75 Jahre Waldorfschule am Kräherwald „Die Villa ist das Herzstück der Schule“
75 Jahre Waldorfschule am Kräherwald: Am 19. Oktober 1948 zogen die ersten Schüler in die Villa Wolf ein.
75 Jahre Waldorfschule am Kräherwald: Am 19. Oktober 1948 zogen die ersten Schüler in die Villa Wolf ein.
Es riecht nach frischen Spänen. Um die Arbeitstische in der Holzwerkstatt der Freien Waldorfschule am Kräherwald gruppieren sich die Schüler der 7B und hobeln an langen gerundeten Holzstücken, die Stuhlbeine werden sollen. Die zwölfjährige Bianca zeigt, woher sie weiß, wie viel sie abhobeln muss: Erst hat sie eine Schablone gebastelt und dann mit deren Hilfe die richtige Abmessung an die Enden der künftigen Beine aufgemalt. Emilie (13) hat schon drei Beine geschafft und hobelt entspannt am letzten. „Die Kinder lernen hier nicht nur den Umgang mit Werkzeug“, sagt ihr Lehrer Michael Mezger: „Sie lernen den Wert des Materials schätzen. Und sie lernen, an einer Arbeit dranzubleiben, bis sie fertig ist“.
Am 19. Oktober wird die Freie Waldorfschule am Kräherwald 75 Jahre alt. Der handwerklich-praktische Unterricht, wie hier in der Holzwerkstatt, ist Teil ihres ganzheitlichen pädagogischen Konzepts. Die Schule beherbergt unter anderem eine Schmiede, eine Keramikwerkstatt, ein Gewächshaus, eine Kostümkammer, ein Schwimmbad, Schulgärten – und drei Ziegen.
Begonnen hat die Schule im Oktober 1948 als Abteilung Kräherwald der Freien Waldorfschule Uhlandshöhe, die den Ansturm an neuen Schülern nicht mehr bewältigen konnte. „In einigen Klassen waren damals über 50 Kinder“, erzählt Sabine Romann, die für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Der enorme Zulauf habe möglicherweise mit dem Verbot der Waldorfschulen unter dem Nationalsozialismus zu tun gehabt, vermutet sie: Wahrscheinlich schätzten viele Eltern die wiedergewonnene Freiheit, über die Erziehungsform für ihre Kinder selbst bestimmen zu können.
Die Suche nach neuen Räumen im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadt war schwierig. Schließlich gelang es, die 1916 erbaute und im Stuttgarter Norden gelegene Villa Wolf von der Stadt anzumieten. „Eigentlich müsste sie ja Villa Lang heißen“, sagt Sabine Romann und erzählt von der wechselvollen Geschichte des Gebäudes: Ihr Erbauer war der Küchengeräte-Fabrikant Carl Lang. Später ging die Villa in den Besitz des Unternehmers Adolf Wolf über, dessen Familie vor den Nationalsozialisten fliehen musste und nach Brasilien auswanderte. So kam die Stadt an den markanten Sandsteinbau.
Eltern, Freunde der Schule, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schülern richteten das vom Krieg verwahrloste Gebäude wieder her. Heute sind in dem Gründerzeitbau mit den Stuckdecken und der Holzvertäfelung die Schulküche, die Speiseräume und in den oberen Etagen Handarbeitsräume untergebracht. „Das Herzstück der Schule“, nennt Sabine Romann die Villa.
Am 19. Oktober 1948 zogen 236 Kinder mit ihrem Gründungslehrer Erich Gabert und weiteren zwölf Lehrern in die neue Schule ein. Einer dieser Schüler der ersten Stunde sei der Einladung gefolgt und bei der 75. Einschulungsfeier im September dabei gewesen, erzählt Romann: „Ein ganz besonderer Moment“.
Bald sei es in der Villa zu eng für die nachrückenden Schulklassen geworden. Ab 1952 begann man deshalb, um sie herum in Eigeninitiative Baracken zu bauen und Klassen, Handarbeitsräume und Werkstätten auszulagern. Im selben Jahr bekam die Schule mit der Gründung des Vereins der Freien Waldorfschule am Kräherwald die Genehmigung als selbstständige Institution. Die weitere bauliche Planung übernahm Anfang der 60er Jahre der Architekt Rolf Gutbrod. So gruppierte sich nach und nach die heutige Architektur mit den vielen Nebengebäuden: Der Festsaal mit einer unterirdischen Turnhalle, das Schwimmbad, das Oberstufenhaus, das Werkstatthaus, Gebäude für Hort und Kindergarten. Heute lernen hier 900 Schüler, begleitet von 190 Mitarbeitern.
In der Klasse 2B sitzen die Kinder heute der Tafel zugewandt an ihren Bänken und sortieren ihre neuen Buntstifte in die Mäppchen. Das ist nicht immer so. Denn die Waldorfpädagogik setzt in den unteren Klassen auf das Konzept „Bewegtes Klassenzimmer“. Die Kinder sitzen nicht auf Stühlen, sondern auf Kissen und arbeiten an niedrigen Holzbänken, die sie im Laufe des Unterrichts immer wieder umstellen und auch mal zum Balancieren nutzen.
Vieles ist an einer Waldorfschule anders als an staatlichen Schulen. Die Pädagogik orientiert sich am Menschenbild Rudolf Steiners und dem von ihm angelegten Waldorf-Lehrplan. So haben die Kinder acht Jahre lang denselben Klassenlehrer und es gibt das Fach „Eurythmie“, eine Form der Bewegungskunst. Acht- und Zwölftklässler führen aufwendige Theaterstücke auf. Dabei sind sie nicht nur Schauspieler, sondern auch für das Bühnenbild, die Kostüme, die Tontechnik und das Programmheft verantwortlich, erzählt Sabine Romann. Ende November bringt die 12 B etwa Schillers „Maria Stuart“ auf die Bühne.
Alle Veranstaltungen zum Schuljubiläum unter www.fkws.de.