Abschied von Talkshow Anne Will und ihre Killerfrage
Zum Abschied nach 16 Jahren „Talken“ in der ARD lässt die Moderatorin Anne Will in ihre Trickkiste blicken – und verrät, wann sie nervös wird.
Zum Abschied nach 16 Jahren „Talken“ in der ARD lässt die Moderatorin Anne Will in ihre Trickkiste blicken – und verrät, wann sie nervös wird.
Ja, diese Ruhe und Gelassenheit, diese Souveränität, die sie ausstrahlt, der warme Tonfall, das ist ihr Markenzeichen, aber ständig lässt sich das nicht durchhalten. In einer ihrer letzten Sendungen platzte ihr mal der Kragen: „Das ist ein anderes Thema!“, fauchte Anne Will, als in der Talkrunde „Zerbricht die Regierung?“ vor zwei Wochen die Politiker Johannes Vogel (SPD) und Alexander Dobrindt (CSU) wegen der Migration munter durcheinanderquasselten, erhob sich aus ihrem weißen Ledersessel und breitete die Arme aus, wie eine Henne, die mit Flügelschlagen ihre Küken wieder einfangen will und erteilte einem dritten Studiogast das Wort für die Eingangsfrage mit der Begründung, „damit ich einen guten Schluss in der Sendung habe“.
Am Sonntagabend ist Schluss nach 16 Jahren auf einem der besten Sendeplätze, die die ARD zu bieten hat, es wird ihre letzte „Anne Will“ ausgestrahlt. Direkt nach dem „Tatort“ hat Anne Will mit ihrer eigenen Firma in einem Studio in Berlin-Adlershof 500 Gesprächsrunden live moderiert. Es war eine Erfolgsserie, sie begann beim Start mit durchschnittlich fünf Millionen Zuschauern und erzielt derzeit noch 3,6 Millionen. In den Zeiten abnehmenden TV-Konsums eine gute Quote. Immer mittwochs hat Anne Wills Team mit den Planungen begonnen: Ihr Team spiegelte auf einem Whiteboard mögliche Gäste und Themen, doch bei aktuellen Ereignissen sind die Pläne über Bord geworfen worden, so wie nach dem Marsch der Wagner-Truppen Ende Juni auf Moskau, als Anne Will noch am Samstag umdisponierte und Sonntag über den „Machtkampf in Russland“ reden ließ – die Sendung erzielte die höchste Einschaltquote des Jahres.
Anne Will war anfangs Radioreporterin für den Sender Freies Berlin, sie wurde 1999 mit 33 Jahren die erste Moderatorin der „Sportschau“ mit der Begründung, dass sie begabt, intelligent und „hübsch“ sei. Aber dieser „Hübsch-Zusatz“ sei auch damals schon kritisiert worden, sagt Anne Will, reduziere er Frauen doch nur auf das Äußere. Später moderierte sie die „Tagesthemen“ und löste im September 2007 Sabine Christiansen mit ihrer Talkrunde am Sonntagabend im Ersten ab. Über ihr Privatleben spricht Anne Will wenig – bekannt ist nur ihre drei Jahre währende eingetragene Lebenspartnerschaft mit der Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel –, über ihre journalistische Methode aber umso mehr: „Sagen, was ist. Gründlich recherchieren, Sorgfalt kommt vor Schnelligkeit und selbstverständlich die andere Seite hören“, sagte sie unserer Zeitung. Und: „Nicht nachtreten, kurze präzise Fragen stellen.“
Etwas tiefer in ihre Trickkiste ließ Anne Will kürzlich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ und einem Livepodcast der „Zeit“ blicken. Man müsse den ersten Gast mit einer klaren Frage konfrontieren, die schon die Gegenposition des zweiten Gastes enthalte, sagte sie. Dem zweitem stelle man dann die Frage: „Überzeugt Sie das?“ Und schon habe man einen Kleinstkonflikt produziert – ein simples Strickmuster. Und wenn einer beharrlich eine Antwort verweigere, stelle sie nach der dritten Fragewiederholung die „Killerfrage“, so Anne Will: „Warum wollen Sie eigentlich nicht antworten?“ Danach lasse sie es aber gut sein. Aber auch die Politiker – sie stellten 60 Prozent ihrer Studiogäste, ein Maximalwert – können Waffen auffahren. In der Anfangszeit ihrer Sendung wurde sie einmal von einem „Spitzenpolitiker“ kurz vor dem Einschalten der Mikrofone mit den Worten konfrontiert: „Na, läuft wohl gerade nicht so gut bei Ihnen? Die Quoten sind ja ganz schön im Keller“, für die Journalistin ein klarer Versuch der Einschüchterung.
Lampenfieber kennt die Moderatorin laut eigenem Bekunden nicht, aber eine gewisse Nervosität habe sie stets bei Einzelinterviews: „60 Minuten können ganz schön lang sein“, sagt sie. Viermal hat sie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) interviewt, einmal Kanzler Olaf Scholz (SPD). Die Merkel-Gespräche trugen ihr Kritik ein, die „Neue Zürcher Zeitung“ sprach von „Herrschaftsfernsehen“ und bezeichnete sie als „Kanzlerflüsterin“. Anne Will lässt das nicht gelten: „Es gibt etliche Sendungen, die mir in sehr positiver Erinnerung geblieben sind. Dazu gehören sicherlich die Einzelinterviews mit Angela Merkel.“ Auch jüngere Sendungen empfindet sie als gelungen, etwa den „Fall Aiwanger – wie groß ist der Schaden für die politische Kultur?“ oder ein Nahost-Stück mit der Holocaustüberlebenden Margot Friedländer und Abdul Chahin, der in Deutschland geboren ist und palästinensische Eltern hat. Beide äußerten sich sehr ähnlich.
Nicht polarisieren, nicht auf Knalleffekte, sondern auf Nüchternheit setzen, das ist für Anne Will ein Credo. Schon beim Terroranschlag von New York, 2001, als sie noch die „Tagesthemen“ moderierte, habe sie erfahren, dass sich Zuschauer bedankten für „die Ruhe“, die sie damals angesichts der hochkochenden Wut ausgestrahlt habe. Im Netz wird das nicht immer so anerkannt: „Wohlfühl-Talkshow fürs Establishment“, eine „wattesanfte politische Talkshow“ kritisierten Zuschauer nach dem „Zeit“-Podcast über Anne Will. Ganz ohne Reibungs- und Konfliktstoff kommt aber keine Talkrunde aus, und die Auswahl der Gäste ist da entscheidend. Als Anne Will 2008 den damals noch zur Linkspartei gehörenden Oskar Lafontaine einlud, gemeinsam mit dem CSU-Mann Günther Beckstein, da ging es hoch her. Beckstein warf Lafontaine „saudummes Geschwätz“ vor, und nach der Sendung verlangte ein CDU-Politiker die Absetzung von „Anne Will“, weil die Moderatorin Rot-Rot in Berlin zu positiv bewertet habe. Ähnlich hoch gingen die Wogen 2016 nach einer Sendung mit einer vollverschleierten Islamistin im Studio, bei der es hieß, da werde dem radikalen Islam eine Bühne gegeben.
Mit extremen Gästen ist Anne Will vorsichtiger geworden, seit zwei Jahren hat sie keinen AfD-Politiker eingeladen, sie wolle eine „konstruktive Auseinandersetzung“,erklärt sie. Inzwischen habe sich gezeigt, dass die Umfragewerte der AfD unabhängig davon steigen, ob die großen Talkshows Vertreter der AfD einladen oder nicht, sagt Anne Will unserer Zeitung: „Das heißt für mich: Es liegt nicht an den Diskussionssendungen im Fernsehen.“
Aber kann ein prominenter Sendeplatz die Rechtspopulisten ignorieren, wenn sie in den Umfragen ständig steigende Werte haben? Und sind Talkrunden überhaupt noch sinnvoll? Frank Brettschneider, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Uni Hohenheim, liegt bei diesen Fragen voll auf der Linie von Anne Will: Es gebe für Politiker keinen Anspruch auf die Teilnahme an einer Talkshow, über die Einladungen entschieden die Redaktionen. „Dabei kann auch eine Rolle spielen, wie die Diskussion bei der Auswahl bestimmter Teilnehmer wahrscheinlich laufen wird.“ AfD-Politiker seien bekannt dafür, dass sie Talkshows „kapern“, so Brettschneider. „Sie provozieren – und dann wird im Großteil der Sendung über diese Provokation gesprochen, statt über das ursprüngliche Thema.“ Mit dem Einspielen von O-Tönen von AfD-Politikern könnten die Positionen von Rechtspopulisten auch in Talkrunden präsentiert werden.
Den politischen Talkrunden misst der Experte nach wie vor eine hohe Bedeutung zu: Sie fassten aktuelle politische Diskussionen mithilfe von prominenten Politikern, Wissenschaftlern und Journalisten zusammen und lieferten gelegentlich Zitate für die politische Berichterstattung am nächsten Tag. „Dann ist ihre Reichweite größer, als es die Zuschauerzahlen vermuten lassen.“ Die Hauptfunktion der Sendungen sei nicht die Diskussion an sich, „sondern die Teilnehmenden sprechen zum Publikum, das sie auf ihre Seite zu ziehen versuchen“.
Das Format ließ sich die ARD was kosten: Laut „Business Insider“ zahlte das Erste für die dreißig Sonntagssendungen mit Anne Will (NDR) 2021 bis 2023 pro Jahr rund 7,5 Millionen Euro. Pro Ausgabe wären das 250 000 Euro.
Am Sonntag also ihre letzte Sendung – „auf diesem Sendeplatz!“, beeilt sich Anne Will bei entsprechenden Anmerkungen hinzuzufügen. Früher habe sie alle vier oder fünf Jahre den Job gewechselt, sagt die 57-Jährige, jetzt wolle sie nach 16 Jahren etwas Neues machen –Reportagen, Dokumentationen, Interviews, ein Bühnenprogramm, Podcasts. „Man wird sehen.“ Und sie wolle endlich mal den Halbmarathon laufen – und das sei nur sonntags möglich. Um mehr Abwechslung in den Berufsalltag zu kriegen, sei sie in jüngster Zeit schon auf wechselnden Strecken nach Berlin-Adlershof gefahren. Die ARD will der „Tagesthemen“-Moderatorin Caren Miosga den Talkrunden-Platz am Sonntag geben, wann es losgeht, wird der NDR nächste Woche verkünden. Manchem Politiker fällt der Abschied von Anne Will schwer, vielen Zuschauern sicher auch. „Hat Spaß gemacht“, murmelte am vergangenen Sonntag in der letzten Sendeminute der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), im Studio von Anne Will: „Schade, dass Sie gehen.“