Stuttgart - „Ich habe was für dich, mach die Augen zu“ stand als Überschrift über dem Artikel, für den wir im Sommer 2007 Vladimir Klos interviewt hatten. Ausgangspunkt unseres Gesprächs war eine Fotografie aus dem Archiv von Hannes und Gundel Kilian. Sie zeigt den Tänzer beim Abflug zu einem USA-Gastspiel.
Vladimir Klos blickt zurück
„Das Foto zeigt uns 1973 beim Aufbruch zum letzten Gastspiel mit John Cranko in die USA“, erinnert sich Vladimir Klos an den Zeitpunkt der Aufnahme. „Die Stimmung war hervorragend, weil wir uns immer wieder besonders auf die Auftritte in New York gefreut haben. Ich persönlich hatte tolle Aufgaben zu tanzen vor mir, John hatte mich im Jahr zuvor zum Solisten ernannt; auch deshalb war diese Reise sehr aufregend für mich. Eines muss man sagen: John Cranko hat sehr gerecht gehandelt, was die Beförderung und die Beziehung unter den Tänzern betraf. Ich durfte bei der Nachmittagsvorstellung in der Met den Petrucchio mit Birgit tanzen, aber der Abend gehörte den Stars Marcia und Ricky, da stand ich in der Gruppe. Darüber war ich nie enttäuscht, sondern habe mich über die Aufgaben gefreut, die er mir anvertraute.
Manchmal waren wir vier Monate unterwegs in den USA, hatten - mit Matineen - acht Vorstellungen in der Woche zu spielen, und am freien Tag mussten wir noch reisen! Bevor wir abfuhren, haben wir uns immer gefragt: Wie schafft man das? Als wir zurückkamen, waren wir ausgepowert, aber hatten etwas Wunderbares erlebt. In der ersten Woche war alles sehr aufregend, in der zweiten waren wir alle furchtbar müde - und dann kam ein Schub an Energie, der uns bis zum Ende getragen hat.
Der größte Erfolg in den USA
Bei Johns letzter USA-Tournee waren wir unter anderem in New York, Washington und in Philadelphia. Der Rückflug, das weiß ich genau, ging von Philadelphia aus. Diese Zeit ist sehr hell in meiner Erinnerung, voll intensiver Begegnungen. John hatte sich sehr auf zu Hause gefreut - er sollte bald umziehen -, und hatte viele Sachen fürs neue Haus eingekauft. Diese Tournee war der größte Erfolg, den das Stuttgarter Ballett unter Johns Leitung in den USA erlebt hatte. In dieser Zeit gab es dort einen unvergleichlichen Ballettboom, da haben wir genau reingepasst. Das Stuttgarter Ballettwunder - so nannte man uns in New York - wuchs noch von Jahr zu Jahr. John war glücklich und zufrieden. Im Hotel in Philadelphia nahm er Birgit zur Seite und sagte: Ich habe was für dich, mach die Augen zu. Dann steckte er ihr zwei silberne Ohrringe mit Kolibrifedern an und sagte: „Das ist ein Geschenk.“ Er war sehr herzlich zu seinen Tänzern, ein wundervoller Mensch - ein Erbe, von dem wir bis heute zehren.
Cranko fieberte mit den Tänzern
John Cranko war ein Künstler, der mit einem fieberte; er hat sehr bestimmt Proben geführt und alles vorbereitet. Gerade auch auf den Tourneen hatte er tolle Mitarbeiter dabei, wir haben hoch professionell gearbeitet. Die Stimmung war - bei aller Disziplin - trotzdem sehr entspannt. Niemand hatte etwas dagegen, dass man mal die Disco oder andere Vorstellungen, zum Beispiel die von Balanchine in New York, besuchte. John wollte ja gerade, dass seine Tänzer hinaus in die Welt gehen, das war ihm sehr wichtig: „Ihr müsst raus, woanders tanzen.“ Also waren wir gerne und viel unterwegs, als Solisten oder mit dem ganzen Ensemble.
Ich sehe dieses Foto mit großer Wehmut; als John Cranko starb, saß ich zwei Reihen hinter ihm im Flugzeug. Und dieses Foto berührt mich sehr tief, weil sich damit auch Erinnerungen an einen ganz besonderen Bühnenmoment verbinden: Nach einer Vorstellung von „Romeo und Julia“, die ich mit Birgit in der Met getanzt habe, gab es einen magischen Moment der Stille. Das beeindruckt einen als Künstler besonders: Wenn man alles gegeben hat und bemerkt, dass die Faszination aufs Publikum überspringt. Diese menschliche Beziehung auf der Bühne entstehen zu lassen, das war der Geist John Crankos. Er hat im wahrsten Sinne des Wortes Stars gemacht; seine große Idee und Aufgabe war es, mit jungen Leuten zu arbeiten. Und diese Aufgabe möchte ich heute in seinem Sinn fortsetzen.“
Tänzer, Lehrer, Berater
Vladimir Klos kam 1968 zum Stuttgarter Ballett, 1972 ernannte ihn John Cranko zum Solisten. Seit Beendigung seiner aktiven Laufbahn bis 2019 lehrte er neben seiner (Lebens-)Partnerin Birgit Keil als Professor an der Akademie des Tanzes Mannheim und war zusätzlich von 2003 bis 2019 ihr Stellvertreter als Ballettdirektorin am Badischen Staatstheater. Als Dozent hält er Fachvorträge im In- und Ausland, unterrichtet bei Seminaren und ist Juror bei internationalen Tanzwettbewerben.
60 Jahre Stuttgarter Ballettwunder
In einem besonderen Angebot für unsere Digital-Plus-Abonnenten machen wir die spannende Geschichte des Stuttgarter Balletts lebendig. Im Dialog mit Zeitzeugen und einer jungen Generation wird anschaulich, wie sich die Kompanie an die Weltspitze tanzte und dort hält. Mit diesen Artikelserien feiern wir das Jubiläum des Stuttgarter Balletts:
Als das Wunder wahr wurde Wir haben im Archiv nach Erinnerungen an seinen Erfinder John Cranko gesucht und eine 2007 veröffentlichte Interview-Serie mit Weggefährten des Choreografen entdeckt.
► Ray Bara Lesen Sie hier, wie Ray Bara seine Wohnung für John Cranko räumte.
► Reid Anderson Wie Eiskunstlauf den Tanz inspirierte: Lesen Sie hier Reid Andersons Erinnerungen
► John Neumeier Bereit für Rebellion und Experimente: Lesen Sie hier John Neumeiers Erinnerungen
► Gundel Kilian Wer einfach drauflos knipste, flog raus: Gundel Kilian erinnert sich
► Richard Cragun Lesen Sie hier, was der 2012 verstorbene Tänzer Richard Cragun über Crankos britischen Geschmack sagte.
► Birgit Keil Lesen Sie hier, wie Birgit Keil zu Crankos „Baby-Ballerina“ wurde.
► Friedrich Lehn Wie Cranko Stau zu Tanz machte: Friedrich Lehn erinnert sich
► Marcia Haydée Lesen Sie hier Marcia Haydées Bericht von ihren ersten Auftritten in Stuttgart.
► Egon Madsen Lesen Sie hier Egon Madsens Erinnerungen an eine besondere Party in New York.
► Georgette Tsingurides Lesen Sie hier Georgette Tsingurides’ Erinnerungen an Zigaretten, Hunde und kleine Feuer im Ballettsaal.
► Fritz Höver Lesen Sie hier, was der 2015 verstorbene Gründer der Noverre-Gesellschaft mit Cranko auf Reisen erlebte.
► Jürgen Rose Lesen Sie hier, wie John Cranko Zeichnungen des Bühnenbildners zerriss.
► Vladimir Klos Lesen Sie hier Vladimir Klos Erinnerungen an die letzte Tournee mit John Cranko.
Forsythe, Kylián und Co Das Stuttgarter Ballett war schon immer eine Kompanie, die Tänzer stark gemacht hat. So stark, dass sie weltweit als Direktoren begehrt sind. Wir haben sie nach ihren Stuttgarter Wurzeln gefragt.
► Ivan Cavallari Sechs Fragen an den Direktor der Grands Ballets Canadiens in Montreal
► Sue Jing Kang Sechs Fragen an die Direktorin des koreanischen Staatsballetts
► Filip Barankiewicz Sechs Fragen an den Direktor des tschechischen Staatsballetts
► Marco Goecke Sechs Fragen an den Ballettdirektor am Staatstheater Hannover
► Christian Spuck Sechs Fragen an den Direktor des Balletts Zürich
► Bridget Breiner Fragen an die Direktorin des Badischen Staatsballetts
► Renato Zanella Fragen an den Direktor des Balletts an der Staatsoper Slowenien
► Eric Gauthier Fragen an den Leiter von Gauthier Dance
► Demis Volpi Fragen an den Direktor des Balletts am Rhein in Düsseldorf
Weitere Beiträge sind in Vorbereitung.