In der engen Marbacher Altstadt etwa fragen sich die Bürger: Wohin mit noch mehr Tonnen in den schmalen Gassen? In Gerlingen staunen die Bewohner von sechs Reihenhäusern über sechs neue 240-Liter-Behälter für Verpackungen. Bislang hatten sie eine Tonnengemeinschaft und waren mit zwei Rundmülltonnen ausgekommen. In Steinheim beklagt sich jemand über die „halsbrecherische Platzierung“ der neuen Glasbox direkt vor seiner Haustür.
Verpackungen müssen über die Dualen Systeme eingesammelt werden
Es läuft also nicht ganz rund bei der Abschaffung von Flach und Rund. Allerdings: „Uns sind da auch ein stückweit die Hände gebunden“, heißt es seitens des Landratsamtes, das mit der Abfallverwertung Ludwigsburg (AVL) das Einsammeln von Wertstoffen und Abfällen im Kreis organisiert. Denn Einsammeln von Papier, Bio- und Restmüll liegt zwar weiterhin in der Verantwortung der AVL. Nicht aber – und das ist gesetzlich so geregelt – die Entsorgung von Verpackungsabfällen. Was letztlich auch der Grund dafür ist, dass Flach und Rund ein Ende findet. Verpackungen müssen über die Dualen Systeme eingesammelt werden. Die Unternehmen Kurz aus Ludwigsburg und PreZero aus Knittlingen (Enzkreis) bei Mühlacker tun dies in deren Auftrag.
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Und die beiden Firmen sind auch für die Auslieferung der neuen Behälter zuständig. Letztlich liege also quasi „die moralische Verantwortung für die Bürger beim Landratsamt, die tatsächliche aber nicht“, erklärt Markus Klohr, der auch betont: „Wir halten den Unmut der Leute für nachvollziehbar und das Ganze für sehr ärgerlich. Wir haben größtes Verständnis und sind selbst verzweifelt.“ Einiges an Rückmeldungen seitens der Bürger schlage bei der AVL auf. „Tendenz steigend“, sagt Jochen Mäule, der stellvertretende Abteilungsleiter Recycling und Logistik. Vieles könne aber eben nur weitergegeben werden an die beiden Entsorgungsunternehmen.
„Leider verschenken wir hier riesige Synergien.“
Seitens der AVL will man die Kritik aber auch nicht falsch verstanden wissen. „Das liegt letztlich nicht an Kurz und PreZero, sondern am System“, sagt Klohr. „Da geht es um Politik und die Systematik.“ Und: „Leider verschenken wir hier riesige Synergien.“
Stichwort: Tonnengemeinschaften. So wie diese über Jahre im Flach- und Rund-System bei der AVL funktionierten, können die Daten und Erfahrungswerte nun nicht eins zu eins von den Entsorgern übernommen werden. „Die Anzahl und Größe der Tonnen werden nach Zahl und Größe der Haushalte auf dem Grundstück und in Abstimmung mit den Dualen Systemen zugeteilt“, sagt Beatrice Thoma, Communications und Marketing Manager bei PreZero. Das bedeutet wie im Fall der Reihenhaus-Nachbarn in Gerlingen, dass viel zu viele Tonnen abgestellt werden. Immerhin: Es werde zukünftig die Möglichkeit geben, den Bedarf an Behältern nachträglich über die Website www.verpackungsabfall-lb.de zu melden, teilt das Unternehmen mit.
Allerdings bleiben die Bürger noch eine Weile auf ihren überschüssigen Tonnen sitzen. Denn die Rückholung beziehungsweise zusätzliche Auslieferung laufe erst im neuen Jahr an, wie Beatrice Thoma erklärt. Dann werden im Übrigen auch die alten Rund-Tonnen abgeholt. Sie werden im Dezember nochmals wie bisher geleert, danach müssen die Bewohner des Landkreises die neue gelbe Tonne für Verpackungsmüll und die blaue Tonne oder Box für Glas verwenden.
Letzte Leerung ist im Dezember
Bei Flach läuft es ähnlich: Letzte Leerung ist im Dezember. Allerdings bleibt die Tonne und wird künftig zur reinen Papiertonne. Heißt, dann dürfen auch nur noch Papier und Kartonagen hinein, die dann von Januar an abgeholt werden. Bis dahin geht erst einmal die Auslieferung der neuen Behälter weiter. Innerhalb der kommenden vier Wochen werden aller Voraussicht nach etwa die Tonnen für die Kommunen Eberdingen, Oberriexingen, Sersheim und Vaihingen verteilt, erklärt die PreZero-Sprecherin. „Unter Umständen kann es aus logistischen Gründen zu einigen Abweichungen in der Reihenfolge der Verteilung kommen.“
Dass es schon Ende September mit der Verteilung losging und so die zusätzlichen Tonnen über Wochen und Monate herumstehen, sei der schieren Menge der Tonnen geschuldet.
„Damit die Haushalte rechtzeitig bis zum Jahresende mit den neuen Behältern ausgestattet sind, haben unsere Teams bereits frühzeitig begonnen, die neuen gelben und blauen Tonnen in den Städten und Gemeinden auszuteilen“, sagt Thoma. Insgesamt handle es sich um rund 168 000 Behälter für Leichtverpackungen und um rund 145 500 Behälter für die Glassammlung.
Wie wird der Müll im Landkreis Ludwigsburg sortiert?
Bisheriges
Seit 1992 wird im Kreis Ludwigsburg nach dem Prinzip „flach und rund“ sortiert. Angelehnt war es an das amerikanische System „slides and bottles“. Als „flach“ zählen Papier, Pappe und Kartonagen sowie Folien und Styropor. Als „rund“ gelten Kunststoffgegenstände, Metalle, Verbunde und Glas. Der Sonderweg endet zum 31. Dezember 2021. Auslöser ist das Verpackungsgesetz aus dem Jahr 2019.
Künftiges
Das neue System ähnelt den in Deutschland etablierten Sammelsystemen. Es bleibt bei der braunen Biotonne, und der schwarzen Restmülltonne. Hinzu kommen eine Papiertonne (bisherige Flach-Tonne), eine gelbe Tonne für Verpackungen sowie blauen Boxen beziehungsweise Tonnen für Altglas.
Bei Fragen zur Auslieferung der Tonnen sind eine Internetseite (www.verpackungsabfall-lb.de) sowie eine Hotline eingerichtet (08 00 / 58 93 854).