Absolute Beginners Ein Leben ohne Sex

Keine Nähe, keine Beziehung, kein Sex – weil es sich nie ergeben hat. Foto: Adobe Stock/Good Studio

Sie nennen sich Absolute Beginners. Es sind Menschen, die noch nie eine Beziehung hatten – meist unfreiwillig, weil es sich irgendwie nie ergeben hat. [Plus-Archiv]

„Als ich 14 Jahre alt war, hat mal ein Junge versucht, mich überraschend und von hinten zu umarmen. Automatisch habe ich meine Ellenbogen ausgefahren, weil ich so überfordert war. Er bekam einige blaue Flecke ab.“ Spätestens da war Melanie klar: Irgendwas ist anders mit mir.

 

Melanie, die in Wirklichkeit anders heißt, ist in einem sehr distanzierten Elternhaus aufgewachsen. In den Arm nehmen oder Kuscheln mit Mutter und Vater, das gab es nicht. „Das höchste der Gefühle war mal, als mich mein Vater beim Schlittschuhlaufen an die Hand genommen hat“, erzählt die heute 38-Jährige.

Wie auf einem anderen Stern

Vielleicht konnte Melanie als Teenager deshalb auch nicht verstehen, was alle anderen plötzlich so schön fanden am Sichverlieben, Händchenhalten, Kuscheln, Sexhaben. „Zu der Zeit lebte ich wie auf einem anderen Stern.“ Wenn sie mal in der Disco war und angetanzt wurde, hat Melanie schnell das Weite gesucht. Dabei ist sie durchaus attraktiv und lebensfroh. „Die Männer haben wahrscheinlich immer gedacht, ich bin arrogant und habe es nicht nötig“, sagt Melanie und lacht.

Jahrelang hat sie darüber nachgedacht, ob sie vielleicht asexuell ist und einfach gar keine körperliche Nähe, keine Beziehung braucht. „Wenn ich Paare beobachtet habe, hat mir aber schon immer irgendwas gefehlt. Die Sehnsucht danach war also auf jeden Fall da. Ich habe mich allein unvollständig gefühlt.“

Das Gefühl: große Peinlichkeit

Mit Freunden oder Familienmitgliedern spricht Melanie darüber nicht. „Unsere Gesellschaft geht stark davon aus, dass man als Jugendlicher ab einem bestimmten Alter einfach bestimmte Beziehungserfahrungen gesammelt hat und eine Partnerschaft irgendwann dazugehört. Dass das bei mir anders war, habe ich für mich behalten, weil ich Angst hatte, sonst schief angeschaut zu werden.“ Wegen ihrer fröhlichen und offenen Art hätte das unfreiwillige Singleleben auch keiner aus ihrem Umfeld vermutet.

Irgendwann mit Mitte zwanzig, nach dem Besuch eines Auswärtsspiels mit ihren Fußballfreunden, landet sie dann mal mit einem Mann in einem Zimmer und auch in einem Bett. „Beim Versuch, mich zu küssen, hat er schnell gemerkt, dass ich keine Ahnung habe. Das habe ich dann auch gleich zugegeben. Da hat er sich umgedreht und ist eingeschlafen“, erzählt Melanie. Noch heute verbindet sie mit diesem Erlebnis nur ein Gefühl: eine große Peinlichkeit.

Umarmen. Aber wie?

Und doch nimmt Melanie ein Jahr später allen Mut zusammen, lernt einen Mann kennen – und zieht nach nur drei Wochen sogar mit ihm zusammen. Er hatte mehr Geduld mit ihr, ließ über sich ergehen, dass sie trotz ihres Alters nicht wusste, wie fest man zum Beispiel jemanden umarmen darf, damit es sich angenehm anfühlt. „Andere lernen das mit ein, zwei Jahren, ich war fast 30“, erinnert sich Melanie.

Gehalten aber haben diese und eine weitere Beziehung nicht. Heute ist Melanie wieder auf der Suche nach einem Mann. Nach dem Gefühl von Nähe und Vertrautheit, welches einem eine Partnerschaft geben kann. „Seit ich das mal erlebt habe, möchte ich es schon irgendwann wieder haben.“ Die 38-Jährige ist optimistisch, dass das klappt. „Meine Vergangenheit ist, wie sie ist. Aber ich habe gemerkt, dass es sich lohnt, an sich zu arbeiten und anderen Vertrauen zu schenken.“

Das Selbstwertgefühl als Hürde

Stefan weiß noch überhaupt nicht, wie sich das anfühlt, in einer Partnerschaft zu leben. Der 28-Jährige, der sich ebenfalls einen anderen Namen für die Berichterstattung gewünscht hat, hatte noch nie eine Liebesbeziehung. Als Teenager stand ihm sein geringes Selbstwertgefühl im Weg, meint er heute. Er habe sich das nicht so recht getraut mit dem Flirten. Und wenn er sich doch mal dazu überwinden konnte, ein Mädchen anzusprechen, erhielt er meist einen Korb. „Dadurch wurde meine Unsicherheit immer größer und irgendwann hatte ich gar keinen Bock mehr, auf Frauen zuzugehen“, erzählt Stefan.

Er wirkt ebenso wie Melanie am Telefon aufgeschlossen und kommunikativ, er bezeichnet sich selbst als sozialen Menschen mit Freundeskreis und Hobbys und als durchaus attraktiv. Irgendwann mit Mitte zwanzig gibt Stefan sich endlich einen Ruck und sucht einen Therapeuten auf. „Er hat mir sehr dabei geholfen, wieder auf Frauen zugehen zu können und mich hier mehr zu trauen.“

Fehlende Teenager-Erlebnisse nachholen

Über verschiedene Internetforen und soziale Medien lernt er dann tatsächlich immer mal wieder Frauen kennen, mit denen er sich trifft, manche auch küsst. Zu mehr kommt es aber nicht, auch, weil Stefan sehr offen damit umgeht, dass er noch keine sexuellen Erfahrungen gesammelt hat.

„Das schreckt viele ab, sie können das einfach nicht verstehen“, sagt Stefan. Und er selbst kann das irgendwie auch nachvollziehen. „Andere Teenager sammeln unbeschwert ihre Erfahrungen und stehen mit Anfang dreißig dann eben ganz anders da als ich.“

Bleibt’s bei Freundschaft oder wird das mehr?

Mittlerweile hat Stefan sich einer guten Freundin anvertraut. Sie will ihm dabei helfen, die fehlenden Teenager-Erlebnisse nachzuholen. Erste intime Kontakte gab es bereits. Ob es bei einem reinen Freundschaftsdienst bleibt oder ob sich eventuell mehr zwischen den beiden entwickeln könnte?

Stefan weiß es nicht. Für den Moment ist er einfach nur froh, dass er endlich seine Erfahrungen sammeln darf. Damit es dann irgendwann vielleicht auch mal mit einer richtigen Liebesbeziehung klappen könnte.

Der Text erschien erstmals am 14.08.2020. 

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