Hallschlag, 2023. Ein Mann sitzt auf der rückwärtigen Seite seiner Erdgeschosswohnung an einem kleinen Tisch. Dieser steht auf einem handtuchgroßen Randstreifen direkt am Haus. „Auf die kleine Rasenfläche davor darf ich den Tisch nicht stellen“, sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Das habe ihm die Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG) untersagt. Die Grünfläche sei, anders als die Terrasse, die zum Spielplatz hin zeigt, nicht Teil seiner Wohnung, so lautete die Begründung. Also steht ihm das kleine Stück Rasen, begrenzt von Hainbuchenhecken, die hier als Monokultur und Sichtschutz überall gepflanzt wurden, nicht zur Verfügung. Ein Mann ohne Rasen.
Dieses Beispiel zeigt, dass sich viel verändert hat im Hallschlag, in dem mehr als 7000 Menschen leben, davon 70 Prozent mit Migrationshintergrund. Die Bewohnerinnen und Bewohner leben in über 3000 Haushalten, rund 2200 dieser Wohnungen gehören der SWSG. Seit der Jahrtausendwende befindet sich der Hallschlag in einer Phase der Aufwertung; bis heute wurden rund 660 Wohneinheiten modernisiert, davon etwa 400 in bewohntem und rund 260 in unbewohntem Zustand. Es wurden oder werden aktuell 522 bestehende Wohnungen durch rund 850 neue Wohnungen ersetzt, heißt es von Seiten der SWSG.
Das Ziel ist freilich vor allem mehr Wohnungen zu schaffen, denn bezahlbarer Wohnraum ist gerade in Stuttgart rar und deswegen politisch gewollt. Doch wie meist geht der Prozess auch im Hallschlag nicht ohne Veränderungen vonstatten, die bei weitem nicht allen gefallen: Die Mieten steigen, die Freiflächen werden kleiner, das Gebiet wird gentrifiziert. Das bestreitet Saskia Bodemer-Stachelski, Teamleiterin Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit SWSG: „Die SWSG setzt seit über zwanzig Jahren auf durchmischte Quartiere, die der Stigmatisierung, und teilweise Gettoisierung, entgegenwirken: Frei finanzierte und öffentlich geförderte Wohnungen liegen Tür an Tür. Durch den heterogenen Wohnungsmix schaffen wir stabile Nachbarschaften.“ Ursel Beck, die dem Vorstand der Mieter- und Bürgerinitiative Hallschlag angehört, bezweifelt das. Ihrer Meinung nach „gehen seit Jahrzehnten gewachsene Strukturen verloren, die nachbarschaftlichen Beziehungen, der Rückhalt, das soziale Miteinander und das Gemeinschaftsgefühl.“
Das Gebiet ist geprägt von kleinen Einfamilienhäusern
Das vorerst letzte Bauvorhaben ist der Abschnitt Hallschlag Teilgebiet 6 (TG6), also das Gebiet zwischen dem Helga-Feddersen-Weg, der Straße Am Römerkastell, der Bottroper Straße und der Düsseldorfer Straße. Hier gibt es vor allem kleine Einfamilienhäuser, teils mit Terrasse, teils mit kleinen Lauben, oft mit einem gemeinschaftlichen Stück Rasen dazwischen, auf dem die Kinder spielen können oder die Wäsche aufgehängt wird. Die Nachbarn reichten sich hier bis vor einiger Zeit noch die Espressotassen über den Zaun, halfen sich gegenseitig, plauderten. Wie auch jener Mann, nennen wir ihn Alfonso R., der nun auf seinem handtuchgroßem Stück Randstreifen hinter dem Haus sitzt, und sein ehemaliger Nachbar Antonio Ciliberti.
Bodemer-Stachelski äußert sich auf Nachfrage zu den Grünflächen rund um die Neubauten: „Sie sind nicht Mietgegenstand einzelner Mieter oder Mieterinnen, daher sind darauf keine Gegenstände wie Grills oder Pavillons aufzustellen. Selbstredend dürfen die Grünflächen betreten werden.“ Jedenfalls ist Alfonso R. inzwischen ausgezogen. Der Abriss der Häuser wurde 2021 besiegelt, als Thomas Schüler (Düsseldorf) zusammen mit faktorgruen (Freiburg) den Architekturwettbewerb gewann. 108 Wohnungen sollten eigentlich bereits im Sommer 2022 abgerissen werden, um 320 neuen Platz zu machen. Dass der Abriss verschoben wurde, resultiert laut der SWSG aus dem Entmietungsprozess, der länger dauerte sowie aus Verzögerungen im Bebauungsplanverfahren. Der Abriss sei nun für Sommer 2024 geplant.
Besonders hohe Nachverdichtung
„Auf dieser Fläche ist eine besonders hohe Nachverdichtung möglich; die Wohnfläche wird sich von 6200 auf etwa 19 300 Quadratmeter mehr als verdreifachen. Damit schaffen wir dringend benötigten, bezahlbaren Wohnraum in Stuttgart“, sagt Saskia Bodemer-Stachelski. Die Idee mit dem Bestand zu arbeiten, statt ihn abzureißen – wie es sich viele Mieter und auch die Mieterinitiative ausdrücklich wünschen –, sei geprüft worden: „Die Altbauten mit nicht mehr zeitgemäßen Grundrissen weisen hierfür jedoch eine zu schlechte Bausubstanz auf“, sagt Bodemer-Stachelski.
Den Mietern wurden individuelle Alternativen angeboten, Alfonso R. etwa eine Wohnung in einem der Neubauten. Er habe zwei Töchter, für die er zu sorgen habe, also habe er das Angebot angenommen, obwohl er jetzt deutlich mehr zahlen müsse: Statt 900 Euro zahle er nun 1200 Euro Warmmiete.
Zudem ist Alfonso R. sehr unglücklich über den letztlich doch unfreiwilligen Wechsel vor rund 15 Monaten. „Ich habe unter mir eine Heizung und neben mir an der Außenwand das Heizungsrohr“, sagt er. Das Blockheizkraftwerk mit Sauerstoffzufuhr über ein Rohr an der Außenmauer des Gebäudes sei „laut wie ein Dieselmotor“, der ganze Wohnungsboden vibriere. Weder er noch seine Familie hätten je ihre Ruhe. „Meine ältere Tochter studierte in Stuttgart, jetzt ist sie nach Aalen gewechselt, um dort bezahlbaren Wohnraum zu finden – und vor allem ihre Ruhe“, sagt Alfonso R. Seine jüngere Tochter sei immer die Beste in der Klasse gewesen, sagt er stolz und zeigt eine Mappe mit Auszeichnungen. Inzwischen seien ihre Leitungen deutlich abgesackt.
Sein ehemaliger Nachbar Antonio Ciliberti hört nachdenklich zu. Er selbst weigert sich bis heute standhaft, aus seinem 88 Quadratmeter großen Häuschen auszuziehen – wie noch zwei weitere Mietparteien. „Ich wohne seit 20 Jahren hier und habe als Mieter insgesamt 20 000 Euro in die Renovierung des Hauses investiert“, sagt er. Vor allem aber habe er von der SWSG ein Angebot bekommen, das seine finanziellen Mittel deutlich übersteige: „Ich müsste für die andere Wohnung statt 900 Euro 1500 Euro Warmmiete zahlen – so hoch ist gerade einmal meine Rente“, sagt Ciliberti.
Die Mieter bangen auch um die Natur rund um ihre Häuser
Auch Silvana Argiolas wohnt noch da. Der 67-Jährigen, die demnächst in Rente geht, seien bisher keine passenden Angebote gemacht worden, sagt ihre Tochter Marcella. Argiolas wohnt mit ihrem Sohn und einem Enkelsohn in dem kleinen Haus. Das soll am besten auch so bleiben, denn obwohl ihr Enkel bereits 18 Jahre alt ist, sei er recht unselbstständig – und Argiolas braucht die Unterstützung ihres Sohnes. Doch eine Wohnung für alle zu finden scheint schwierig zu sein.
Alle drei verbleibenden Mieter haben laut Ursel Beck inzwischen eine Kündigung auf Februar 2024 erhalten. Sie bangen um ihre Zukunft. Zumindest bei Ciliberti könnte der Fall vor Gericht landen, vermutet sie. Aber die Mieter und Beck bangen auch um die Natur rund um ihre Häuser, um den alten Baumbestand und die Grünflächen. „Wir hatten hier Igel, Eichhörnchen und Papageien“, sagt Alfonso R. Die Versiegelung der Flächen tut allen im Herzen weh. „Im Spannungsfeld zwischen der Schaffung von mehr bezahlbarem Wohnraum und einer ökologisch nachhaltigen Quartiersgestaltung sind wir bestrebt, beiden Zielen gerecht zu werden. Wir werden möglichst viele Flächen unversiegelt herstellen, Teile des Baumbestands erhalten und zudem Dach- sowie Fassadenflächen begrünen“, sagt Bodemer-Stachelski. Fußball spielen kann man dort allerdings nicht.