Achtjähriges Gymnasium Lehrer fürchten "Abi light"

Von dpa 

Das achtjährige Gymnasium ist den Lehrern und dem Philologenverband seit jeher ein Dorn im Auge. Sie fürchten ein "Abi light".

 Foto: dpa
Foto: dpa
Stuttgart - Die Gymnasiallehrer bangen um das Gütesiegel Abitur "made in Baden-Württemberg". Bernd Saur, Landeschef des Philologenverbands warnte Kultusministerin Marion Schick (CDU) davor, große Korrekturen am achtjährigen Gymnasium (G8) vorzunehmen. "Eine weitere Reduzierung der Stoffes wird den guten Ruf der baden- württembergischen Reifeprüfung beschädigen", sagte Saur der dpa. Zudem würden die Abiturienten womöglich nicht ausreichend auf das Studium vorbereitet.

Schick bemühte sich, dem Verbandschef die Sorge zu nehmen. "Es geht nicht um eine Reduzierung des Stoffes, sondern darum zu prüfen, inwieweit organisatorische Maßnahmen Entlastung schaffen können", erklärte eine Sprecherin des Ministeriums am Sonntag in Stuttgart. Die Ressortchefin hatte die Regierungspräsidien gebeten, bis Mitte Juli über die Umsetzung der verkürzten Gymnasialzeit an den einzelnen Schulen zu berichten und danach Verbesserungsvorschläge einzureichen.

Aus Saurs Sicht ist die Qualität des Abiturs nur zu halten, wenn Schulen wieder neunjährige Züge anbieten können. "Dann können sowohl die jungen Menschen, die langsamer lernen, als auch die schnelleren entsprechend ihren Möglichkeiten ohne Qualitätsabstriche zum Abitur kommen." Wenn Universitäten wie das Karlsruher Institut für Technologie in Kooperation mit der Universität Stuttgart dem Ingenieursstudium Vorbereitungs-Kollegs vorschalten wollen, zeige dies, dass die Hochschulen mit Qualitätseinbußen bei den künftigen Abgängern aus dem Gymnasium rechneten.

Einer Rückkehr zu neunjährigen Zügen oder auch dem vom Philologenverband geforderten Nebeneinander von G8 und G9 hatte die Ministerin aber eine Absage erteilt. Sie begründete mögliche Nachjustierungen auch mit Klagen darüber, dass junge Menschen wegen starker schulischer Belastung kaum noch Zeit für Sport oder Musik hätten. Saur betonte, davor habe der Verband schon bei der flächendeckenden Einführung der achtjährigen Züge im Jahr 2004 gewarnt. "Damals ist uns immer wieder gesagt worden, diese Aktivitäten können in den Unterricht integriert werden, nach sechs Jahren merkt man nun, das dies so einfach nicht möglich ist," kritisierte der Lehrer aus Ulm.

Der europäische Standard ist umstritten


Das Thema wird bei der Delegiertenversammlung des Philologenverbands am Freitag kommender Woche (9. Juli) im Fokus stehen. Die Ministerin Schick werde sich in ihrer Grundsatzrede dazu äußern, kündigte ihre Sprecherin an.

Das Argument der Verfechter von G8, der verkürzte Weg zur Reifeprüfung sei europäischer Standard, zählt für Saur nicht. "Ich pfeife auf diese Norm, wenn sie für unser Abitur einen Qualitätsverlust bedeutet." In Frankreich müssten Abiturienten ein Vorsemester absolvieren, bevor sie überhaupt ein Studium aufnehmen können, in Großbritannien sei das Erlernen von Fremdsprachen nicht mehr verpflichtend. Im Hochschulbereich solle ungeachtet des Bologna- Prozesses mit dem Titel Diplom-Ingenieur auch ein deutsches Markenzeichen erhalten werden. "Das gleiche könnten wir auch für unser klassisches deutsches Abitur beanspruchen", betonte der Pädagoge.

Überdies bringe ein Jahr Schulzeitverkürzung in vielen Fällen nichts. Er wisse aus Erfahrung: "Die meisten Abgänger fangen gar nicht unmittelbar nach dem Abitur an zu studieren, sondern gehen etwa als Au-Pair ins Ausland oder absolvieren ein soziales Jahr oder ein Praktikum."

Schick könne mit einem flexiblen Umgang mit der Gymnasialzeit bei den Eltern punkten. Saur sagte: "Die Parallelität der acht- und neunjährigen Züge wäre doch kein Gesichtsverlust. In anderen Bundesländern wird dieser Weg auch wieder beschritten."

So durchlaufen in Hessen die Schüler an den Integrierten Gesamtschulen neun Jahre bis zum Abitur. Die Kooperativen Gesamtschulen, wo die Schüler unter einem Dach, aber getrennt nach Schulform lernen, können seit dem Schuljahr 2008/09 die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur rückgängig machen; von 123 haben sich dafür 42 dafür entschieden, weitere fünf werden voraussichtlich zum neuen Schuljahr folgen. In Schleswig-Holstein sollen die Gymnasien nach einem Schulgesetzentwurf vom Schuljahr 2011/12 neben G8 auch wieder G9 anbieten können. In Kiel hatten vor kurzem Elternvertreter nach massiven Protesten gegen G8 Bildungsminister Ekkehard Klug (FDP) 21.400 Unterschriften zugunsten von G9 übergeben.