Absage an Stuttgarter Schwulenbar Limonade nur für Heteros

Von Eva Tilgner 

Ein bayerischer Limonadenhersteller erteilt der Stuttgarter Boots Westernbar bei einer Bestellung eine Absage. Die Begründung: es sei für das Image der Limo nicht sinnvoll, in einer Schwulenbar erhältlich zu sein. Die Folge: ein ordentlicher Shitstorm in den sozialen Netzwerken.

In der Boots Westernbar fühlen sich sowohl schwule, lesbische als auch heterosexuelle Gäste wohl.  Die Waldmeisterlimonade „Phantasia“ will hier keiner mehr. Foto: Boots Westernbar
In der Boots Westernbar fühlen sich sowohl schwule, lesbische als auch heterosexuelle Gäste wohl. Die Waldmeisterlimonade „Phantasia“ will hier keiner mehr. Foto: Boots Westernbar

Stuttgart - „Es war ein totales Missverständnis“, jammert der Jungunternehmer Markus Kern. Dabei hatte der 25-Jährige bei der Markteinführung der Limonade „Phantasia“ alles richtig machen wollen. Mit der Mindestmenge von 19.000 Dosen sollte der Markt im Februar 2015 getestet werden. „Wir haben sechs Supermärkte, ein Wirtshaus und ein Café mit dem brandneuem Erfrischungsgetränk beliefert.“ Auch im Stuttgarter Raum warb die TMW Kern GbR aus Füssen für die grüne Waldmeister-Brause.

Als bei Kern eine Bestellung über eine Probekiste mit 24 Dosen von der Boots Westernbar in Stuttgart auf dem Schreibtisch lag, machte er den entscheidenden Fehler: Er lehnte ab. Per E-Mail: „Nach kurzer Recherche bin ich darauf gestoßen, dass die Boots Westernbar eine Schwulenbar ist – kann das sein? In dem Fall wäre es für uns nicht sinnvoll dort erhältlich zu sein“, lauten die Worte in seinem Anschreiben, das die Gemüter in den sozialen Netzwerken zum Kochen bringt. Als die verärgerten Betreiber der Boots Westernbar den Mailtext auf ihrer Facebook-Seite veröffentlichen, schwappt ein Shitstorm nach Bayern, der die Familie von Kern überrascht.

„Wir haben doch gar nichts gegen Homosexuelle“, versichert Markus Kern. Sein Ziel sei es lediglich gewesen, das Image der „Phantasia“- Waldmeisterlimo aus dem Nachtleben heraus zu halten. Die grüne Limonade des kleinen Familienunternehmens sollte vor allem Kinder, Familien und im Freizeitbereich erfrischen. „Hätte ein Striplokal an uns eine Bestellung abgeschickt, hätten wir genauso reagiert – weil wir eben ein ganz kleines Start-Up-Unternehmen sind mit nur einem Produkt.“

Ein konkretes Beispiel der Diskriminierung

Markus Kern, der unglückliche Geschäftsführer und noch Student, versteht die Welt nicht mehr. Andere dagegen schon: „Es geht um mehr als nur die Ablehnung der Limonaden-Bestellung – es geht um einen Querschnitt durch das Verhalten der deutsche Gesellschaft“, sagt Christoph Michl, Pressesprecher des Christopher Street Day in Stuttgart. Ob es sich um eine Wohnungs- oder Jobsuche oder eben auch um eine Limonadenbestellung handle, sobald man sich als schwuler oder lesbischer Mensch „oute“, sei mit Diskriminierung zu rechnen. Oft würde die Diskussion um die Gleichbehandlung der Homosexuellen über Gesetzestexte und Personen abstrakt geführt.„Jetzt haben wir ein konkretes Beispiel, wie man bei uns mit Schwulen und Lesben umgeht“, erklärt Michl.

Beleidigungen und sogar Morddrohung in den sozialen Netzwerken als Reaktion auf die Email-Absage des Limonadenanbieters gingen aber entschieden zu weit. „Man muss sich hüten, auf Menschen einzuschlagen, auch wenn die sachliche Kritik an dem Marketing des Managements berechtigt ist“, hält Michl fest. Am Ende entscheiden doch die Verbraucher mit ihrem eigenen Konsum über den Erfolg eines Produktes. „Gerade die homosexuellen Szene verfolgt genau, wer sie unterstützt und wer nicht. Um diese Limonade würde ich jedenfalls einen Bogen herum machen.“

Der Verbraucher entscheidet über Markenerfolg

Und da ist er nicht der Einzige. In der Kneipe der Boots Westernbar ging es am Dienstagabend hoch her. „Bei unseren Gästen war die Phantasia-Limonade das Gesprächsthema Nummer Eins“, sagt Thomas Derwitz, der im Heusteigviertel unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit der Western Bootsbar zuständig ist. Seit drei Jahren arbeitet er mit dem Inhaber und seinem Lebenspartner Günter Anders im laufenden Betrieb des Clubs. Von Anfang an waren auch Frauen und Heteros willkommen. „Uns ist egal, was für eine sexuelle Ausrichtung unsere Gäste haben“, hält Derwitz fest. Um so mehr hat ihn die Formulierung der Absage von Phantasia getroffen: „Der Unterton des Textes war: ‚Wir verkaufen nicht an Schwule’ – Ich war echt wütend“, erzählt Derwitz. Mit der Welle, die die gepostete Emailkopie bei Facebook auslöste, hat er aber nicht gerechnet. „Wir haben Nachrichten von Heteros aus Österreich und vom Bodensee bekommen, die sagen, sie wollen niemals diese Limonade trinken.“

Rechtliche Schritten kommen für Derwitz und seinen Lebenspartner nicht in Frage. Gegenwind erwartet die TMW Kern GbR direkt aus dem Bundestag: Der Abgeordnete der Grünen, Volker Beck, forderte auf seiner Homepage die Antidiskrimierungsstelle des Bundes um Überprüfung des Geschäftsverhaltens auf. Die Brause-Firma versucht unterdessen den Scherbenhaufen zusammenzukehren: Bei dem Lesben- und Schwulenverband (LSVB) stellte sie eine Spende in Aussicht. Für Thomas Derwitz wäre das Geldgeschenk eine Geste, die eher ankommt als Gratisproben von den Phantasia-Dosen. „Die würde ich hier sowieso nicht mehr losbekommen.

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