheitert. Auch seine Mörder waren erfolglos, denn die Stimme Víctor Jaras, einem der großen politischen Sänger Lateinamerikas, dessen Ermordung sich am 16. September zum 50. Mal jährt, erklingt bis heute, eindringlich, sanft und gleichzeitig unerschrocken. Sie erklingt von Tonaufnahmen, die seine Witwe Joan Jara einst aus dem Land geschafft hat und von Konzertmitschnitten. Und sie erklingt, weil viele Menschen ihm ihre Stimme leihen und seine Lieder singen.
Bei einem Konzert in der Hauptstadt Santiago de Chile 2013 stimmte kein Geringerer als Bruce Springsteen Jaras Lied „Manifesto“ (Manifest) an. Es beginnt mit den Zeilen: „Ich singe nicht bloß, um zu singen . . . Ich singe, weil die Gitarre Recht hat.“ „Mein Gesang“, heißt es einige Zeilen weiter, „passt zu den Baugerüsten, um die Sterne zu erreichen. Auf dass der Gesang Sinn macht, wenn er in den Venen pulsiert, dessen, der singend sterben wird.“ Eine auf beklemmende Weise prophetische Zeile. Jara, Sänger, Schriftsteller, Theaterregisseur, Kommunist, war eines der frühesten und prominentesten Opfer des am 11. September 1973 von Augusto Pinochet angeführten und von den USA unterstützten Militärputsches gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende.
Das letzte Lied Jaras: „Wir werden siegen“
Zusammen mit Tausenden anderen Allende-Anhängern wurde Jara verhaftet und in das Stadion Estadio Chile gebracht, das heute Estadio Víctor Jara heißt. Dort folterten ihn die Pinochet-Häscher, verstümmelten seine Hände, die für Unterdrückte die Saiten gestreichelt und für Allende in die Saiten gegriffen hatten. Wie es heißt, forderte ihn ein Soldat hämisch auf, seine Stimme zu erheben. Jara stimmte daraufhin „Vencermos“ an, „Wir werden siegen!“, das Lied der linken Sammlungsbewegung Unidad Popular. Es folgten Schläge und schließlich Schüsse. Seine von Kugeln durchsiebte Leiche wurde später seiner heute 96-jährigen Witwe übergeben. Die gebürtige Britin bestatte ihren Mann und floh mit der gemeinsamen Tochter Amanda nach London.
Jara, der aus einfachen Verhältnissen stammte, war eine charismatische Figur. Seine Lieder mobilisierten Hunderttausende Menschen. Sie seien eine Art epischer Gesang, sagte Joan Jara einmal. Er habe zum Ausdruck gebracht, was das chilenische Volk erlebte. Was es erlebte, waren Jahre des politischen Umbruchs und Aufbruchs. Viele Chilenen strebten nach Bildung, nach einem besseren Leben und nach Gerechtigkeit.
„Seine Lieder waren gefährlicher als eine Waffe“
Die Entwicklung schien in diese Richtung zu gehen. Gestützt auf die Undidad Popular war der Sozialist Salvador Allende 1970 siegreich aus der Präsidentenwahl hervorgegangen. Sein Ziel: in Chile einen demokratischen Sozialismus verwirklichen unter Achtung demokratischer Grundrechte. In vielen Künstlern und Intellektuellen hatte er aktive Mitstreiter. Victor Jara, einer der prominentesten Vertreter der von Künstlern getragenen Bewegung „Nueva Canción“ (Neues Lied), war ein singender Botschafter Allendes und bei den alten Eliten entsprechend verhasst. „Gefährlicher als eine Waffe“, seien seine Lieder gewesen, sagte Joan Jara.
Seine Tochter ist erstmals auf Vortragsreise in Deutschland
Das Pinochet-Regime ist seit 1990 Geschichte, doch die Aufarbeitung noch lange nicht abgeschlossen. Die Morde an mehr als 3000 Menschen sind vielfach ungesühnt. Im Falle Victor Jaras hat es 50 Jahre gedauert. Das Oberste Gericht Chiles bestätigte jüngst die erst 2018 verhängten Haftstrafen gegen acht Ex-Militärs, die an seiner Ermordung beteiligt waren.
Die Erinnerung an Víctor Jara jedenfalls lebt. Ein Verdienst auch seiner Tochter Amanda, die anlässlich des 50. Todestages ihres Vaters zusammen mit der Musikerin Yolanda Marvel eine Tour des Gedenkens organisierte, die sie erstmals auch nach Deutschland führt. In sechs Städten (Frankfurt am Main, Hamburg, Chemnitz, Leipzig, Berlin und Cottbus) wird sie vom Leben und Schaffen Víctor Jaras berichten.