Abfallverwertung Möck in Tübingen Das Wertschöpfer-Trio vom Schrottplatz

Die Möck-Geschwister Benjamin, Marie und Philipp (von links) haben hier in jüngeren Jahren eigenhändig Schrott sortiert. Foto: Horst Haas

Die Tübinger Möck-Geschwister gehen mit ihrem Schottplatz neue Wege: Sie machen sich unabhängig von der Autoindustrie und verfolgen den Wandel zum Komplettentsorger.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Wie eine Ansammlung von Riesenwürmern schlängeln sich die Kabel in die Höhe. Wenn Benjamin Möck auf den Berg schaut, sieht er Geld. Einen Schatz. Der 33-Jährige überschlägt: 30 Tonnen dürften es sein, für das Kilo gibt es aktuell zwei bis drei Euro, macht 75 000 Euro für die Kupferdrähte im Kabelsalat. Noch kostbarer sind die Messing-Späne ein paar Schritte weiter auf dem Hof des Tübinger Abfallverwerters Möck. Die goldfarbenen Überbleibsel von Drehern und Fräsern kräuseln sich im Container wie Christbaumschmuck. Eine Handvoll wirkt leicht, doch der Schein trügt: Da lagern dreieinhalb Tonnen, schwerer als zwei VW Golf. Die Tonne Messing werde mit 5000 Euro gehandelt, sagt der Profi. Dann zeigt Möck auf den Bagger, der die Presse mit Altmetall füttert. „Ein voller Greifer, das sind etwa 300 Euro.“

 

Dass der Schein trügt, gehört zu diesem Ort wie das Quietschen und Scheppern. Für die meisten ist das alles nur ein Haufen Schrott, für Benjamin Möck ist die Berglandschaft aus Alteisen, Bremsscheiben, Kupfer, alten Telefonkabeln und Heizkörpern seine Rohstoffmine. Anders als im echten Bergbau wird hier allerdings kein seither verborgenes Material geschürft, sondern bereits vorhandenes wird wiederverwertet. Die Abfallverwerter sind gleichzeitig End- und Startpunkt. Sie verwandeln Ausgedientes in Neues, Wertloses in Wertvolles. Sie sind Wertschöpfer. Und dieses Geschäftsmodell ist gefragter denn je.

Immer strengere Vorgaben zu Recycling oder Verpackungsmüll weisen den Weg. Das Prinzip der Kreislaufwirtschaft gilt als Lösung für gleich zwei globale Probleme: die Vermüllung und den Rohstoffmangel. Die Erkenntnis, dass die Schätze dieses Planeten endlich sind, sickert allmählich ins allgemeine Bewusstsein. Wobei wohl die wenigsten wüssten, dass am 2. August der Erdüberlastungstag war. Der Tag, an dem die Menschen die Ressourcen des Jahres rechnerisch bereits aufgebraucht haben.

Die Möcks zählen sich zur „Generation Recycling“

Die Werbesprüche, mit denen die Möcks am Zaun des Geländes werben, passen zum Zeitgeist. Das „There is no Planet B“-Banner könnte auch Fridays for Future hier aufgehängt haben. Mit der „Generation Recycling“ meinen die Möck-Geschwister unter anderem sich selbst, ohne es von langer Hand geplant zu haben. Seit ein paar Jahren führen Benjamin Möck, seine Schwester Marie, 30, und sein Bruder Philipp, 36, den Familienbetrieb, den ihr Urgroßvater vor mehr als 100 Jahren am Rande von Tübingen aus einem Bauernhof aufgebaut hat. Heute hat „der Möck“, wie die Firma von den Einheimischen genannt wird, 50 Mitarbeiter, ein 25 000 Quadratmeter großes Betriebsgelände und liegt eher in als außerhalb der Stadt.

Der Vater des Trios schaut noch jeden Tag vorbei. Dann fahren an der Reutlinger Straße die Vertreter persönlich vor – für den traditionellen Deal per Handschlag. Benjamin Möck erzählt bewundernd von den Geschäftspraktiken des Seniors. Er selbst handhabt es anders. Digitaler. Er ist für den Ein- und Verkauf der Rohstoffe zuständig und handelt beispielsweise viel mit Dubai. Seine Schwester Marie macht alles Administrative. Philipp ist der Herr über die Technik.

Der Hof ist ihr Revier. Früher haben sie alle selber Schrott sortiert. Mussten sortieren. „Büroarbeit war nicht“, sagt Marie Möck. Die Kinder sollten mit ihren eigenen Händen die Fraktionen kennenlernen – wie Abfallsorten im Fachjargon genannt werden. Die Ferienjobs von damals zahlen sich heute aus, sie sind in der Materie. Nebenan hat ein Bagger gerade ein Drahtknäuel im Griff. „Das ist sein Besen, er macht jetzt bisschen sauber“, erklärt Benjamin Möck. Der Bagger putzt sich eine Stelle frei, dann grapscht er ein Auto und stellt es ab. „Er macht gleich den Motor raus“, sagt Benjamin Möck. Die entzündlichen Flüssigkeiten sind bereits abgelassen. Ein Baggerbiss später klafft in der Motorhaube ein Loch. Zum Schluss wird der Wagen in der Presse paketiert und auf den Ablagestapel zu den anderen gehievt. Baggerfahrer sind hier Präzisionsarbeiter, sie sitzen in einer bruchsicheren High-Tech-Kabine an einem Display mit unzähligen Knöpfen.

Transformation in der Autoindustrie schlägt sich durch

Die Autoleichen sind für Besucher immer das Spektakulärste, sagt Benjamin Möck. Früher waren sie das Hauptgeschäft. Das hat sich geändert, auch wenn der Schrottplatz mit seinen Metallbergen das Möck-Gelände nach wie vor prägt, verliert das Geschäft mit Alteisen an Gewicht. Die Transformation vor allem in der hiesigen Automobilindustrie schlägt beim Abfallverwerter durch. Wird weniger produziert, fällt weniger Müll an. Bricht der eine Abfall weg, braucht es Alternativen. Sonderabfälle zum Beispiel oder Datenträger. Müll der Zukunft.

„Inzwischen sind wir weitgehend unabhängig von der Autoindustrie“, sagt Benjamin Möck. Sie würden gern einen Wertstoffhof für jedermann aufbauen, doch privater Haus- und Sperrmüll ist bisher nicht ihr Business. „Ab 500 Kilogramm aufwärts sind Sie bei uns richtig“, sagt Marie Möck. Um den Tübingern eine Freude zu machen, haben sie zwei Container an die Straße gestellt: für Metall und Papier.

Die Grenze zwischen der Vergangenheit und der Zukunft verläuft in der Mitte des Geländes. Jenseits der Schrottberge lagern Holz, Papier, Bauschutt, Grünschnitt, Kunststoffe, aber auch der Inhalt der öffentlichen Mülleimer in Reutlingen landet hier. Die Möcks sind inzwischen auch Komplettentsorger für Großkunden wie die Uni Tübingen. Denen nehmen sie alles ab – vom Aktenordner über Speisereste bis hin zu alten Heizungen. „Wir können alles versorgen“, sagt Benjamin Möck. Und im besten Fall auch wiederverwerten. Denn die Zukunft ist nicht, allein auf den neuen Müll zu setzen, sondern möglichst viel Material in den Kreislauf zurück zu bringen.

Das bedeutet nicht, dass Möck alle Rohstoffe selbst sortenrein trennt. „Wir könnten locker zehn Leute einstellen für noch mehr Wertschöpfung mit dem Schraubenzieher“, sagt Benjamin Möck. Doch es fehlt an Platz und Personal. Für manches ist die Firma nur eine Zwischenstation. Altreifen zum Beispiel werden im Allgäu granuliert und bekommen als Spielplatzboden ein neues Dasein. Den Schrott wiederum schicken die Möcks direkt als Rohstoff zu den Stahlwerken, er wird ohne Verluste eingeschmolzen.

Güterzug-Waggons als Besonderheit des Betriebs

Manchmal kann aus Vergangenheit auch Zukunft werden. Wieder verläuft der Beweis mitten durchs Gelände – in Gestalt eines Gleises. Möck ist eines der wenigen Unternehmen, das direkt ans Bahnnetz angeschlossen ist. Die Schienen wurden 2004 stillgelegt – und 2021 reaktiviert. Ein Selbstläufer war das nicht, „es ging nur mit maximalem Druck“, sagt Benjamin Möck.

Nun kommen immer dienstags sechs Güterzugwaggons angezuckelt, sie ersetzen 15 Lastwagen. Jeder Waggon hat einen anderen Bestimmungsort. Die Alu-Späne aus Tübingen gehen zum Beispiel in ein Schmelzwerk nach Italien, aus ihnen werden Pressteile für den Autobauer Dacia. Noch ist die Bahn teurer, denn das Problem mit den kostspieligen Leerfahrten ist noch nicht gelöst. „Aber wir müssen jetzt damit anfangen“, sagt Benjamin Möck. „Das wird kommen.“

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