An diesem Freitag öffnet im Haus der Geschichte der dritte Teil der Ausstellungstrilogie „Gier. Hass. Liebe.“ Prominentes Exponat: Das aus Behördenbriefen selbst genähte Hochzeitskleid einer Stuttgarter Kunstlehrerin, die ihren Verlobten aus Gambia nicht heiraten durfte.

Wer auf der Suche nach Liebe im Haus der Geschichte zuerst das Skelett von König Wilhelms Lieblingspferd passiert und dann ein Segment des Grenzzaunes, der während des ersten Corona-Lockdowns Liebende aus Konstanz und Kreuzlingen trennte, der landet bald bei einem ungewöhnlichen Kunstobjekt: Sonja Wolber, die aus Stuttgart stammt und inzwischen in Ravensburg lebt, hat aus kopierten Behördenschreiben ihr eigenes Hochzeitskleid genäht. Aus Schriftstücken wie dem „Merkblatt zur Einstellung der Legalisation“ hat die Kunstlehrerin Fransen gebastelt; Stempel mit dem Bundesadler und Kopfzeilen mit dem baden-württembergischen Landeswappen zieren Oberteil und Rock. Sie hat das Kleid genäht, weil sie den Mann, den sie heiraten wollte (und er sie), nicht heiraten durfte. Sie hat genäht, sagt sie, „weil ich was tun wollte. Das Ausgeliefertsein hat mich ausgebremst. Künstlerisch konnte ich die Welt ordnen.“

Ihre Welt geriet in Unordnung, bald nachdem sie im Jahr 2017 ihren späteren Lebensgefährten auf der Geburtstagsfeier ihres Cousins in Oberschwaben kennengelernt hatte. Moustapha Thiam heißt der Mann, in den sie sich verliebte: Goldschmied, Asylbewerber aus Gambia, papierlos wohnhaft im Heim in Ravensburg. „Wir bedienen ein Klischee“, sagt die 46-jährige Mutter einer kleinen gemeinsamen Tochter, „ich bin zwölf Jahre älter als er, habe mir immer Familie gewünscht, aber hatte in der fruchtbaren Zeit keinen Partner. Dann kam Moustapha, und ich habe mich verliebt.“ Die beiden führten eine Zeit lang eine Fernbeziehung, dann zog sie wegen ihm nach Ravensburg, wo er in der Werkstatt ihres Cousins arbeitet. Sie wollten heiraten, und damit begannen die Probleme. Sonja Wolber, die gerne lacht, klingt bitter, wenn sie sagt: „Deutschland lässt nur rein, wen man drin haben möchte. Da gehören Menschen aus Afrika nicht dazu.“

„Die Angst vor dem schwarzen Mann“

Jedenfalls fordert das Standesamt vor der Heirat Dokumente, aber Moustapha Thiam hatte keine: „Dann muss man die in Gambia herstellen lassen. Man muss jemanden kontaktieren, der willens ist, zwei Monate täglich zum Amt zu gehen und zu gucken, dass man eine Geburtsurkunde und einen Pass bekommt“, erzählt Sonja Wolber. Das Problem dabei, so die verhinderte Braut, liege darin, dass die deutsche Verwaltung Papiere gemäß deutschen Rechtsvorschriften verlange: „Dass woanders andere Regeln gelten und bisschen Vertrauensvorschuss – das ist da nicht. Ganz tief in den Knochen sitzt die Angst vorm schwarzen Mann.“

Die in Gambia ausgestellten Dokumente kamen per Kurier bei Sonja Wolber an, sie gab sie beim Standesamt in Ravensburg ab. Das Standesamt schickt die Dokumente über das Auswärtige Amt in Berlin zur Deutschen Botschaft in Dakar im Senegal, weil Deutschland keine eigene Botschaft in Gambia unterhält. Die Botschaft übergibt die Papiere einem Vertrauensanwalt in Gambia, „der dann dahin läuft, wo die Papiere kurz zuvor hergestellt wurden und guckt: Steht der wirklich im Geburtenregister?“ Dem Vertrauensanwalt seien überdies drei Referenzpersonen in Gambia mit Straßen und Hausnummern zu nennen, die dieser dann telefonisch zu Familienstand und Fluchtgeschichte interviewt: „Da gibt’s zwar keine Straßennamen und Hausnummern, aber man soll sie bitte nennen.“ Der Vertrauensanwalt schickt seinen Bericht schließlich an die Deutsche Botschaft in Dakar: „Da liegt er dann erst mal ewig rum, weil die unterbesetzt sind. Dann hat irgendjemand Zeit, zu übersetzen, dann wird alles zurückgeschickt zum Auswärtigen Amt in Berlin und von dort zum Standesamt, und das Ganze dauert ein Jahr.“

In Deutschland nur geduldet

Was Sonja Wolbers Papierkrieg erschwert und ihre Hochzeit verunmöglicht hat, war der Umstand, dass der Pass ihres Partners in Gambia vor seiner Geburtsurkunde ausgestellt wurde: „Die Kritik von deutscher Seite war, dass man einen Pass nur ausstellen könne, wenn man die Geburtsurkunde vorlegt“, erzählt Sonja Wolber. „Wenn die Geburtsurkunde danach ausgestellt wurde, dann sagt die deutsche Seite, etwas stimme nicht, also gilt der Pass nicht – oder die Geburtsurkunde, egal. Zwei Punkte, die bei den deutschen Behörden starkes Misstrauen erwecken und die daraus schließen: Die Identität von Herrn Thiam ist ungeklärt.“

Keine geklärte Identität bedeutet keine Hochzeit. Inzwischen wurde auch Moustapha Thiams Antrag auf Asyl abgelehnt, obwohl sein Leben in Gambia laut seiner Partnerin bedroht gewesen sei. Aber man glaube ihm nicht, sagt Sonja Wolber. Der Goldschmied, der in seinem Metier in Ravensburg als Werkstattleiter arbeitet, hat keinen Aufenthaltstitel und ist in Deutschland nur geduldet, seine Abschiebung ist nur ausgesetzt. „Das ist ein Stressfaktor. Wir hätten gerne die Energien, die das bindet, für anderes“, sagt Sonja Wolber, die eigens einen Nähkurs besucht hat, um ihr Kleid zu nähen.

„Gesellschaftliche Kontrolle von Liebe“

„Das Kleid steht in unserer Ausstellung für die gesellschaftliche Kontrolle von Liebe“, sagt Sebastian Dörfler, der die gleichnamige Ausstellung im Haus der Geschichte kuratiert hat. „Bereits im Kaiserreich sahen sich Standesbeamte als ,Intimtechnokraten’, die den Zugang zum heimischen Heiratsmarkt regelten und damit auch Migration steuerten“, berichtet der Historiker: „Ehen zwischen deutschen Frauen und Ausländern wurden lange Zeit generell ungern gesehen beziehungsweise bei muslimischen oder afrikanischen Partnern dezidiert abgelehnt – auch noch in der Bundesrepublik.“ Dörfler hält es zwar für „selbstverständlich, dass ein Staat wissen möchte, wer sich in ihm dauerhaft niederlässt. Dennoch entsteht hier auch der Eindruck, dass alte Kontrollmuster bezüglich des Heiratsmarktes immer noch greifen.“

Sonja Wolber indes geht nicht davon aus, dass sie ihr Papierkleid oder ein anderes Hochzeitskleid jemals wird tragen können. Die Heirat hat sie abgehakt. Aber sie hat einen Brief an Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann geschrieben, den sie ihm eigentlich bei der Vernissage an diesem Donnerstagabend im Haus der Geschichte übergeben wollte: „Bitte geben Sie der Ausländerbehörde Ravensburg die Weisung, meinem Partner einen Aufenthaltstitel wegen Vaterschaft zu verleihen“, steht darin. Inzwischen hat sie auch die Übergabe ad acta gelegt. Sie glaubt nach ihren Erfahrungen nicht mehr, dass man in Deutschland einem Ministerpräsidenten einfach so einen Brief zustecken kann.