60 Jahre Stuttgarter Ballett Ray Barra erinnert sich: Cranko wollte keinen verdrängen

Ein Foto aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian inspirierte Ray Barras Erinnerung. Es zeigt den Tänzer (rechts) nach der Premiere von Crankos „Pagodenprinz“ mit dem Dirigenten Kurt-Heinz Stolze, der Tänzerin Micheline Fauré, dem Choreografen Cranko und dem damaligen Ballettchef Nicolas Beriozoff (von links). Foto: Hannes Kilian

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder! Wir haben im Archiv nach Erinnerungen gesucht und eine Interview-Serie mit Weggefährten John Crankos gefunden – unter den Gesprächspartnern war auch der Tänzer Ray Barra.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Stuttgart - „Er hat die Individualität der Tänzer betont“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Winter 2007 Ray Barra interviewt hatten. Ausgangspunkt unseres Gesprächs war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt den Tänzer nach einer Aufführung in illusterer Runde.

 

Ray Barra blickt zurück

„Dieses Foto ist am 15. November 1960 entstanden, nach der Stuttgarter Premiere von John Crankos ,Pagodenprinz‘“, erinnert sich Ray Barra genau an die Umstände, unter denen die Aufnahme gemacht wurde. „Cranko steht zwischen Nicolas Beriozoff, dem damaligen Ballettchef der Württembergischen Staatstheater, und der Tänzerin Micheline Fauré; der Dirigent Kurt-Heinz Stolze und ich flankieren die Gruppe. Beriozoff hatte den ,Pagodenprinz‘ auf Empfehlung seiner Tochter eingeladen, einer wunderbaren Tänzerin, mit der John Cranko das Stück am Royal Ballet in London erarbeitet hatte.

Als John Cranko damals nach Stuttgart kam, habe ich immer meine Wohnung für ihn geräumt. Wir hatten sofort einen engen, sehr freundschaftlichen Kontakt. Ich selbst hatte 1956 in Stuttgart vorgetanzt und einen Solovertrag bekommen; zuvor hatte ich schon beim American Ballet Theatre durch Kenneth MacMillan eine erste Begegnung mit einem englischen Choreografen gehabt. Doch John Cranko hatte eine Art zu arbeiten, die ich zuvor nie erlebt hatte. Jemand wie Agnes de Mille oder Jerome Robbins hatten uns klar gesagt: So muss es sein. Cranko hat uns nur Stationen angedeutet: Erst heben, dann ein Mittelstück, drehen, runter, am Ende auf den Boden setzen. Dann gingen Marcia Haydée und ich alleine in eine Ecke, haben probiert, bis es klappte und ihm dann gezeigt, was wir gefunden haben.

Cranko wollte alle Tänzer gleichstellen

Schon Ende der fünfziger Jahre kamen immer wieder Choreografen nach Stuttgart, die Arbeit mit John Cranko war also nichts Ungewöhnliches. Eines Abends sagte er zu mir, dass der Intendant Walter Erich Schäfer ihn als neuen Ballettdirektor haben wolle. Als dieses Foto entstanden ist, sprach man schon von dem Wechsel, aber er war noch nicht offiziell. Beriozoff selbst, der damals eine sehr bekannte Persönlichkeit in der Ballettwelt war, wollte als Ballettmeister zurück zur Kompanie des Marquis de Cuevas gehen und sagte zu uns, dass es ihn überhaupt nicht störe, wenn Schäfer nun auf einen anderen setze.

Cranko selbst hatte immer wieder unterstrichen, dass er Beriozoff auf keinen Fall aus seinem Job drängen wolle, beide waren ja eng befreundet. Für uns Tänzer war das ein ganz normaler Vorgang, wir wollten abwarten, wie sich alles entwickelt. Als John Cranko dann als Ballettchef begann, schwebte ihm vor, dass alle Tänzer gleich behandelt werden und die gleiche Gage bekommen sollten. Aber wir Solisten waren damals nicht einverstanden. Ich habe hart gearbeitet, entgegnete ich ihm sofort, um da zu sein, wo ich jetzt bin. John war lange Zeit sehr traurig über unsere Entscheidung.

Es herrschte eine magische Stimmung

An meine ersten Jahre in Stuttgart habe ich wunderschöne Erinnerungen: Im ganzen Theater herrschte eine magische Stimmung, es gab sehr engen Kontakt zwischen den Künstlern aller Sparten. Vielleicht hatte das mit der Not zu tun, welche die Menschen im Krieg erlitten hatten - danach blieb eine große Hilfsbereitschaft. Ich war befreundet mit Sängern wie Wolfgang Windgassen, Grace Hoffman und Fritz Wunderlich. Cranko hat diese Atmosphäre geschätzt und eine Tänzerin wie Hella Heim für die Charakterrollen seiner großen Ballette aus dem Ruhestand zurückgeholt.

John Crankos ,Pagodenprinz‘ wurde damals sehr gut aufgenommen, überhaupt hatte Ballettdirektor Papa Beriozoff, wie wir ihn nannten, viel Erfolg. Er ließ uns zusätzliche Abende in der Liederhalle tanzen, um so mehr Vorstellungen für die Kompanie zu bekommen, aber auch, um ein anderes Publikum anzusprechen. Schon damals war in der Kompanie dieses Gefühl einer großen Kollegialität. Mit John Cranko durfte ich dann seine wunderbaren Ballette einstudieren; Rollen wie Romeo, der Feuervogel, den Prinz im ,Schwanensee‘ und Onegin wurden für mich geschaffen. Besonders Onegin habe ich sehr gern getanzt, an den solistischen Partien hat Cranko ja auch in der überarbeiteten Fassung außer einer Hebung im letzten Pas de deux nichts geändert. Leider hatte ich im Januar 1966 einen Unfall und musste mit dem Tanzen aufhören. Bei der Generalprobe zu einem Gastspiel in Bonn rutschte ich mit dem schwarzen Schwan aus – und habe mir die Achillessehne gerissen.

Zerreißprobe zwischen Cranko und MacMillan

Danach kam für mich eine schwierige Zeit. Ich hatte schon vorher mit dem Gedanken an einen Wechsel gespielt, ich war ja bereits Mitte 30. John Cranko wollte, dass ich Ballettmeister bei ihm werden sollte. Auch hatte ich Choreografien für die Noverre-Gesellschaft gemacht. Damals wurde darüber gesprochen, dass John auch die Berliner Kompanie übernehmen sollte - er als Intendant, MacMillan als Choreograf. John wollte Anne Wolliams als Ballettmeisterin schicken, MacMillan wollte unbedingt mich haben, aber Cranko sagte: Barra bleibt hier. Als ich ihn darum bat, meine zukünftige Rolle in Stuttgart zu definieren, sagte er einfach: „Du gehörst zu uns, wie immer; du hilfst mir beim Einstudieren.“ Doch ich wollte nicht der Laufbursche der Kompanie werden.

Von Kenneth MacMillan hatte ich das klare Angebot, erster Ballettmeister in Berlin zu werden, das war ein Wort. Und so erlebte ich einen furchtbaren Abend in London, als ich dort MacMillans ,Lied von der Erde‘ am Royal Ballet einstudierte und er von mir eine Entscheidung wollte. Das war der schlimmste Abend meines Lebens. In Berlin lief die Zeit dann nicht so toll, aber ich habe dort meine Zukunft gefunden. Was ich unter John Cranko in Stuttgart gelernt hatte, diese darstellerische Kraft, welche die Individualität des Tänzers betont, hat mich weit gebracht in meiner Karriere.“

Tänzer, Ballettmeister, Choreograf

Ray Barra, 1930 in San Francisco geboren, prägte berühmte Rollen beim Stuttgarter Ballett, er war John Crankos erster Romeo und Onegin. Als Ballettmeister war er in Berlin und unter John Neumeier in Hamburg tätig, von 1994 bis 1996 war er Ballettchef an der Deutschen Oper in Berlin. Als Choreograf hat er große Stoffe neu gefasst.

60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder

In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:

Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.

► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.

► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen

► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen

► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich

► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.

► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.

► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich

► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.

► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.

► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.

► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.

► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.

► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.

Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.

► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal

► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts

► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts

► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover

► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich

► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts

► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien

► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance

► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf

Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu John Cranko