Abschied einer Radiolegende in Stuttgart Warum Matthias Holtmann ein Jahr lang im Krankenhaus war

Radiolegende Matthias Holtmann tritt am 18. Mai ein letztes Mal bei „Pop & Poesie“ auf dem Stuttgarter Schlossplatz auf. Foto: /SWR

Als ob die Parkinson-Erkrankung, gegen die er seit 2009 kämpft, nicht schlimm genug wäre. Herz-OPs und eine Sepsis zwangen Matthias Holtmann, ein Jahr lang in Kliniken zu verbringen. Beim SWR-Sommerfestival verabschiedet er sich – und macht doch weiter.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Sein Leben, sagt Matthias Holtmann, hat „auf Messers Schneide“ gestanden. Vor einem Jahr konnte der legendäre Radiomann nicht beim SWR-Sommerfestival in Stuttgart auftreten, wo die Reihe „Pop & Poesie in Concert“, die er vor 16 Jahren erfunden hat, wieder einmal für einen ausverkauften Schlossplatz sorgte. Damals hieß es offiziell, krankheitsbedingt müsse „Matze“, wie ihn all nennen, pausieren.

 

Das Publikum dachte, dies liege an seiner Parkinson-Erkrankung, die Holtmann öffentlich gemacht hatte, sowie den Kampf dagegen, um ein Vorbild zu sein und Betroffenen Mut zu machen. Doch mit seiner alten Erkrankung hatte sein langer Ausfall gar nichts zu tun, wie er heute unserer Redaktion verrät. Holtmann litt in der Zeit an einer weiteren schweren Krankheit.

„Meine Arbeit hält mich am Leben“

„Dank der Medikamente habe ich Parkinson im Griff“, sagt der 73-Jährige. Jetzt war es das Herz, das ihm lebensbedrohliche Probleme brachte. Er musste im Katharinenhospital in Stuttgart operiert werden, bekam einen Bypass und Stents gelegt – und wurde danach von einer schweren Sepsis befallen. Die bisher schlimmste Leidenszeit seines Lebens währte ein Jahre lang, die er im Krankenhaus und in einer Rehabilitationsklinik verbrachte.

Matthias Holtmann hat überlebt, auch wenn es lange Zeit nicht danach aussah. Der Matze wäre nicht der Matze, würde er nicht wieder Pläne schmieden und in die Zukunft blicken. „Meine Arbeit und die Musik halten mich am Leben“, betont Holtmann.

Erst einmal nimmt er Abschied. Am Samstag, 18. Mai, wenige Tage vor seinem 74. Geburtstag, wird die „Stimme des Südens“, wie man ihn einst genannt hat, ein letztes Mal mit Pop & Poesie auf der Bühne stehen. Gespielt wird die Show „Power of Love“. Vor 16 Jahren hat Holtmann das Format erfunden. „Jetzt wird es Zeit, dass jüngere Leute den Stab übernehmen“, findet der frühere SWR 3-Musikchef, der für seine Kreativität und seine Schlagfertigkeit berühmt ist. Auf die Frage, ob es ihm schwerfällt, antwortet er mit einem „Jein“.

Als sich der gebürtige Nordrhein-Westfale im Jahr 2015 nach 36 Jahren beim SDR und SWR in den Ruhestand begab, tourte er noch weiter eifrig mit „Pop & Poesie in Concert“ durchs Land, mit einem Ensemble, das Hits der Popgeschichte live interpretiert, zu denen Schauspielerinnen oder Schauspieler dann die Texte übersetzen. Nun aber will der Erfinder Schluss machen und ein letztes Mal das Publikum überraschen. „Zum Finale werde ich das Janis-Jopin-Lied ,O Lord, would you buy me a Mercedes Benz’ mit einem neuen Text singen“, verrät er.

Seine neue Show heißt „Matzedonien“

Bestimmt werden bei diesem Abschied Tränen fließen, im Publikum wie auf der Bühne. Matze will zwar mit diesem Format aufhören, hat aber schon ein neues erfunden. „Matzedonien – die Matthias-Holtmann-Show“, so heißt das Programm, mit dem er künftig mit einer Band auf Tour gehen wird.

Holtmann, Vater von vier Söhnen im Alter von zehn bis 44 Jahren, ist fünf Tage jünger als der Kollege Thomas Gottschalk. Ihr Jahrgang ist derselbe, ihr schnoddriger Ton ist ähnlich. Im Radio haben sie beim Plaudern Dampf gemacht und viel Unsinn rausgehauen. Aber beide sind gebildet genug, um auch mal Quatsch mit Geistreichem zu verbinden. Für frischen Wind in der deutschen Radiowelt sorgten die zwei – der eine in München, der andere in Stuttgart.

Matze, der schnelle Autos liebt, nun aber seinen letzten Sportwagen verkauft und sich „aus Umweltschutzgründen“ ein kleines Fahrzeug zugelegt hat, führte ein rasantes Leben. „Der Terminkalender war stets voll“, sagt er, „wir haben nach vorn geschaut.“ In diesem hohen Tempo sind 36 Jahre beim SDR und SWR viel zu schnell vorbeigegangen.

Sein Glück war es, dass seine große Zeit in die Ära fiel, als es noch Radiostars gab – heute bei der großen privaten Konkurrenz gibt es sie nicht mehr. Damals konnte man Bands nach oben bringen – heute sind die Programme formatiert und werden in Feldforschungen auf deren Hit-Tauglichkeit geprüft.

„Wenn es dir schlecht geht, pfeif dir eins“

Für Gänsehautmomente sorgte Matze im Jahr 2022 bei seinem letzten Auftritt beim SWR-Sommerfestival, als er die Übersetzung des Monty-Python-Songs „Always look on the bright side of life“ vortrug. Der Mensch habe kein Recht auf Unversehrtheit, sagte er und rief dazu auf, immer „auf die hellen Seiten des Lebens“ zu schauen. Sein Rat: „Wenn es dir schlecht geht, pfeif dir eins.“

Ein Jahr lang hat er sich den Krankenhäusern „eins gepfiffen“ und sich gefreut, dass er oft vom Ärzte- und Pflegepersonal erkannte wurde. „Man hat mich nur an der Simme erkannt“, erzählt er. Lügen würde er, wenn er sich nicht darüber freuen würde.

Ein emotionaler Abend dürfte Holtmanns Finale bei „Pop & Poesie in Concert“ am 18. Mai auf dem Schlossplatz werden. Am selben Tag wird in der MHP Arena das Saisonfinale des VfB gefeiert. Die Fußballer sind in die Champions League aufgestiegen – in der Radio-Liga der Besten ist Matze schon lange.

SWR-Sommerfestvial

Schlossplatz
Vom 17. bis 20. Mai 2024 veranstalten der SWR und das Land Baden-Württemberg das SWR-Sommerfestival auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Auf der Festivalmeile gibt es tagsüber Mitmachaktionen für die ganze Familie bei freiem Eintritt. Mit dabei sind unter anderem Sänger Max Giesinger und Youtube-Star Sally Özcan (Sallys Welt). Sie sind am 18. Mai um 14.40 Uhr auf der kleinen Festivalbühne zu Gast beim SWR3 Live-Podcast „1 plus 1 – Freundschaft auf Zeit“. An drei Abenden locken zudem große Shows das Publikum an die Bühne vor dem Neuen Schloss. Zu diesen Shows gibt es vereinzelt noch Tickets. Premiere im Rahmen des Festivals hat in diesem Jahr der ARD-Familientag am 20. Mai von 12 bis 18 Uhr bei freiem Eintritt.

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