65 Jahre Bentel-Mühle Flacht Wo der Geist der alten Mühle schlummert
Vor 65 Jahren kaufte Familie Bentel die Mühle in Flacht. Seitdem hat sich viel verändert – mit Regionalität punkten man hier aber weiterhin.
Vor 65 Jahren kaufte Familie Bentel die Mühle in Flacht. Seitdem hat sich viel verändert – mit Regionalität punkten man hier aber weiterhin.
Wenn die Sonne durch die Fenster scheint, dann sieht man in der Flachter Bentel-Mühle den Mehlstaub durch die Luft wirbeln. Das Mehl wird hier längst nicht mehr gemahlen, sondern nur noch verpackt und für Backmischungen gemixt. Nur noch, wenn sich neugierige Besucher in der Mühle umsehen wollen, schmeißt Rolf Bentel, der Inhaber der Mühle, das komplexe, mehrstöckige System aus Trichtern und Rohren, Walzen und Bändern an. Dann drehen sich auf einmal die Walzen, unter den Füßen vibrieren die Holzdielen, ein scheppernder Lärm erklingt.
Für Rolf Bentel ist ein solcher Besuch in der Mühle mit einer Menge Erinnerungen verbunden. Immer wieder zeigt er auch die eine Ecke oder den anderen Balken, erzählt Geschichten von früher. Den Geruch nach Schrot etwa, den vermisse er heute sehr. „Da drüben hatten wir eine Obstbaumwiese“, erzählt er dann, sein Blick aus dem Fenster in Richtung des nahen Edeka-Marktes gerichtet. Bentel ist hier aufgewachsen: Als sein Vater die Mühle im Jahr 1959 kaufte, war er zwei Jahre alt, seine Schwester, die inzwischen auch wieder in den Betrieb eingestiegen ist, vier. Am 1. April 1959 öffnete die neu benannte Bentel-Mühle, später stieg Rolf Bentel nach einer Ausbildung zum Müller ein. Jetzt feiert der Familienbetrieb den 65. Geburtstag.
Einiges verändert hat sich in diesen 65 Jahren – nicht nur Flacht, sondern auch die Mühle selbst. Früher, erzählt Rolf Bentel, habe man neben dem Mühlbetrieb auch rund 500 Hühner gehalten, habe Schweine gehabt und Hasen, Apfelbäume geerntet und die Früchte verkauft. Aber die Zeiten wandelten sich: „Die landwirtschaftliche Lage hat sich verändert“, erklärt Bentel. Die Betriebe wurden größer, und auch die Jahre, als in Deutschland Discounter immer mehr auf dem Vormarsch waren, machten es dem Familienunternehmen schwer. Die Mühle, genauer gesagt eine alte Rückschüttmühle, traf es auch: „Das hat mit der heutigen Mühlerei nichts mehr zu tun“, erklärt Bentel. „Das hat sich irgendwann nicht mehr gelohnt.“
Also haben Vater und Sohn umdisponiert: Seit 2001 wird in der Mühle nicht mehr selbst gemahlen, neben dem Verkauf im Mühlenladen konzentrierte man sich in der Familie Bentel fortan mehr auf den traditionellen Ausfahrservice. Feste Touren an festen Tagen gab es, 43 Jahre lang war Rolf Bentel jeden Tag viele Stunden auf den Straßen in der Region unterwegs. Ein Alleinstellungsmerkmal – schon Ende der 2010er-Jahre war er der einzige Müller in der Region, der das noch gemacht hat. Seit vergangenem Juni tritt Bentel zwar etwas kürzer, verzichtet auf den Straßenverkauf und fährt seine Ware nur noch auf Bestellung aus. Erfolgreich ist er mit seinem Konzept aber weiterhin. Nur kommen jetzt eben einige seiner Kunden aus seiner Zeit als fahrender Müller in seinen Flachter Mühlen-Laden.
1979, so berichtet er, hätte die Bentelmühle vielleicht 20 Produkte im Angebot gehabt – Grundnahrungsmittel wie Brot, Eier, Mehl. Inzwischen reihen sich in den Regalen des kleinen Geschäfts rund 250 verschiedene Produkte, neben dem Mehl und den Backmischungen der Bentel-Mühle auch Wurst und Käse, Pesto, Marmeladen, Nüsse oder anderes Knabberzeug.
Hier schöpft Bentel klar aus dem Trend zum Regionalen: Alle Produkte kommen aus Süddeutschland – oder hatten zumindest ihre letzte Station hier. So kommen die Oliven für das Öl zwar aus Griechenland, werden aber in der Ditzinger Ölmühle gepresst. „Wichtig ist für mich, dass ich weiß, was dahintersteckt“, sagt Bentel. „Die Leute honorieren das.“ Dafür fährt er schon mal selbst Käse aus dem Allgäu nach Flacht. Ist eine neue Lieferung verfügbar, teilt Bentel das über eine eigene Whatsapp-Gruppe, in der inzwischen gut 100 Kunden beigetreten sind. Und der Kundenstamm ist treu – seine älteste Kundin etwa kennt ihn, seit er ein kleiner Junge war. Eine Familie würde inzwischen in der vierten Generation bei ihm einkaufen.
Während der Coronapandemie hat das Geschäft der Bentel-Mühle richtig geboomt: Einige Kunden luden sich den Kofferraum voll mit Mehl, erinnert sich Rolf Bentel, bis er dann schließlich ein Limit auf haushaltsübliche Mengen setzen musste. Inzwischen hat sich der Umsatz wieder etwas ausbalanciert, gut läuft es trotzdem. „Ich wünsche mir für die kommenden Jahre, dass es so funktioniert, wie es jetzt funktioniert“, sagt Rolf Bentel. Und: „Gesund bleiben.“ Wer einen Blick in die alte Mühle werfen will, darf das jederzeit, die Mühle ist für jeden offen, sagt Bentel. Hin und wieder kommen etwa Kindergartengruppen oder Schulklassen vorbei, um sich die Mühle anzuschauen. In den kommenden fünf Jahren will Bentel den ganzen Mühlapparat wieder zum Laufen bringen, damit die Lager wieder geölt werden. Bis dahin freut er sich über das Jubiläum, muss aber auch noch ein bisschen anpacken: Nämlich am Schild, das am Flachter Ortsausgang auf die Mühle hinweist. „63 Jahre Bentel-Mühle“ steht dort geschrieben – bis zum Jubiläum am 1. April wird das, so verspricht der Müller, noch ausgetauscht.
Jubiläum In der Geburtstagswoche vom 3. bis zum 6. April gibt es im Mühlenlädle nicht nur zehn Prozent Rabatt, sondern auch ein Glas Sekt für die Kunden.