Dass sich über dieser Brunnenstube Deutschlands womöglich schönstes Klassenzimmer befindet, mit weißer Holzornamentik und herrlicher Sicht auf den Magnolienbaum im Kreuzgang, das aber vermuten nur wenige. Der Raum ist Teil des Evangelischen Seminars Maulbronn, in dem 65 Schülerinnen und Schüler der neunten bis zwölften Klasse dem Abitur und oftmals auch ihrer Berufung entgegenstreben.
An diesem Tag unterrichtet die Pfarrerin Eva Karmrodt Religion. Oder vielmehr: Sie bringt die Schüler zum Denken. In einer fingierten Podiumsdiskussion nehmen drei Schülerinnen die Rollen als Christin, Jüdin und Atheistin ein. Wer glaube, gebe seine weltliche Verantwortung an Gott ab, argumentiert die Atheistin. Allein weil die Kirchen zu einer solidarischen Gemeinschaft in den Gemeinden beitrügen, biete Religion einen Mehrwert, kontert die Christin.
Der Rektor hört hier auf den Namen Ephorus
Vielleicht ist diese Diskussion in Maulbronn schon viele Hundert Male geführt worden. Denn schon immer hat man hier über die Existenz Gottes nachgedacht und nach dem Sinn des Lebens gefragt: erst die Zisterziensermönche, dann die Schüler des Seminars. Seit 1556, so lange wie fast nirgendwo sonst, gibt es in Maulbronn diese Tradition der Klosterschule, zu der bis heute zwingend das Internat gehört. Die württembergischen Herzöge wollten hier die geistige und geistliche Elite des Landes ausbilden und vor allem für genügend Nachwuchs an evangelischen Pfarrern sorgen – auch wenn gerade die berühmtesten Eleven wie Hesse, Hölderlin oder auch Johannes Kepler gerade dies niemals wurden.
Das Wort „Elite“ hört Gerhard Keitel, der Rektor des Evangelischen Seminars, gar nicht gerne – nach den antiken Staatenlenkern Spartas nennt er sich hier übrigens Ephorus. Weder würden in Maulbronn nur hochbegabte Schüler aufgenommen, noch könnten sich nur Reiche das Seminar leisten, betont Keitel: „Wir wollen höchstens eine Elite ausbilden, was die Verantwortung für und in der Gesellschaft anbetrifft.“
Da das Land und die evangelische Landeskirche Stipendien an bis zu 18 Schüler pro Jahrgang vergeben und die Klassen selten größer sind, zahlen die meisten gerade 250 Euro pro Monat – Verpflegung und Unterbringung in Zwei- bis Vierbettzimmern inklusive.
Und was das Überfliegertum anbetrifft, so lehre auch da die Realität etwas anderes, betont Keitel. In fast jeder Klasse gebe es vielmehr ein, zwei Schüler, die auf ihrer Schule nicht mehr zurechtgekommen seien. Einer sei zum Beispiel autistisch veranlagt gewesen, ein anderer habe unter dem Tod eines Familienangehörigen gelitten. In Maulbronn habe man Zeit und Raum, diese Schüler aufzufangen. Auch das sieht die Kirche als Teil ihres Bildungsauftrages an.
Manche Schüler können in Maulbronn aufgefangen werden
Bei der 17-jährigen Elisabeth Schneider aus Rastatt, die jetzt in der elften Klasse und Schülersprecherin ist, liegt die Sache nochmals anders. Ja, in der Schule in Rastatt sei es damals nicht mehr so gut gelaufen, erzählt sie. Aber der Grund, ins „Semi“ nach Maulbronn zu wechseln, sei auch ein anderer gewesen: „Ich bin jemand, der häufig Fernweh hat und öfters was Neues braucht.“ Anton Conrad aus Nehren, ihr Kollege als Schülersprecher, ist dagegen wirklich ein Überflieger – auch wenn es ihm peinlich ist, über seine guten Noten zu sprechen. Mit zwölf diskutierte er mit dem Religionslehrer über die Rechtfertigungslehre Luthers, in der er Schwächen sah. Er übersprang eine Klasse.
Und jetzt, mit 15 Jahren, besitzt er schon einen glasklaren analytischen Verstand. Über Maulbronn sagt er: „Es gibt hier diese grundgegebene Geborgenheit nicht, die einem die Eltern vermitteln. Dennoch oder gerade deshalb ist das Semi unglaublich prägend.“
Die gute Gemeinschaft wird von allen hervorgehoben
So unterschiedlich die Persönlichkeiten und Lebensläufe auch sind, ein Merkmal gibt es dennoch, das fast alle Schüler in Maulbronn eint: Es ist die Lust zu lernen, es ist die Motivation, mehr zu erfahren über sich und über die Welt. Und das ist auch notwendig, denn das Pensum ist beeindruckend groß. In der neunten und zehnten Klasse sind sechs Stunden Altgriechisch und vier Stunden Latein Pflicht, denn das Seminar fühlt sich weiter der humanistischen Bildung verpflichtet. Weitere Schwerpunkte sind Religion und Musik – fast alle hier machen im Chor mit oder spielen ein Instrument. Und wie seit Hunderten von Jahren gibt es täglich ein Morgengebet und einmal in der Woche eine Andacht. Viele kommen freiwillig in die Theologie-AG. Evangelischer Pfarrer muss allerdings niemand mehr werden. Wer es dennoch tut, und das sind 15 bis 20 Prozent, der bekommt immerhin die bezahlten Beiträge zurück.
Was Elisabeth und Anton aber besonders herausstreichen an Maulbronn, das sind gar nicht die außergewöhnlichen Angebote, die motivierten Lehrer oder das einzigartige historische Ambiente, sondern es ist dies: „Wir haben hier eine extrem starke Gemeinschaft“, sagt Elisabeth. Und Anton fügt hinzu: „Was das bewirkt, kann man Außenstehenden gar nicht vermitteln.“ Da man mit seinen Klassenkameraden nicht nur zusammen im Unterricht sitze, sondern mit ihnen lebe, ergäben sich sehr enge Freundschaften, sagt Anton. Von Lehrern und Schülern kämen permanent Impulse. Auch für Gerhard Keitel hat die Gemeinschaft zentrale Bedeutung: „Das Magnetische, Bindende ist immens.“
Zum Beispiel morgens um 9.20 Uhr kann man diese Gemeinschaft besichtigen: Nach dem ersten Unterrichtsblock nehmen alle zusammen im alten Refektorium des Klosterspitals ein zweites Frühstück ein. Und oft werden hier die philosophischen Ideen, die man gerade im Griechischunterricht übersetzt hat, weiter diskutiert. Diese Pause nennt sich schlicht „Geier“ – vermutlich, weil sich alle wie Geier auf Brötchen und Marmelade stürzen.
Alleinsein ist schwierig – da hilft nur ein Spaziergang
Aber mit der engen Gemeinschaft beginnen auch die Probleme. Der Skandal um den Missbrauch vieler Schüler an der Odenwaldschule vor einigen Jahren hatte auch auf Maulbronn negative Auswirkungen. Seither melden sich weniger Schüler für das seit Jahrhunderten so genannte Landexamen an, die Aufnahmeprüfung für das Seminar, das übrigens von den meisten bestanden wird. Und sowieso wollen oder können viele Eltern ihre Kinder nicht loslassen, so dass für sie ein Internat grundsätzlich nicht infrage kommt. Das hat dazu geführt, dass in Maulbronn derzeit nur 65 von 100 Plätzen belegt sind. In der Schwesternschule im Kloster Blaubeuren sieht es ähnlich aus. „Wir hoffen, dass die Zeit für uns spricht“, sagt Keitel über diese Krise der Internate in Deutschland.
Umgekehrt müssen auch die Schüler eine solche Schulform wirklich wollen. Zum einen sei der Tag sehr eng getaktet, sagt Anton Conrad: „Man muss Struktur mögen.“ Gerade jetzt im Winterhalbjahr findet er es zum Beispiel schade, dass jeder Schüler am Nachmittag verpflichtend eine Stunde am Schreibtisch verbringen muss, auch wenn er nichts zu tun habe: „Dann sitze ich rum, und wenn ich fertig bin, ist die Sonne weg.“ Zum anderen muss man damit klarkommen, fast nie allein zu sein: „Das ist bisweilen anstrengend“, findet Elisabeth. Zur Not könne man die Zimmergenossin aus dem Raum bitten oder einen Spaziergang durch die Weinberge machen. Und die Jungs toben sich auf dem Basket- oder Fußballplatz aus, die direkt an die Klostermauer gebaut worden sind. Jedenfalls sei eine frühe Reife förderlich, um im Seminar klarzukommen – kein Wunder, meint Keitel augenzwinkernd, seien die Mädchen klar in der Überzahl.
Heimweh ist dennoch ein Gefühl, das die meisten Schüler kennen, geben Anton und Elisabeth zu. In der Regel können sie nur alle zwei Wochen nach Hause fahren. Aber fragt man die zwei nach negativen Punkten in Maulbronn, fällt ihnen nichts Wesentliches ein. Selbst über die Lehrer schimpfen sie nicht: „Als Schulsprecher haben wir manchmal Kontroversen mit ihnen, aber es bleibt immer sachlich“, sagt Anton.
Pfarrer werden ist heute keine Verpflichtung mehr
Hunderte von Schülern haben in dem vergangenen fast 500 Jahren heimlich ihren Namen in einen der Buntsandsteine des Klosters geritzt. Elisabeth und Anton gehören zwar nicht dazu, aber umgekehrt haben sich das Evangelische Seminar und die Weltkulturerbestätte Maulbronn tief in ihre Seelen geritzt. Diese „unfassbar besonderen Räume“, wie Anton sagt, und diese besondere Gemeinschaft, das mache etwas mit einem. Und natürlich haben sie ihren Hesse und ihren Hölderlin gelesen. Eine Belastung seien diese berühmten Vorgänger nicht, eher ein zusätzlicher Ansporn, sagt Elisabeth. Und zumindest in einem Punkt wollen beide den Dichtern tatsächlich nacheifern: Pfarrer zu werden kommt derzeit für sie nicht infrage.