9-Euro-Ticket Keine freie Fahrt zum Bodensee?

Sieht aus wie ein Fernverkehrszug, befördert aber auch Nahverkehrskunden: die Gäubahn auf der Einöd-Talbrücke bei Immendingen-Hattingen. Foto: dpa/Felix Kästle

Viele wollen das 9-Euro-Ticket für Ausflüge nutzen. Doch ob das Billig-Ticket auf der Gäubahn gilt, die Stuttgart mit Schwarzwald, Bodensee und Alpen verbindet, ist immer noch ungewiss.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Wenige Tage vor dem Start des 9-Euro-Tickets ist noch offen, ob die Karte auch in den Zügen auf der Gäubahn zwischen Stuttgart und Singen genutzt werden darf. Das Land und die Bahn seien in Verhandlungen, sagte der Sprecher des Landesverkehrsministeriums, Edgar Neumann. Man hoffe auf eine Lösung im Laufe der Woche. Die Gäubahn gilt als wichtigste Bahnverbindung von der Region Stuttgart in die Touristengebiete am westlichen Bodensee, im Südschwarzwald sowie in die Schweiz und in die Alpen.

 

Der Hintergrund des Konflikts ist eine Sonderegelung, die der Landesverkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) mit der Bahn vor fünf Jahren ausgehandelt hatte. Seit 2017 fahren auf der überwiegend eingleisigen Strecke nur noch Fernverkehrszüge. Sie werden vom Land als Besteller des Nahverkehrs bezuschusst. Dafür dürfen die Kunden auch mit Nahverkehrstickets einsteigen. Der Vorteil: sowohl im Nah- wie auch im Fernverkehr ergibt sich daraus ein Stundentakt, der sonst nicht möglich gewesen wäre.

In den Zügen droht Ärger

An ein 9-Euro-Ticket, das einen Monat lang die Nutzung des gesamten öffentlichen Nahverkehrs in Deutschland ermöglicht, dachte damals freilich noch niemand. Deshalb ist es in dem fein austarierten Vertrag nicht vorgesehen. Im Bahn-Navigator wurden die Gäubahnzüge bereits mit einer Fußnote versehen: Nahverkehrstickets würden anerkannt, nicht aber das 9-Euro-Ticket, heißt es dort.

Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Vorschläge für zehn Kurz-Trips im Land

Ob die Kunden dafür Verständnis haben werden, ist offen. Ein Ausschluss der Gäubahn aus dem Geltungsbereich des 9-Euro-Tickets sei extrem unpopulär und wohl kaum zu vermitteln, warnte Stefan Frey, Referent für Umwelt und Verkehr beim Landesnaturschutzverband. Auch Matthias Gastel, Bahnexperte der Grünen-Bundesgtagsfraktion, sagte, es brauche die Anerkennung. Andernfalls wolle er „angesichts des vorprogrammierten Ärgers nicht in der Haut derer stecken, die für die DB die Fahrkarten kontrollieren müssen“. Er habe deshalb Bahn, Land und die Eisenbahnergewerkschaft EVG angeschrieben.

Die Bahn hofft auf einen Nachschlag

Auch bei der Bahn selbst ahnt man die Probleme, hofft aber offenbar auf einen finanziellen Nachschlag durch das Land. DB Fernverkehr stehe aktuell mit den Aufgabenträgern der Länder in Verhandlungen zu diesem Thema, erklärte eine Sprecherin. Die Gäubahn ist kein Einzelfall. Auch in anderen Bundesländern gibt es inzwischen kombinierte Nah- und Fernverkehrszüge auf einzelnen Strecken.

Das Problem sei nicht ganz einfach zu lösen, meinte der Vorsitzende des Fahrgastverbandes Baden-Württemberg, Matthias Lieb. Er befürchte, dass die Züge vor allem am Wochenende von 9-Euro-Fahrgästen überfüllt seien und Fernverkehrskunden mit Sitzplatzreservierungen keine Chance mehr hätten. Deshalb rate er dazu, die Gäubahnzüge nicht freizugeben. „Die Leute sollten das 9-Euro-Ticket nicht auf weiten Strecken, sondern lieber im regionalen Bereich und beim Busfahren ausprobieren“, sagte Lieb.

Der Streit zeige exemplarisch das Hauptproblem, sagte der Landesgeschäftsführer des Verkehrsclubs VCD, Armin Haller. Günstige Tickets brächten nur dann etwas, wenn auch Züge führen. Das könnte in den kommenden Monaten auf der Gäubahn ohnehin noch zu Enttäuschungen führen. Gleich mehrfach hat die Bahn Baustellensperrungen samt Schienenersatzverkehr geplant – 9-Euro-Ticket hin oder her.

Weitere Themen