In Feuerbach-Ost sind von einer früheren Wohninsel fast nur noch Martina und Jürgen Dvorak geblieben. Foto: Max Kovalenko/Lichtgut, Historisches Foto: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg/Albrecht Brugger, Montage: Jana Gäng
Jahrzehntelang gibt es eine Wohninsel in einem Stuttgarter Industriegebiet – bis die Stadt sie loswerden will. Übrig bleiben Jürgen und Martina Dvorak. Über ein eingekesseltes Haus, eine verschwundene Nachbarschaft und die Frage, ob das sein musste.
Jana Gäng
17.02.2024 - 07:30 Uhr
Die Festung der Dvoraks ist längst umzingelt: Der erste Hotelklotz mauert sie mit seinen sechs Stockwerken zur Rechten zu. Der zweite Hotelklotz, sieben Stockwerke hat er, sitzt ihr im Nacken. Zur Linken schließt das Gebäude eines Softwareherstellers die weiß-grau gestrichene Front.
Das Haus der Dvoraks leuchtet mittendrin in Aprikose. Klein sieht es hier zwischen den Hotel-Giganten aus, dabei ist es zwei Stockwerke hoch. Ein weiteres versteckt sich unter dem Ziegeldach. Überall in Europa könnten die Hotels nebenan stehen, im Garten der Dvoraks aber weht die württembergische Flagge. Im Sommer grillen Jürgen und Martina Dvorak hier, dann haben die Bäume und Sträucher Blätter und an der Hauswand blühen Rosen. Im Sommer ist die Festung noch grüne Insel.
Die Anwohner sollen Platz machen für Industriebauten
Aufgewachsen ist Jürgen Dvorak – heute Anfang 60, grauer Schnauzer, raue Hände – im Haus schräg gegenüber. Auch damals waren die Wohnhäuser rund um die Magirusstraße mit ihren Gärten Inseln zwischen Fabrikhallen und Firmensitzen. Einer einsamen Festung glichen die Häuser damals aber nicht. Rund 600 Menschen wohnten einst zwischen Pragsattel und Borsigstraße. Bis der Gemeinderat der Stadt 1996 entschied: Die Wohninsel muss weg, soll Platz machen für die Industrie.
Weg aber wollte Jürgen Dvorak nie. Knapp 30 Jahre später sind die Dvoraks noch hier. Statt Einfamilienhäuser haben sie nun Hotels als Nachbarn. Ein Blick zurück.
Gleich zwei Hotelbauten haben das Haus von Jürgen und Martina Dvorak umzingelt. Foto: Max Kovalenko
Auch Helmut Wirth war einmal Inselbewohner. Das Acht-Parteien-Haus mit den grünen Fensterläden, in dem er aufwächst, steht in einer Querstraße zur heutigen Magirusstraße. „Um die 1900 rum ist mein Großvater reingezogen.“ Wirths Vater habe dort seit 1922 gelebt.
Das Feuerbach-Ost aus Wirths Kindheit ist eines, in dem Bauer Braun ab und an die Heilbronner Straße sperrt, um seine Kühe hinüberzutreiben. Die Magirusstraße heißt Klingelstraße und ist einseitig geteert, weil die Anwohner auf der anderen Seite Gemüse anbauen. Aber Feuerbach-Ost ist schon damals Industriegebiet.
Niemanden habe die Industrie nebenan gestört
Der 75-jährige Wirth breitet die Gemarkungskarte aus und tippt auf den 80 Hektar großen Halbmond, sauber beschnitten von Bahngleisen und Heilbronner Straße. Die großen Namen seiner Kindheit hat Wirth auf einem Zettel gelistet: „Da oben hatten wir den Leitz drinnen. Und ganz unten war der Scheer. Der taucht in den Büchern früher so oft auf wie heute der Bosch.“ Auch Weckerle & Behringer, Haushahn, Lackschaal, Glasdach-Zimmermann stehen auf dem Papier.
Helmut Wirth ist in Feuerbach-Ost aufgewachsen. Foto: Max Kovalenko
„Das mit den Wohnhäusern ist historisch gewachsen, weil viele von den Firmen neben der Produktion ein Wohnhaus hatten.“ Ein Problem sei das Nebeneinander nie gewesen, sagt Wirth: „Nach sechs Uhr war da kein Lieferverkehr mehr, kein Gehämmere, nichts. Da hätte man auf der Straße tanzen können.“ Und etwas ändern oder die Firmen gar loswerden, wollte auch keiner: „Die Industrie von Feuerbach, das war immer unsere Einnahmequelle. Unser Stolz.“
Die Stadt fürchtet um den Industriestandort
Es ist eine Einnahmequelle, die aus Sicht der Stadt Stuttgart in Gefahr scheint. 1995 macht der Gemeinderat Feuerbach-Ost zum Sanierungsgebiet. Das Ziel: Den Standort für produzierendes Gewerbe attraktiv halten. 14 Millionen Mark von Bund und Land sichert sich die Stadt dafür. Ein Jahr später stimmt der Gemeinderat für einen neuen Bebauungsplan.
Betroffen ist davon auch das Areal zwischen Heilbronner Straße, Siegle- und Zimmerstraße, wo jahrzehntelang Wohnhäuser und Gewerbe koexistierten, wo Wirths Vater seit seiner Geburt lebt, wo eine Generation später Jürgen Dvorak als Kind bis zehn Uhr abends Federball auf der Straße spielt und die Nachbarhäuser über die Küchentür betritt.
Die Wohninsel inmitten des Gewerbegebiets im Jahr 1964... Foto: Landesmedienzentrum Baden-Württemberg/Albrecht Brugger/ Montage und Illustration: Jana Gäng
Jetzt soll das Gebiet ein reines Gewerbegebiet werden – und die Wohnhäuser stehen im Weg. „Die Politik will dort Gewerbe haben“, wird der damalige Leiter des Stuttgarter Amts für Stadterneuerung Hans-Reinhard Schäfer in einem Artikel dieser Zeitung aus dem Jahr 1998 zitiert. Die Inselbewohner sollen wegziehen, ihre Häuser fallen.
Siedle sich erst weiteres produzierendes Gewerbe an, sei das Gebiet ohnehin nicht mehr zum Wohnen geeignet, so ein Argument der Politik: „Wir wollen hier Flächen für die Industrie bereithalten und da kann es zu unzumutbaren Verhältnissen für die Bewohner kommen“, sagt Schäfer der Zeitung im Jahr 2000.
Die Anwohner müssen entscheiden: Gegen die Pläne kämpfen oder gehen?
Dass die Stadt so argumentiert habe, daran erinnert sich auch Wirth. Fest steht, dass Bezirksvorsteher Helmut Wiedemann in einem Interview aus dem Jahr 2000 noch in diese Kerbe schlägt: Die Bewohner würden merken, dass mit dem neuen Bebauungsplan „Wohnen in Feuerbach-Ost zunehmend unmöglich wird“, sagt er.
Als die Stadtverwaltung Ende der 90er beginnt, den Bewohnern Angebote für ihre Grundstücke zu machen, müssen diese entscheiden: Um ihre Insel kämpfen oder gehen?
... und auf einem Luftbild aus dem Jahr 2023. Foto: LHS Stuttgart /Montage und Illustration: Jana Gäng
Natürlich, sagt Jürgen Dvorak, seien sie Teil der Interessengemeinschaft (IG) Feuerbach-Ost gewesen. „Ich bin in Feuerbach groß geworden, mit den Vereinen und allem. Ich wollte nie weg“, sagt er. „Das Haus gehörte damals noch meinen Eltern und die haben immer gesagt: Was man gekauft hat, verkauft man nicht“, sagt Martina Dvorak. „Mein Vater hat mir gesagt: ‚Die bringet mich da nie raus“, sagt Helmut Wirth einige Kilometer weiter. „Und warum hätte er gehen sollen? Ein Feuerbächer zieht nicht um.“
So sehen das rund zwei Dutzend Inselbewohner, die sich Ende der 90er in der IG zusammentun. Einfach loswerden kann die Stadt sie nicht. Die Häuser stehen unter Bestandsschutz. Aber das reicht den Inselbewohnern nicht: Sie wollen den neuen Bebauungsplan kippen. Von 400 Briefen an Verwaltung und Politik ist in einem Zeitungsartikel die Rede.
Bis vor das Berliner Verwaltungsgericht ziehen sie
IG ist auf dem Aktenordner vermerkt, dessen Inhalt Jürgen Dvorak auf dem Tisch auskippt: Kopien von Briefen fallen heraus. Sie beginnen mit „An die Fraktionen des Stadtrats“ oder „Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Dr. Schuster“. Liegenschaftspläne liegen neben Fotos; ausgeschnittenen Zeitungsartikel aus einem Jahrzehnt. „Wir wehren uns gegen den Landraub der Stadt“ titelt einer.
Die vielen Briefe an die Stadt und Zeitungsartikel haben die Dvoraks aufbewahrt. Foto: Jana Gäng
Mit Geld aus Straßenfesten und Mitgliedsbeiträgen beauftragen die Inselbewohner damals einen Anwalt. Als der Verwaltungsgerichtshof Mannheim ihrem Antrag gegen den Bebauungsplan im Jahr 1998 nicht stattgibt, gehen sie in Revision. Und tatsächlich findet das Bundesverwaltungsgericht in Berlin im Jahr 2000 Rechtsfehler – Mannheim muss den Fall neu prüfen. „Wir haben schon was getan, wir haben nicht einfach aufgegeben“, sagt Jürgen Dvorak heute.
„Feuerbächer“, sagt Helmuth Wirth, „sind ein eigenes Volk. Und wir wehren uns.“
30 000 Euro kosten die Gerichtsprozesse die Anwohner
„Das war doch völlig sinnlos“, ist das Erste, was Walter Rupflin am Telefon sagt. Als Sprecher der IG kämpfte er einst an vorderster Front. „Wir haben es versucht, aber die Stadt setzte sich da durch. Und jetzt suchen sie überall in Stuttgart Wohnungen. Mehr will ich dazu nicht mehr sagen. Wenn ich nur daran denke, rege ich mich wieder auf.“ Er legt auf.
Vielleicht kippte es unwiederbringlich, als das Mannheimer Gericht die Klage der Anwohner auch im zweiten Verfahren ablehnt. „Die Mitglieder resignieren“, sagte Rupflin im Jahr 2001. Natürlich, rechtlich möglich wäre eine weitere Revision. „Irgendwann ist das aber auch eine Kostenfrage gewesen“, sagt Jürgen Dvorak heute. „Und ob wir Recht bekommen hätten, ist die nächste Frage.“
Ist ein Haus verkauft, wird es sofort abgerissen
Bereits vor dem Urteil hat die Stadt angefangen, Häuser und Grundstücke der Inselbewohner aufzukaufen. Über Preise will damals keiner sprechen. In einem Artikel heißt es, man höre, die Stadt zahle über dem Marktwert – in einem anderen darunter. Auch eine Firma, die bauen will, bietet mit. Was einer bekommt, reißt er ab. „Es ging immer schnell“, sagt Helmut Wirth. Er pfeift. „Eins nach dem anderen.“
Wer in den Abrisszahlen der vergangenen Jahrzehnte in Stuttgart nach Ausreißern sucht, stößt auf Feuerbach-Ost. 96 Wohnhäuser stehen dort noch im Schnitt zwischen 1986 und 1990. In den zehn Jahren danach werden 24 Wohngebäude plattgemacht. Weitere 15 fallen in den zehn Jahren darauf.
Vor einigen Jahren hat Walter Rupflin den Dvoraks einen Kalender geschenkt. Auf jedem der zwölf Blätter klebt das Foto eines einstigen Insel-Hauses: Sie stehen frei, kaum eines hat mehr als drei Stockwerke, fast alle umgibt ein Garten. Ein Holzhaus, grün bewachsen; an der Fassade eines anderen Hauses sehen die Rollladenkästen aus, als wären sie erst ausgetauscht worden.
„Das hier mit den Fensterläden war Rupflins Haus. War ein schönes Haus“, sagt Martina Dvorak und tippt auf ein Foto. „Das waren keine Ruinen, die meisten waren in einem guten Zustand“, sagt Jürgen Dvorak. „Ich kenn‘ jedes von denen. Hat schon wehgetan.“
„Man kann wohl sagen, wir sind die Letzten“
Vier Häuser sind von der Wohninsel zwischen Heilbronner Straße, Siegle- und Zimmerstraße geblieben: Das Haus von Jürgen und Martina Dvorak und schräg dahinter das Haus seiner Mutter. Auf der anderen Straßenseite wohne noch eine ältere Frau, die hier aufwuchs. Nebenan verfällt ein Haus, in dem seit Jahren keiner mehr zuhause sei.
„Früher waren wir oft bei Rupflins zum Kaffee. Die Kinder hier kannten sich, haben beieinander übernachtet“, sagt Martina Dvorak. „Oder wir haben im Sommer mit Nachbars gegrillt, Wein getrunken“, sagt Jürgen Dvorak. „Heute rennt ja jeder nur noch ins Geschäft. Am Zaun zehn Minuten schwätzen, das war mal so“, sagt sie. „Kontakt haben wir nur noch mit Rupflins“, sagt er. „Man kann wohl sagen, wir sind die Letzten“, sagt sie.
Die Luftbilder zeigen den Abriss der Nachbarhäuser der Dvoraks und den Bau der anliegenden Hotels. Foto: LHS Stuttgart, Montage: Jana Gäng, Illustration: Sebastian Ruckaberle
Wie alles angefangen hat, kann dagegen keiner mehr so richtig sagen. Warum fast alle verkauft haben, nachdem viele so lange ums Bleiben kämpften. Immerhin gilt der Bestandsschutz – das sagt Jürgen Dvorak, das bestätigt der damalige Anwalt der IG, das schreibt das Amt für Stadtplanung auf Anfrage. „Wir werden niemanden enteignen“, sagt Hans-Reinhard Schäfer von der Stadt schon damals, werde niemanden entmieten, niemanden zum Verkauf zwingen.
„Eigentlich hat die Stadt gar nichts gemacht“, sagt Jürgen Dvorak heute. „Außer manchen Leuten Angst“, sagt Martina Dvorak.
Makler sollen den Anwohnern Angst gemacht haben
Von den Maklern erzählen Helmut Wirth und die Dvoraks. Wer sie geschickt hat, wissen sie nicht. „Bei uns sind ein paar auf dem Gelände rumgeturnt“, sagt Jürgen Dvorak. „Das habe ich verboten. Bei meiner Schwiegermutter hat einer jeden Tag angerufen. Kein Interesse, habe ich gesagt. Wir waren immer standhaft.“ „Ein konkretes Angebot haben die uns auch nie gemacht“, sagt Martina Dvorak, „aber dem Nachbarn haben sie erzählt, da kommt ein McDrive hin. Riecht dann nach Pommes, ist laut und dreckig und so weiter.“ „Die Nachbarn hatten dann logischerweise Panik“, sagt er. „Das war ein älteres Ehepaar, die haben gesagt: Mit 60 müssen wir den Schritt wagen. Wenn wir älter sind, geht es nicht mehr und wer weiß, wie es dann ist“, sagt sie. „Gern ist keiner gegangen. Die meisten haben aber keine Kinder gehabt, die Interesse dran gehabt hätten, das zu erhalten und weiterzukämpfen. Bei uns war das anders. Wir waren immer ganz gelassen“, sagt er.
Irgendwann verkauft der Besitzer das Mietshaus, in dem der Vater Helmut Wirths lebt. Neue Nachbarn seien eingezogen, sagt Wirth: „Da hast du eine unkündbare Wohnung und auf einmal ist das Umfeld anders und nicht mehr zum Leben. Mein Vater hat sich nicht mehr zum Auto runtergetraut. Ich hab‘ ihm irgendwann eine andere Wohnung verschafft, ´99 war das circa.“ Kurz darauf fällt das Haus, sagt Wirth: „Das alte Viertel hat mein Vater nicht mehr angeguckt. Ist nie mehr runtergegangen.“
In der Schoberstraße ist Helmut Wirth wie bereits sein Vater aufgewachsen – hier links abgebildet im den 40er-Jahren. Die Straße gibt es nicht mehr. Heute stehen in der Gegend Firmengebäude. Foto: privat/Max Kovalenko/Lichtgut, Montage: Jana Gäng
„Als ein, zwei angefangen haben, ist es gebröckelt. Irgendwann war es eine Kettenreaktion“, sagt Jürgen Dvorak. Walter Rupflins Haus fällt im Jahr 2004. Heute fahren dort Autos durch eine Waschanlage. Auch darüber gibt es einen Artikel im Archiv: „Der letzte macht das Licht aus“ steht darüber.
Anwohner glauben, Pläne der Stadt sind nicht aufgegangen
Eingerahmt an der Wohnzimmerwand der Dvoraks hängt eine verblasste Luftaufnahme. Wiesen am Rand, groß und grau ballen sich dahinter die Straße, die Fabrikhallen, Unternehmensgebäude. Zwischen ein Häusernest mit Ziegeldächern. „70er Jahre“, sagt Jürgen Dvorak und nimmt das Bild von der Wand. „Das war unsere Wohninsel.“
An der Wohnzimmerwand der Dvoraks hängt ein eingerahmtes Foto, wie die Nachbarschaft in den 70er Jahren noch aussah. Foto: Jana Gäng
Eingekesselt von Hotels ist das Leben im Gewerbegebiet Feuerbach-Ost für die Dvoraks noch immer Idyll. „Doch, das kann man schon sagen“, sagt Martina Dvorak. „Gut, mit den Firmen ist mehr Verkehr und wenn Volksfest ist, ist es lauter. Aber ich bin in der Stadt groß geworden. Da ist es nie still. Brauchen wir auch nicht aufpassen, wenn wir mal eine Feier haben“, sagt sie. „Es ist nicht alles schlecht“, sagt Jürgen Dvorak, „mit der Stadtbahn ums Eck. Und die Heilbronner Straße ist attraktiver geworden. Ist immer noch ringsum grün, das können manche gar nicht glauben.“ „Nur ist nicht das passiert, was sie uns präsentiert haben“, sagt sie.
Hotels, Waschstraße, Kirche und Kreativwerkstatt statt Industrie
Wenn Helmut Wirth heute mit dem Auto durch Feuerbach-Ost fährt, ärgert er sich, obwohl er selbst lange vor den Abrissen weggezogen ist. „Zum Wohnen nicht mehr geeignet, hieß es. Aber da guckt man heut‘ auf Hotels. Das ist doch auch eine Form von Wohnen?“, sagt er. Im Zeitungsarchiv finden sich Vorwürfe ehemaliger Inselbewohner: Die Stadt hätte zu wenige Interessenten aus der Industrie, würde mit „Mafia-Methoden“ Baulücken produzieren – und dann Ausnahmen wie Autopalast oder Diskothek zulassen. In der Nachbarschaft steht heute auch eine Freikirche, eine Kreativwerkstatt für Menschen mit Behinderung.
Die Wohnhäuser abzureißen sei „Bodenvorratspolitik“, um den Flächenbedarf der Industrie später zu befriedigen, verteidigt eine Stadträtin die Abrisse im Jahr 2000. Auch wenn eine Autowaschstraße natürlich „nicht die Traumnutzung“ sei, wie es von der Stelle für Wirtschaftsförderung im Jahr 2004 heißt.
Feuerbach-Ost wandelt sich weg vom Produktionsstandort
Heute wandle sich Feuerbach-Ost weg von der Produktion, sagt Markus Hertner. Vor drei Jahren wurde er zuständiger Gewerbegebietsmanager: „Es geht jetzt in Richtung dienstleistungsbezogener und digitalisierter Wirtschaft.“ Ehemals ansässige Unternehmen wie Mahle, Leitz oder Flint produzierten wegen günstigerer Preise anderswo, hätten sich ganz zurückgezogen oder auf die Verwaltung reduziert.
Feuerbach-Ost sei im Wandel, heißt es auch beim Amt für Stadtplanung. Den Bebauungsplan von 1996 beschreibt man dort aber als wirkungsvoll: Er habe den Industrie- und Gewerbestandort langfristig gesichert, heißt es auf Anfrage. Bosch als stabiler Anker habe zuletzt expandiert. Es gebe Groß- und Mittelbetriebe vor allem aus Maschinen- und Fahrzeugbau. In der Magirusstraße habe sich Nokia Solutions einen Forschungs- und Entwicklungsstandort aufgebaut.
Martina und Jürgen Dvorak lieben ihren grünen Garten. Auch mit Hotels als Nachbarn wollen sie bleiben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
„Den Wohnraum hätte man trotzdem weiterhin haben können“, sagt Jürgen Dvorak, „zumal wir davon in Stuttgart zu wenig haben. Das ist ein Faktum. Vielleicht würden sie es heute auch anders entscheiden.“ „Das erleben wir nicht mehr, Jürgen“, sagt Martina Dvorak.
Im Jahr 2016 hat die Stadt einen neuen Bebauungsplan verabschiedet, um den Produktionsstandort zu sichern, schreibt das Amt für Stadtplanung. Flächen für produzierende Betriebe im Stadtgebiet würden noch immer gebraucht – und seien knapp.
Martina und Jürgen Dvorak wollen bleiben
Es klingt nicht so, als würde die Stadt heute etwas anderes entscheiden. Im Gegenteil: Es sei wichtig, dass Feuerbach-Ost ein reines Industrie- und Gewerbegebiet bleibe, heißt es. Wohnen wäre in diesem Kontext nicht denkbar. Die Thematik der einzelnen Häuser in der Magirusstraße sei bekannt, „der bauliche Zustand der Gebäude nicht zufriedenstellend.“
Vor Kurzem hat Martina Dvorak eine Anzeige gesehen, ein Zweifamilienhaus im Ortskern Feuerbachs. „Das wär‘ was für uns. Aber 1,3 Millionen Euro – ich glaub nicht, dass jemand so viel für das kleine Grundstück hier zahlt. Ein Angebot gab’s sowieso nie eines. Und jetzt halten wir aus, bis wir gestorben sind“, sagt Martina Dvorak. „Wir haben entschieden zu bleiben, bis gar nichts mehr geht“, sagt Jürgen Dvorak. „Uns bleibt ja auch nichts anderes übrig“, sagt sie. „Meine Wurzeln sind hier“, sagt er.
Ist Stuttgart eine Abrissstadt?
Serie In der Serie „Ist Stuttgart eine Abrissstadt?“ zeigen wir, wie viel in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten abgerissen worden ist, wie Abrisse das Stadtbild verändert haben und was das für die Menschen in Stuttgart bedeutet.