Abrissgegner aus Stuttgart Warum machen Abrisse viele Stuttgarter so emotional?

Bei Stuttgart 21 waren Abrisse einer von mehreren Protestgründen; der Journalist und Fotograf Wilfried Dechau hat Abrisse mit der Kamera dokumentiert. Foto: privat/Michael Steinert; imago/PPfotodesign; privat / Collage: Jana Gäng

Die Parkschützer bei Stuttgart 21, der Fotograf Wilfried Dechau und Daniel Weiss von Abriss-Watch auf Facebook: Einige Abrissgegner haben es in der Stadt zu einem gewissen Ruhm gebracht. Hier erzählen sie, warum sie das Thema so umtreibt.

Psychologie/Partnerschaft: Florian Gann (fga)

Am 25. August 2010 frisst sich ein Bagger in die Fassade des Nordflügels am Stuttgarter Hauptbahnhof, dieser Teil des Bonatzbaus muss für Stuttgart 21 weichen. Vor den Bauzäunen, abgesichert von einer Polizeikette, brüllen Demonstranten gegen den Abriss an. Protestrufe, Polizeidurchsagen, das Krachen der alten Mauern des Bonatzbaus, sie ergeben einen Abriss-Soundtrack, der so in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten nicht oft zu hören war. Emotional aufgeladen sind die Abrisse von ikonischen Gebäuden gleichwohl immer wieder einmal.

 

Eigentlich ist es ein gutes Zeichen, wenn sich Menschen in einer Stadt über Abrisse ärgern. Einem schönen, bekannten Gebäude würden immer viele Menschen nachtrauern, sagt der Architekturpsychologe Harald Deinsberger-Deinsweger aus Graz. „Wenn ich mich aber mit einem Ort identifiziere, ihn als mein Quartier sehe, dann wird die Bindung noch stärker – weil im Falle eines Abrisses ein identitätsstärkender Faktor der eigenen Persönlichkeit verloren geht“, sagt Deinsberger-Deinsweger. Das heißt: Das Stadtbild bedeutet Identität, und werden Teile davon niedergewalzt, könne das Trauer und ein Gefühl des Kontrollverlusts auslösen, so der Psychologe.

Trauer und auch Wut haben auch viele Stuttgarterinnen und Stuttgarter durch die vielen Abrisse in der Stadt erlebt. Einige Abrissgegner haben es hier zu einem gewissen Ruhm gebracht. Der Architekt, Journalist und Fotograf Wilfried Dechau sorgte 2016 mit der Ausstellung „Stuttgart reißt sich ab“ für viel Aufsehen, bald soll es eine Nachfolgeausstellung geben. Daniel Weiss dokumentiert in seiner Facebook-Gruppe „Abriss-Watch“ penibel, welche Gebäude mit einer gewissen Geschichte in Stuttgart plattgemacht werden. Und natürlich kommt man beim Thema Abrisse nicht um Stuttgart 21 herum, Matthias von Herrmann von den Parkschützern hat etwa den Abriss des Nordflügels des Bonatzbaus am Hauptbahnhof als polarisierenden Moment erlebt. Wir haben mit ihnen gesprochen, um herauszufinden: Was treibt sie an, sich mit Abrissen auseinanderzusetzen? Was macht sie besonders schmerzlich?

Wilfried Dechau: Mit der Kamera Abrissen auf der Spur

Wilfried Dechau kommt mit roter Wollmütze, die knapp über den Ohren endet, und Brille mit dickem Rahmen ins italienische Restaurant am Stöckach, er würde damit auch in ein Hipster-Café passen. Der 79-Jährige streckt einem die Hand zum Gruß hin, ein Lächeln im Gesicht, ein kurzes Hallo zum Wirt, und dann, freundlich und bestimmt, geht es auch gleich los mit dem Thema, weswegen er hier ist: gute Architektur und ihr Verschwinden. Dechau hat beides mit der Kamera festgehalten, bedeutende Gebäude und Abrisse in Stuttgart. 2016 entstand daraus die Ausstellung „Stuttgart reißt sich ab“ in der Architekturgalerie am Weissenhof.

Wilfried Dechau /Wilfried Dechau

Er sei nicht generell gegen Abrisse, sagt Dechau. „Wenn das, was stattdessen gebaut wird, gute Architektur ist, lässt sich ein Abriss auch rechtfertigen“, sagt er. Aber ihm fallen eher Beispiele ein, bei denen das nicht so war. „Die Stadtbibliothek ist innen grandios und außen okay. Alles andere in dieser Achse“, er meint das Europaviertel, „ist niederschmetternd.“ Und weiter: „Es tut weh um das alte Innenministerium“, sagt Dechau. Das hätte sich gut modernisieren lassen. Heute befindet sich dort das Dorotheenquartier, einen Bau, den er maximal okay findet. Er trauert um die Auferstehungskirche, wo heute das Gerber steht, und ein Verfechter von Stuttgart 21 ist er auch nicht. Er redet energisch bei diesen Themen, seine Hände verraten, dass er sich aufregt. „Städte werden nicht so gebaut, wie es sich Architekten wünschen, sondern wie es Investoren wünschen“, sagt Dechau.

Der ausgebildete Architekt sagt, es liege am Berufsethos, dass er sich empören könne: „Architektur ist ein Beruf, der erwartet Begeisterungsfähigkeit von dir. Und damit geht einher, dass man sich entsetzen kann.“ Es gehe ihm darum, dass gute Architektur erhalten bleibt – und um Nachhaltigkeit. Es sei oft nachhaltiger, alte Gebäude zu sanieren und weiterzuverwenden, sagt Dechau. Ein Punkt, auf den etwa auch die Gruppierung Architects for Future immer wieder hinweist.

Dechau, der seit ein paar Jahren in Neustadt an der Weinstraße wohnt, war bis 2004 16 Jahre lang Chefredakteur der Deutschen Bauzeitung in Stuttgart, danach widmete er sich seiner Leidenschaft, der Architekturfotografie. Er hatte die Galerie f75 am Marienplatz betrieben und eine Reihe von Bildbänden veröffentlicht, in der Regel über beachtenswerte Bauwerke, nicht über Abrisse. Aber gerade kommt er zu dem Thema zurück. Für kommendes Jahr plant Dechau eine Nachfolgeveranstaltung zu „Stuttgart reißt sich ab“; Arbeitstitel: „Stuttgart baut sich neu“. Er sieht sich dafür an, was anstelle des Abgerissenen nachgekommen ist. Die ersten Beispiele? Etwa ein rechteckiger Klotz, der den alten Anbau an der Kirche in der Hackländerstraße im Stuttgarter Osten ersetzt. Dechau spricht er von einer „Banalität des Neuen“.

Daniel Weiss: Eine Facebook-Gruppe gegen das Abrissvergessen

Irgendwann im Jahr 2015 fährt Daniel Weiss an einem älteren Gebäude vorbei, es ist etwas baufällig, aber es gefällt ihm. Er knipst Fotos und stellt sie auf Facebook. „Es war kein besonderes Gebäude, aber gerade auch viele ältere, unscheinbare Gebäude machen eine Stadt aus“, sagt Weiss. Es ist der Start seiner Gruppe „Abriss-Watch Stuttgart“.

Seither postete Weiss, 31 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Stuttgart, hunderte Bilder von Gebäuden, die kurz davor stehen, platt gemacht zu werden. Oder von etwaigen Bausünden, die auf Abrisse gefolgt sind. Etwa 2000 Menschen folgen seiner Facebook-Gruppe, er ist Anlaufstelle für eine eingeschworene Gruppe von Menschen, die einen kritischen Blick auf die Abrisse in der Stadt werfen.

Daniel Weiss Foto: privat

„Abrisse sind ein emotionales Thema für mich. Wenn ein Haus 100 oder 200 Jahre steht, ist es auch Teil der Stadtgeschichte und des Stadtbildes“, sagt Weiss. Die schlimmste Abrisssünde Stuttgarts sind für ihn die alten Wohnhäuser in der Pragstraße. „Das waren stadtbildprägende historische Häuser“, sagt der gelernte Speditionskaufmann. Und auch er nennt den Abriss der Auferstehungskirche. „Das fand ich skandalös. Ich dachte, eine Kirchen abreißen, das geht gar nicht“, sagt Weiss. Via Facebook den Abrissen nachzugehen ist sein Hobby, dauerhaft wolle er sich nicht damit beschäftigen, dazu sei das Thema zu negativ. „Es ist jetzt nicht so, dass ich depressiv davon werde, aber es ist schon traurig.“

Was will Daniel Weiss mit seiner Gruppe bewirken? „Ich hatte mir Gedanken gemacht: Wenn etwas abgerissen wird, was bleibt dann? Ich will die Gebäude auch für die Nachwelt festhalten“, sagt er. Er habe noch mehrere Tausend Fotos gespeichert. Der Stoff dürfte ihm also nicht ausgehen.

Matthias von Herrmann: Stuttgart 21 verändert das Gesicht der Stadt

Wenn es um Abrisse geht, kommt man nicht an Stuttgart 21 vorbei. Und Matthias von Herrmann ist einer der bekannteren Köpfe unter Gegnerinnen und Gegnern des Bahnprojekts. Er war in der heißen Phase des Protests als Sprecher der Parkschützer ein gefragter Gesprächspartner der Medien. Er sieht den Abriss des Nordflügels des Bonatzbaus, mit dem am 25. August 2010 begonnen wurde, als wichtige Wegmarke unter den S21-Gegnern. Bis dahin sei man zwar massiv dagegen gewesen, „aber man hat gehofft, dass es an einem vorbeizieht“, sagt von Herrmann. Dazu die starke Symbolik einer Baggerschaufel, die wie ein riesiges Krokodilmaul das Gebäude Stück für Stück verschlinge. „In der Bewegung hat das viele Leute emotional tief getroffen“, sagt von Herrmann.

Matthias von Herrmann Foto: privat

Natürlich ging es bei Stuttgart 21 um mehr als nur Abrisse. Die Kosten, das Vorgehen der Entscheidungsträger, der infrage gestellte Nutzen. Das sei auch für ihn im Mittelpunkt gestanden, sagt von Herrmann. Aber vielen sei es durchaus auch darum gegangen, etwas zu bewahren. Manche hätten gewollt, dass auch der Nord- und Südflügel des Bonatzbaus erhalten bleibt. Andere hätten sich für den Parkerhalt eingesetzt. Und wieder andere seien dagegen gewesen, dass funktionierende Bahn-Infrastruktur abgerissen werde. Das alles sei „Zerstörung von einem Gemeingut“, sagt von Herrmann.

Aber ein unterirdischer, möglicherweise als eng empfundener Bahnhof, könnte auch das Gesicht der Stadt verändern, sagt Matthias von Herrmann. Er ist etwa ein Fan des Münchner und des Frankfurter Hauptbahnhofes. „Das ist weit und großzügig“, sagt von Herrmann. Man habe die Wahrnehmung einer großen, mächtigen Bahnhofshalle. „Ich finde, das hat Großstadtcharakter. Es wirkt weltoffen und umtriebig, gleichzeitig ist es funktional,“ sagt von Herrmann. „Das alles wird man bei Stuttgart 21 nicht finden.“

Was hinter der Abrisswut steckt

Der Architekturpsychologe Deinsberger-Deinsweger sagt, dass bei umstrittenen Abrissen meist die Ästhetik diskutiert werde. Aber eigentlich ginge es darum, die Bedürfnisse der Menschen zu erfüllen und ihnen eine gewisse Kontrolle über die Gestaltung der Stadt zu geben. „Wenn man will, dass sich Personen mit Neuem abfinden, sollte man Möglichkeiten anbieten, mitgestalten zu können“, sagt Deinsberger-Deinsweger. „Entsteht auf diese Weise Identifikation, fühlen sich die Menschen eher verantwortlich für das, was dort passiert“, sagt Deinsberger-Deinsweger.

Ist Stuttgart eine Abrissstadt?

Abrissgegner
Viele Menschen haben sich in Stuttgart schon für den Erhalt bestimmter Gebäude eingesetzt. Neben dem 2018 verstorbenen Architekten Roland Ostertag etwa die Leute vom Verein zur Erhaltung historischer Bauten oder dem Verschönerungsverein Stuttgart. Der Unternehmer Peter Seydelmann ließ mitunter Gebäude abtragen und anderswo wieder aufbauen, um historische Substanz zu erhalten. Und der Architekt Werner Sobek macht immer wieder darauf aufmerksam, dass die Sanierung bestehender Gebäude meist nachhaltiger ist als ein Abriss und anschließender Neubau.

Serie
In der Serie „Ist Stuttgart eine Abrissstadt?“ zeigen wir, wie viel in Stuttgart in den vergangenen Jahrzehnten abgerissen worden ist, wie Abrisse das Stadtbild verändert haben und was das für die Menschen in Stuttgart bedeutet.

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