Teruel - Zwischen Äckern und abgeernteten Kornfeldern tauchen wie eine Fata Morgana unter weißblauem Himmel die riesigen Flugzeuge auf. Ihre Seitenleitwerke ragen in den Horizont wie die Rückenflossen von Haien. Mehr als hundert Passagierflugzeuge stehen hier perfekt sortiert in der Sonne. Hinter ihnen ein kleines Empfangsgebäude, zwei Hangars und eine knapp drei Kilometer lange Landebahn. Das ist, inmitten eines Niemandslandes auf 1000 Metern Höhe, der Flughafen von Teruel im ostspanischen Aragón – der Parkplatz für viele Flugzeuge, die während der Corona-Pandemie von Fluggesellschaften ausgemustert wurden.
Allein die deutsche Lufthansa ist derzeit mit 36 Flugzeugen der Marke Airbus in Teruel vertreten: 17 A 346 und sieben A 380 für Interkontinental-Flüge sowie zwölf kleinere A 320. Mehr Fluggerät hat Lufthansa hier noch nie geparkt. Alles in allem verfügt der Konzern über 763 Jets, von denen viele auch in Deutschland eingemottet sind. Im kommenden Herbst sollen etwa 380 Flieger wieder in der Luft sein.
Teruel existiert tatsächlich
Teruel selbst braucht eigentlich gar keinen Flughafen. Die Stadt hat gerade einmal 35 000 Einwohner, die Provinz 135 000. Mit neun Einwohnern pro Quadratkilometer ist die Gegend so dünn besiedelt, dass sich vor Jahrzehnten eine Bewegung unter dem Namen „Teruel existiert!“ zusammenfand, um den Rest Spaniens genau daran zu erinnern: dass Teruel existiert. Der vor sieben Jahren eröffnete Flughafen könnte einer der vielen spanischen Flughäfen sein, die sich eitle Provinzfürsten in den Boomjahren um die Jahrtausendwende vor die Haustür setzten, um damit nichts als Verluste einzufliegen. Stattdessen ist der Flughafen von Teruel aber ein Erfolg.
In Teruel werden nicht nur Flugzeuge geparkt, sondern auch gewartet und abgewrackt. Mit Platz für 120 Maschinen ist er der größte Flughafenparkplatz Europas, und er soll bald noch größer werden. In Coronazeiten ist die Nachfrage nach Stellplätzen höher denn je. Im April flog über Europa fast gar kein Flugzeug; im Juli, berichtet der Flughafenverband ACI Europe, lag das Passagieraufkommen noch immer 78 Prozent unter dem Vorjahreswert.
Kaum Regen, aber auch keine Wüste
Wohin mit den ungenutzten Flugzeugen? Am besten nach Teruel. Aber warum? „Hier ist es sonnig und trocken“, sagt Pedro Sáez, der Direktor von Tarmac Aragón, „die Luft ist nicht salzhaltig und die Luftfeuchtigkeit gering, ohne dass es Wüste wäre.“ Trockenheit ist gut für die Flugzeuge, Wüste nicht. Der gebürtige Madrider Sáez hat auch schon im saudischen Riad gearbeitet. „Ich bin dort mal bei einem Sandsturm Auto gefahren, Fenster geschlossen, Klimaanlage ausgeschaltet, Maske vor dem Gesicht. Hinterher hatte ich den Geschmack von Sand im Mund.“ Das passiert in Teruel nicht.
Das Klima ist bestens. Außerdem ist hier Platz ohne Ende. Und es gibt keinen störenden Flugverkehr. Erst seit kurzem landen hin und wieder kleine Privatflugzeuge. Tarmac ist die Firma, die dafür sorgt, dass die geparkten Flugzeuge flugbereit bleiben. Sie pflegt, wartet und überholt die Maschinen. Bei neuen Modellen muss dafür eine Liste von 4000 Einzelaufgaben abgearbeitet werden, erklärt Sáez, vom gelegentlichen Anlassen der Motoren, dem Schmieren von Gelenken, dem Bewegen der Räder bis hin zur Überprüfung der Elektrik. Im Wochen-, Zweiwochen-, Monats-, Quartals- oder Halbjahresrhythmus, je nachdem.
Drei Flugzeugheber halten die 132-Tonnen-Maschine
Eine der aufwendigen Arbeiten hat Sáez vor Augen: Aus seinem verglasten Büro blickt er auf einen Airbus A 340, dem gerade das Hauptfahrwerk ausgewechselt wird, wofür drei Flugzeugheber die 132 Tonnen schwere Maschine in der Schwebe halten. Kaum ein Geräusch ist zu hören, ein Großraumbüro macht mehr Lärm als dieser Hangar. Auf dem Flughafengelände soll bald eine weitere, größere Halle gebaut werden, mit Platz für zwei Airbus A 380, dem größten Passagierflugzeug der Welt. „Ein Wunderwerk“, sagt Sáez, genau wie der „großartige“ Jumbojet Boing 747. Luftfahrtingenieur Sáez liebt seine Arbeit.
Gerade von den großen Flugzeugen, die sonst von Kontinent zu Kontinent fliegen, stehen derzeit besonders viele still. Für Teruel sollte das ein Glück sein – je schlechter es der Luftfahrtindustrie geht, umso besser läuft das Geschäft mit dem Parken und Warten. „Nein!“, widerspricht Sáez energisch. „Die Lage ist für alle schlecht.“ Als die Corona-Pandemie in Europa Schwung aufnahm, zwischen Mitte März und Mitte April, musste Tarmac erst einmal etliche Leute in Kurzarbeit schicken. Von den damals 75 geparkten Flugzeugen wurde plötzlich keines mehr von seinen Besitzern abgeholt. In normalen Zeiten stehen die Flugzeuge durchschnittlich anderthalb Jahre in Teruel. Wenn sie dann wieder in den Flugbetrieb gehen, müssen sie ein letztes Mal überholt und startklar gemacht werden, was eine bis drei Wochen dauert. Diese Arbeit fiel nun plötzlich weg. Deshalb die Kurzarbeit.
Danach ging es bei Tarmac Aragón aber dann doch noch ordentlich aufwärts. 40 zusätzliche Flugzeuge kamen wegen des Einbruchs des Luftverkehrs zum Parken nach Teruel, neue Leute wurden eingestellt, die anderen aus der Kurzarbeit geholt. Jetzt arbeiten hier rund 150 Menschen, Anfang des Jahres waren es 105. Ein Corona-Boom.
Direktor wünscht sich Ende der Corona-Krise
Sáez will ihm jedoch kein großes Gewicht beimessen: Das Geschäft sei auch vorher gut gelaufen. „Wir haben hier vor sieben Jahren mit sechs Flugzeugen angefangen, und vor Ausbruch der Pandemie waren es eben 75.“ Schließlich steht auch zu normalen Zeiten ein gewisser Prozentsatz der weltweiten Flotte still – etwa, weil eine Airline pleite geht und ihre Maschinen neue Käufer oder Mieter finden müssen. Pandemien sind nicht Teil von Tarmacs gewöhnlichem Geschäftsmodell. Und wenn die gegenwärtige zu lange anhält, dann hat bald niemand mehr das Geld, um die nötigen Wartungsarbeiten der geparkten Flugzeuge zu bezahlen.
Auch das Schlussstück der Flugzeugverwertung, Ausschlachtung und Recycling, das hier in Teruel betrieben wird, braucht fortgesetzte Nachfrage: 94 Prozent des Flugzeuggewichts – Aluminium, Stahl, Titan –, gehe wieder in den Flugzeugbau, erklärt Sáez. Vorher werden noch an die 1500 brauchbare Komponenten aus dem alten Flugzeug ausgebaut. Bei einer kleinen Rundfahrt über den Flugplatz zeigt Sáez auf einen dieser ausgeweideten Rümpfe, der gerade mit einem Stahlseil zersägt wird. Fotos davon sind nicht erwünscht – die Fluggesellschaften wollen keine Bilder ihrer einst strahlenden Maschinen als Kadaver sehen. Obwohl’s keine Schande ist.
Lufthansa braucht ihre Flieger vorerst nicht
Wird man nach der Pandemie noch so viel fliegen wie vor der Pandemie? „Ich glaube ja“, sagt Sáez. Er selbst wird es sowieso tun: Ihn entspannt das Fliegen, sagt er. „Wenn man weiß, wie aufmerksam und rigoros die Flugzeuge gepflegt werden, dann verliert man die Angst vorm Fliegen.“ Was vorerst bleibt, ist die Angst vor dem Virus.
Auch die Lufthansa kann auf ihre 36 Flieger vorerst verzichten. „Ob und wann die Flugzeuge reaktiviert werden, hängt vom Markt ab“, sagt ein Unternehmenssprecher unserer Zeitung, derzeit plane man für 2020 keine Reaktivierung der in Teruel geparkten Maschinen. Lufthansa-Chef Carsten Spohr geht bislang davon aus, dass erst im Jahr 2023 wieder ein normales Maß an Flugverkehr erreicht sein wird, allerdings mit 100 Fliegern weniger als noch 2019. Ändern sich die Planungen aber, sollen die Flugzeuge von Teruel bald wieder startbereit sein. Dafür wollen Sáez und seine Kollegen sorgen.