Stuttgart - Forsythe, Kylián und Co: Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt – heute: Renato Zanella, Ballettdirektor an der slowenischen Staatsoper in Ljubljana. Von 1985 an hatte er beim Stuttgarter Ballett getanzt, wo ihn Marcia Haydée 1993 zum Haus-Choreografen ernannte. 1995 wurde er Ballettdirektor in Wien.
Was haben Sie vom Stuttgarter Ballett mitgenommen, das Ihnen bis heute hilft?
Alles. Die perfekte Balance zwischen Tradition und Innovation sorgt in Stuttgart für ein bis in die kleinste Stelle hinein funktionierendes System. Bis heute muss ich Uwe Scholz dankbar dafür sein, dass er einige Tänzer mit nach Zürich nahm. Ich tanzte in Stuttgart vor und erinnere mich an die Worte von Marcia Haydée, als sie nach der Audition zu mir sagte: Du wirst gut zu meinen Jungs passen.
Ihr Lieblingsstück im Stuttgarter Repertoire?
„Onegin“ von John Cranko.
Ihr Lieblingsstück als Tänzer? „Poème de l’extase“. Cranko zu tanzen, war damals absolut ein Hit. Die Rolle hat mich fasziniert, und ich hatte das Glück, mit Marcia Haydée tanzen zu dürfen.
Eine Rolle, die Sie gern getanzt hätten, aber nie durften?
Stanley Kowalski in John Neumeiers „Endstation Sehnsucht“. Richard Cragun war unglaublich in dieser Rolle. Ich war überhaupt nicht geeignet für sie, trotzdem hat sie mich künstlerisch stark geprägt.
Ein Stück, das Sie gern choreografiert hätten, aber nie durften?
Ich war sehr glücklich als Choreograf in Stuttgart und durfte bis zu meiner Ernennung als Ballettdirektor in Wien sehr unterschiedliche Projekte erarbeiten. Dieses Vermächtnis wirkt bis heute: 2018 hat mich Sue Jin Kang an das koreanische Staatsballett nach Seoul eingeladen, um eine neue Fassung des 1993 in Stuttgart uraufgeführten Balletts „Mata Hari“ zu kreieren – wie schön!
Eine Stuttgarter Rolle, die Ihnen neue Perspektiven eröffnet hat?
Schwer, mich da auf ein Stück zu beschränken. Als Affe/Soldat in „Wie Antigone“ von Mats Ek hatte ich damals erlebt, dass Tanz keine Grenze hat – toll!
Was vermissen Sie im Stuttgarter Repertoire?
Meine Werke natürlich! Nein, ein Scherz. Ich hatte so großes Glück, 1985 meine Karriere in Stuttgart zu starten. Fritz Höver hat mich vier Jahre lang gefragt, wann ich endlich für einen Noverre-Abend choreografieren würde... der Rest ist Geschichte.
Um was beneiden Sie das Stuttgarter Ballett besonders?
Um seine Kontinuität: eine nun schon 60 Jahre währende Erfolgsgeschichten. Und dazu: Menschlichkeit, eine besondere Nähe zum Publikum, ein perfekter Mix aus Innovation und Tradition, die alle Direktoren weitergetragen haben – unterstützt von Dieter Gräfe, um Crankos Werk zu schützen.
Ohne das Stuttgarter Ballett wäre…
...sähe die Tanzwelt anders aus.
Renato Zanella: Tänzer, Choreograf, Ballettdirektor
Zur Person: Renato Zanella, 1961 in Verona geboren, schloss seine Tanzausbildung bei Rosella Hightower in Cannes ab. Sein erstes Engagement erhielt er 1982 bei Heinz Spoerli in Basel und wechselte 1985 nach Stuttgart, wo ihn Marcia Haydée 1993 zum Haus-Choreografen ernannte. Als Ballettdirektor war er von 1995 bis 2005 in Wien, von 2011 bis 2016 in Athen und von 2016 bis 2020 in Bukarest tätig. Seit der Spielzeit 2020/21 leitet Zanella das Ballettensemble an der slowenischen Staatsoper in Ljubljana.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.
► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien
► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance
► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.