Ralph Schindler kann auf eine lange Karriere im deutschen Schulsystem zurückblicken. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel
Von der Geburtshelferin ins Ministerium, vom Werkzeugmacher zum Schulrektor, von der Azubine zur angehenden Richterin: Wir zeigen am Beispiel von drei Menschen, wie der zweite Bildungsweg über das Abendgymnasium ein Leben verändern kann.
Julian Ehinger
12.11.2023 - 11:09 Uhr
Im Deutschunterricht übermannte Ralph Schindler bisweilen die Müdigkeit und die Augen fielen ihm zu. „Um 7 Uhr ging ich aus dem Haus, bis 16 Uhr war ich auf der Arbeit, dann nach Hause, kurz was essen und dann ging es weiter zur Schule. Dazu noch lernen. Das war schon hart“, erzählt er über seine Zeit in den 1970er Jahren auf dem Stuttgarter Abendgymnasium. Ralph Schindler entstammt einer Vertriebenenfamilie. 1952 im sächsischen Zittau geboren, wuchs er in Baden, nahe der Stadt Lahr, auf. Dort absolvierte er eine Lehre zum Werkzeugmacher.
„Ich müsste eigentlich mehr können“
„Ich habe aber recht bald gemerkt, dass mir diese Ausbildung zeitlebens nicht reichen wird. Ich habe gedacht, ich müsste eigentlich noch mehr können“, erzählt er. Es sei dann sein inzwischen in Stuttgart lebender Vater gewesen, der ihm das Abendgymnasium der Volkshochschule (VHS) in der Landeshauptstadt vorgeschlagen habe.
So zog er als 19-Jähriger nach Stuttgart, arbeitete eine gewöhnliche 40-Stunden-Woche in der Maschinenbaufirma, in der auch sein Vater tätig war, und besuchte dreimal wöchentlich das Abendgymnasium. Wenn er an den Wochenenden über den Schwarzwald zu seiner Freundin nach Lahr fuhr, hatte er häufig ein Tonbandgerät auf dem Beifahrersitz liegen, mithilfe dessen er Vokabeln lernte.
Ralph Schindler hat es „nie bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben“. Foto: Ines Rudel/Ines Rudel
Lehrerkarriere eingeschlagen
Er kann auch Unterschiede im Vergleich zu heute nennen. Migranten habe es damals praktisch noch überhaupt nicht auf dem Abendgymnasium gegeben. Zudem seien die Schüler wesentlich älter, meistens schon „um die 40“ gewesen. Mit 19 Jahren war er der Jüngste seiner Klasse.
Nach seinem Abschluss studierte Ralph Schindler an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg das Hauptschullehramt. Es folgten Jahre an verschiedenen Schulen. Wegen des damals grassierenden Lehrermangels wurde er auch an Realschulen eingesetzt. Später wurde er zum Konrektor einer Schule in Echterdingen, dann zum Schulleiter im Bildungszentrum Seefälle Filderstadt. 2017 ging er in Pension. „Ich habe es nie einen Tag bereut, diesen Weg eingeschlagen zu haben“, sagt er heute.
Gemeinsames Ziel eint
Wenn Gabriele Nuber-Schöllhammer von ihrer Zeit am Abendgymnasium erzählt, gerät sie ins Schwärmen. Sie erzählt von „bunt gemischten Klassen mit Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Nationen“ und von „hoch motivierten Lehrern“, die ihr auch über manche „Durststrecke“ hinweggeholfen hätten. Man kann die Begeisterung bei ihr deutlich heraushören. „Wir waren so unterschiedliche Menschen, mit so unterschiedlichen Biografien, die aber alle ein Ziel hatten“, sagt sie.
Sie selbst komme aus einem „bildungsfernen Haushalt“. Nach Mittlerer Reife und einer Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin, zog die heute 61-Jährige durchs Land. Von ihrer Heimat Schleswig-Holstein, über Heidelberg und Luxemburg nach Stuttgart. In Luxemburg schloss sie eine weitere Ausbildung zur Geburtsvorbereiterin ab. Ein Abschluss, der in Deutschland aber nicht in der Form anerkannt wird. „Das war für mich der Startschuss. Jetzt zeig’ ich es euch allen, mache einfach Abitur und studiere dann“, erzählt sie und lacht.
Gabriele Nuber-Schöllhammer ist heute Stadträtin in Stuttgart. Foto: Lichtgut//Leif Piechowski
Altersunterschied spielte keine Rolle
Mit Ehemann und drei kleinen Kindern zuhause sowie einem Job als Bürokraft bei der Adoptionsvermittlungsstelle im Gepäck, schrieb sie sich für das Abendgymnasium Stuttgart ein. Es folgte die Zeit, von der sie sich bis heute begeistert zeigt und aus der auch Freundschaften entstanden. Ihr Altersunterschied – sie war damals Anfang 40 – zu den meist 25 bis 30 Jahre alten Schülern, sei keine Hürde gewesen.
Nach ihrem Abschluss begann Gabriele Nuber-Schöllhammer ein Studium der Politikwissenschaft und Germanistik, brach dieses dann aber zugunsten eines Studiums der sozialen Arbeit ab. „Ich wollte dann doch lieber an den Beruf andocken, den ich gelernt habe“, erklärt sie. Danach arbeitete sie bei einer Adoptionsvermittlungsstelle. Später kandidierte sie als Stadträtin für die Grünen in Stuttgart, kämpfte sich in der Liste nach oben und wurde gewählt. Für ihren späteren Werdegang stellte sie Anforderungen an sich selbst: „Ich hatte selber für mich das Gefühl, ich brauche dieses Abitur, ich will auch studiert sein.“ Heute arbeitet sie als Büroleiterin der baden-württembergischen Umweltministerin Thekla Walker. „Ich habe gelernt mich durchzubeißen“, sagt sie.
Jura-Studium als Wunsch
Julia Juricic ist 24 Jahre alt. Der Besuch des Abendgymnasiums liegt bei ihr noch nicht allzu weit zurück, 2022 machte sie dort ihren Abschluss. Etwas, dass sich die junge Frau einst kaum zugetraut hätte. „Ich komme aus einer Familie, wo eher Arbeit als Bildung zählt“, berichtet sie. Sie habe deshalb auch zuerst eine Ausbildung zur Industriekauffrau in Esslingen gemacht. Doch ihr Wunsch war immer Jura zu studieren.
„Ich habe mich dann erkundigt, was für Möglichkeiten ich habe, bin auf das Abendgymnasium gestoßen und habe meine Mutter zu einer Info-Veranstaltung mitgeschleppt“, erzählt sie und lacht. Danach seien die Vorbehalte der Familie verschwunden und der Weg zum Abendgymnasium frei gewesen. Sie wurde Klassensprecherin, Mitglied der Schülermitverantwortung (SMV) und später sogar Schulsprecherin.
Julia Juricic studiert heute Jura in München, mit dem Ziel Richterin zu werden. Foto: Julia Juricic/privat
Gemeinsam Corona getrotzt
Zwar sei die Schulzeit manchmal hart gewesen, gerade wegen der Arbeit nebenher. Sie sagt aber auch: „Wir hatten eine sehr, sehr gute Klassengemeinschaft, haben auch privat viel miteinander gemacht.“ Auch die Corona-Jahre, die in ihre Schulzeit fielen, inklusive Fernunterricht, hätten daran nichts geändert. „Wir haben uns immer gegenseitig motiviert, geschaut dass niemand auf der Strecke bleibt“, sagt sie über diese Zeit. Ihre Klasse sei sehr bunt gewesen, die Schüler seien allen denkbaren Nationen und Altersgruppen entsprungen.
Heute studiert sie Jura in München. Ihr Traum ist es, irgendwann als Richterin zu arbeiten. Über das Abendgymnasium sagt sie: „Es war eine total schöne Zeit. Ich habe gelernt, gerade wenn man sich gegenseitig unterstützt, auch wenn es mal hart wird, kann man so viel erreichen.“