Der Niedergang der renommierten Oldtimerwerkstatt Kienle verlief rasant. Noch vor einem Jahr hat der Gründer Klaus Kienle seine glänzenden Fahrzeuge auf einem großen Messestand bei den Retro Classics in Stuttgart ausgestellt. Heute wird gegen ihn wegen des Verdachts auf Betrug, Untreue und Bankrott ermittelt – Vorwürfe, die er kategorisch bestreitet. Der Betrieb in Ditzingen ist insolvent und wurde mittlerweile in wesentlichen Teilen an die Mercedes-Benz Heritage GmbH verkauft.
Die Gründe für die Insolvenz liegen mit dem Bericht des Insolvenzverwalters Philipp Grub nun erstmals offen zutage. Er offenbart auch Vorgänge, die für Kienle potenziell strafrechtlich brisant sind.
In dem Bericht, der unserer Zeitung vorliegt, nennt der Stuttgarter Fachanwalt Grub drei Gründe und einen konkreten Auslöser, die im Oktober 2023 zur Zahlungsunfähigkeit geführt haben. Trotz des guten Rufs, den die Kienle Automobiltechnik GmbH weltweit genossen habe, musste das Unternehmen „seit Jahren mit Liquiditätsproblemen kämpfen“, so Grub.
Die Gründe für die Insolvenz
Erster Grund: Während der Coronapandemie brach das Handelsgeschäft mit Oldtimern ein. Zweiter Grund: Der Werkstattbetrieb konnte die fehlenden Gewinne nicht wettmachen. Im Gegenteil, die Restaurierung und Wartung der Autoklassiker war defizitär. Laut Insolvenzbericht wurden Kostenvoranschläge regelmäßig zu niedrig angesetzt, die Mehrkosten trug die Kienle GmbH, „um die guten Kundenbeziehungen nicht zu belasten“. Die dadurch entstehenden Verluste habe Kienle auszugleichen versucht, indem Kunden für beinahe alle Projekte im Voraus bezahlen mussten, und zwar „in Höhe von bis zu 100 Prozent des Kostenvoranschlags“. Das Geld wurde genutzt, um aktuelle Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Aktuell verzeichnet Grub Verbindlichkeiten von 4,2 Millionen Euro, die sich daraus ergeben, dass für Vorauszahlungen keine Gegenleistung erfolgt ist.
Dritter Grund: Die Ende Mai 2023 publik gewordenen Betrugsvorwürfe haben laut Grub das Image des Betriebs erheblich geschädigt, bereits erteilte Werkstattaufträge wurden zurückgezogen, die Akquise wurde schwieriger.
Ein seltsamer Oldtimerdeal über 1,5 Millionen Euro
Zum Auslöser der Insolvenz wurde eine Auseinandersetzung über ein von Kienle für 1,5 Millionen Euro verkauftes Auto. Die Käuferin verlangte die Herausgabe der Fahrzeugpapiere. Weder die Kienle GmbH noch ihr Chef waren aber Eigentümer des Wagens, „und der vereinnahmte Kaufpreis wurde auch nicht an den wahren Eigentümer weitergeleitet“, heißt es im Insolvenzbericht. Die Käuferin konnte ihre Ansprüche durchsetzen, dies habe zur Pfändung sämtlicher Kienle-Konten geführt.
Dem Bericht kommt im Insolvenzverfahren hohe Bedeutung zu. Er stellt die Grundlage für weitreichende Entscheidungen der Gläubigerversammlung dar, etwa über den Verkauf des Betriebs, entsprechend hoch sind die Anforderungen an die Belegbarkeit der Ausführungen.
Kienle stellt den Hergang anders dar
Klaus Kienle aber zieht den Bericht in Zweifel. In seinem Namen teilt der Anwalt Ruben Engel mit, sein Mandant habe „persönlich keine Kostenvoranschläge erstellt“. Soweit er daran mitgewirkt habe, habe er immer die tatsächlich zu erwartenden Kosten angesetzt. Zum Auslöser der Insolvenz entgegnet Engel: Nach Kenntnis seines Mandanten sei kein Fahrzeug für 1,5 Millionen Euro verkauft worden, das weder in seinem noch im Eigentum der GmbH war.
Kienle widerspricht zudem einem Passus des Berichts, der als Erklärung für das Hausverbot für Kienle angeführt wird. Entgegen ausdrücklicher Absprache zwischen dem damals noch vorläufigen Insolvenzverwalter und der Geschäftsleitung seien „mehrfach Fahrzeuge und Ersatzteile abhandengekommen“, heißt es dort. Dies sei falsch, so Engel. Die Betrugsvorwürfe im Zusammenhang mit manipulierten Oldtimern spielen in Grubs Bericht keine weitere Rolle. Die Ermittlungen dauern an und werden von ihm unterstützt, heißt es nur.
Die Gläubiger können dem Bericht entnehmen, dass sie wohl vier Fünftel ihrer Forderungen abschreiben müssen. Die voraussichtliche Befriedigungsquote wird mit 20,37 Prozent beziffert. Anerkannten Forderungen von 16 Millionen Euro stehen verfügbare Mittel von 3,26 Millionen gegenüber.
Bei den Schulden stehen Privatdarlehen über insgesamt rund 5,7 Millionen Euro zu Buche, aber auch unbezahlte Rechnungen aus Lieferungen und Leistungen von 3,7 Millionen sowie wie beispielsweise 106 284 Euro, die noch an die AOK Baden-Württemberg zu zahlen wären. Die verfügbaren Mittel speisen sich hauptsächlich aus dem Kaufpreis von 3,05 Millionen, der von Mercedes-Benz überwiesen wurde – davon 1,5 Millionen für das Ersatzteillager, 350 000 Euro für Maschinen und 1,2 Millionen für immaterielle Werte wie die Kundendaten und das Know-how der übernommenen Mitarbeiter.
Kienles Anwalt hält den Preis nicht für angemessen. Mercedes-Benz Heritage hätte für die „Sahnestücke“ des Betriebs nur einen Bruchteil dessen bezahlt, was bei früheren Übernahmegesprächen im Raum gestanden habe. Erstaunlich sei, dass der Insolvenzverwalter „andere Interessenten, die einen höheren Betrag gezahlt hätten, überhaupt nicht zuließ“, so Engel. Auf Anfrage entgegnet Insolvenzverwalter Grub: „Wir haben einen strukturierten Veräußerungsprozess durchgeführt. Dabei wurden nicht nur mögliche Übernahmeinteressenten aktiv von uns ermittelt und angesprochen, sondern es sind auch sämtliche vorhandenen Kontakte und Hinweise auf mögliche Übernahmeinteressenten sowie eingehende Anfragen eingeflossen.“ Alle Interessenten hätten Angebote abgeben können. Laut Insolvenzbericht wurden 462 Investoren angesprochen, 33 erhielten vertiefte Informationen. Am Ende gab es nur ein bindendes Angebot: jenes von Mercedes.